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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.02.2015

PferdeporträtsEin Buch für Ästheten

Von Kim Kindermann

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Ein Islandpferd steht auf einer Weide nahe Husavik im Norden von Island. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
"Pferdeaugenblicke" erzählt nicht nur von der Schönheit von Pferden, sondern auch von ihrer Ausdrucksstärke. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Die Fotografin Ruth Marcus ist fasziniert von der besonderen Beziehung zwischen Mensch und Tier - und versucht genau diese, in ihren Bildern einzufangen. Das gelingt ihr auch im Sachbuch "Pferdeaugenblicke" völlig frei von Klischees.

In den letzten Jahren erfährt die Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung neue Qualitäten: Warum, so die Frage vieler Forscher, haben Menschen ein solches Interesse an Tieren? Warum sehen sie schon seit Urzeiten in ihnen beseelte Wesen, warum dienen sie als Inspirationsquelle der menschlichen Spiritualität, der Kunst, der Musik? Tier und Mensch - das ist eine tiefe Verbindung, für manch einen zählt das Haustier mehr als der nächste Verwandte. Woher kommt diese außergewöhnliche Faszination?

Die Fotografin Ruth Marcus ist schon länger dieser besonderen Beziehung zwischen Mensch und Tier auf der Spur. In einem ihrer früheren Bücher porträtierte sie Männer im Umgang mit ihren Tieren. Sie öffnete so den Blick für eine Beziehung über die Spezies-Grenzen hinweg, wunderbar frei von Klischees. Letzteres macht übrigens ihre Arbeit aus: Ruth Marcus fotografiert stets Individuen, sie will, wie sie im Vorwort zu ihrem neusten Buch schreibt, keine Abziehbilder produzieren, sondern das Wesen der Fotografierten einfangen. Und das gelingt ihr. Auch jetzt wieder. "Pferdeaugenblicke" erzählt nicht nur von der Schönheit von Pferden, sondern auch von ihrer Ausdrucksstärke, ihrer Ausstrahlungskraft, ihrer Einzigartigkeit und den unterschiedlichen Charakteren der Tiere.

Pferde aufs Wesentliche reduziert

Dabei sind alle Bilder schwarz-weiß fotografiert. Kitschige Hintergründe wie blühende Wiesen, prachtvolle blaue Himmel oder Sonnenuntergänge tauchen hier nicht auf. Verbieten sich von selbst. Die Pferde sind damit auf das Wesentliche reduziert. Kunstvoll. Was auch daran liegt, dass fast jede, der in diesem hochwertig ausgestatteten Bildband abgebildeten Fotografien vor einem schwarzen Hintergrund aufgenommen wurde. Die Fotografin hat quasi eine Studioatmosphäre auf der Koppel hergestellt, indem sie in wochenlanger Arbeit riesige Planen spannte. Mit dem Ergebnis, dass die Tiere sich normal verhalten und bewegen und doch durch den dunklen Hintergrund auratisch hervorgehoben werden, kein Photoshop-Bluff, sondern direkte, authentische Fotografie. Jedes ein kleines Kunstwerk, das auch von den Details lebt, die durch den dunklen Hintergrund stärker zur Geltung kommen. Fellmaserung, Wimpern, Augenaufschlag, Kopfhaltung, Barthaare, Beinform, Mähne, Ohren – immer anders, immer speziell, immer eigen.

Bild für Bild entsteht so eine überraschende emotionale Nähe, nicht selten erkennt man bei den Pferden menschliche Gesten: Etwa der neugierig geneigte Kopf eines Schimmels, der auf der Suche nach Futter auf den nächsten Bildern tiefer und tiefer in einem Fass versinkt. Dazu kommen dann Aufnahmen von schlichter Schönheit: Etwa der geschwungene Hals eines stehenden weißen Pferdes mit schwarzer Mähne. Ein Ausschnitt, von unten aufgenommen. Man sieht nur den schön geformten Hals, getragen vom Kontrast. Oder da ist die Rückenansicht eines Schimmels: Von oben fotografiert sieht man letztlich nur den Verlauf der Mähne, wie sich Haar für Haar wellenförmig über den Hals legt. Prachtvoll und edel.

Geste voll Zärtlichkeit und Nähe

Oder das Bild eines Auges: umrankt von dichten, schwarzen Wimpern, in der Linse spiegelt sich letztendlich nur die Sonne. Daneben gleich das Bild des dazugehörigen Fohlens. Diesmal wurde das Tier frontal aufgenommen, ab Stirnmitte sieht man sein Gesicht. Beide Fotos in Kombination sind ein Knaller. Oder da ist die Serienaufnahme zweier Pferde nebeneinander stehend: Ein Kind neben seiner Mutter, von ihr sieht man eigentlich nur den Schweif, in den das Fohlen einzutauchen scheint, genussvoll, ein Geste voller Zärtlichkeit und Nähe. Wunderschön auch das.

Wie überhaupt jedes dieser Bilder an eine Wand gehört. In Großaufnahme. Der Impuls jedenfalls, jedes der Fotos herauszulösen zu wollen, ist kaum zu bändigen. Ergibt sich auf jeder Seite neu. Allein das Wissen um die Rückseite verbietet das. Ruth Marcus hat ein beeindruckendes Buch gemacht – nicht nur für Tiernarren oder Pferdeliebhaber, sondern ein Buch für Ästheten.

Ruth Marcus: Pferdeaugenblicke
Knesebeck, München, 2014
192 Seiten, 60 Euro

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