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Frühkritik | Beitrag vom 17.07.2020

Philip Kerr: "Trojanische Pferde" Späte Schuld

Von Thomas Wörtche

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Philip Kerr: "Trojanische Pferde" (rowohlt / Deutschlandradio Kultur)
Philip Kerr: "Trojanische Pferde" (rowohlt / Deutschlandradio Kultur)

Philip Kerrs historischer Kriminalroman „Trojanische Pferde“ führt in das Griechenland des Jahres 1957 – und erzählt von einer schmutzigen Intrige rund um das Vermögen ermordeter Juden, in das auch die junge Bundesrepublik Deutschland verwickelt war.

"Trojanische Pferde" ist der dreizehnte Roman um Bernie Gunther, den Mordermittler, der höchst effektiv für die schlimmsten Nazi-Verbrecher wie Reinhard Heydrich oder Arthur Nebe in der SS und im SD gearbeitet hatte, ohne je selbst Nazi gewesen zu sein.

Jetzt, in dem vorletzten Bernie-Gunther-Roman, den Philip Kerr noch vor seinem Tod fertigstellen konnte, verschlägt ihn sein komplizierter Lebensweg 1957 nach Griechenland.

Gunther hat unter falscher Identität bei der Versicherung "Münchner Rück" als Schadensregulierer angeheuert, um endlich zu einer Art bürgerlicher Existenz zu finden. Der Job führt ihn nach Griechenland, wo er eigentlich nur ein Schiffsunglück begutachten soll. Zumindest denkt er das, aber peu à peu muss er zur Kenntnis nehmen, dass er mitten in einem extrem schmutzigen Spiel alter Nazis, dem BND und der Adenauer-Regierung gelandet ist, bei dem es um das Vermögen ermordeter Juden in Griechenland geht, und um die Ranküne der jungen BRD, keine Reparationen an Griechenland zahlen zu müssen. 

Auftritt von Personen der Zeitgeschichte

Wie immer bei Kerr treten Personen der Zeitgeschichte auf, nicht als Cameos, sondern als konstitutive Protagonisten des Romans: Hier Max Mertens, ehemals Verwaltungsoffizier der Wehrmacht in Saloniki, und SS-Hauptsturmführer Alois Brunner, verantwortlich für die Deportation und Vernichtung hunderttausender Juden nicht nur aus Griechenland.

Der mit anscheinend indolentem Zynismus gepanzerte Gunther fühlt an dieser Stelle das Bedürfnis endlich "Gutes" zu tun, als eine Art persönlicher "Wiedergutmachung" an den griechischen Opfern des Holocaust und an dem geschundenen griechischen Volk.  Aber das ist angesichts der neuen politischen Realien – dem geplanten Beitritt Griechenlands in die schon wieder von den Westdeutschen dominierte EWG (später EU) – ein eher naives Ansinnen.

Griechenland während deutscher Besatzung

Der Roman ist sehr fein geplottet, und die erzählerisch souveräne Pranke Kerrs lässt über ein paar kontextuelle Ungenauigkeiten hinwegsehen. Dass Bernie Gunther ein eher steinzeitliches Frauenbild hat und mit galligen Bemerkungen über Griechenland und die Griechen nicht gerade zurückhaltend ist - tatsächlich hören wir sehr genau die Echos, die wir aus der Griechenlandpolitik während der "Euro"-Krise nur allzu gut kennen - kann man mit gutem Willen als "Figurenrede" zur Charakterisierung des alten Querkopfs Gunther verstehen. Der wird dadurch nicht unbedingt sympathischer, aber plausibler, zumal sich sein neuer moralischer Furor an zwei beeindruckenden Frauenfiguren entzündet, eine davon eine Mossad-Agentin.

Die Bearbeitung deutscher Schuld aus britischer Feder – das hat schon was, zumal bis auf D.B. Blettenberg und Orkun Ertener sich kaum deutsche Autor*innen mit Griechenland während der deutschen Besatzung beschäftigt haben, zumindest nicht im Genre des "Polit-Thrillers". Aber wer weiß, schließlich hatte auch Philip Kerr schon 1989 die dann mit erheblicher Verspätung aufgekommene Welle der deutschen Produktion historischer Kriminalromane aus dem Berlin der 1920ff. Jahre losgetreten.

Philip Kerr: "Trojanische Pferde"
Aus dem Englischen von Axel Merz
Wunderlich, Hamburg 2020
492 Seiten, 24 Euro

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