Mareile Pfannebecker & James A. Smith: "Alles ist Arbeit"

Wie der Neoliberalismus Menschen opfert

07:44 Minuten
Mareile Pfannebeckers und James A. Smiths Buch "Alles ist Arbeit - Mühe und Lust am Ende des Kapitalismus" - der Name der Autoren und der Titel des Buchs stehen in großen grünen und orangenen Farben auf braunem Grund.
© Edition Nautilus

Mareile Pfannebecker & James A. Smith

Alles ist Arbeit. Mühe und Lust am Ende des KapitalismusEdition Nautilus, 2022

224 Seiten

18,00 Euro

Von Bodo Morhäuser · 06.08.2022
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Die Sozialreformen von Rot-Grün oder New Labour haben zu einer vollständigen Fetischisierung von Arbeit geführt, schreiben Mareile Pfannebecker und James A. Smith. Hat ihr Gegenentwurf eine Chance, oder ist er nur utopisch?
Die Sozialreformen von Ronald Reagan in den USA, New Labour in Großbritannien und Rot-Grün in Deutschland haben den Arbeitsbegriff in der westlichen Welt fundamental verändert und wurden Blaupausen für andere Staaten, es ihnen gleichzutun.
Der vorgegebene Sachzwang war die Globalisierung, die Parole dazu lautete: „Wir müssen als Land konkurrenzfähig bleiben“. Neue Beschäftigungsformen entstanden. Die Autoren Mareile Pfannebecker und James A. Smith nennen sie beim Namen: zum einen Missbeschäftigung, zum anderen Entschäftigung.

Der Job wird zur „Missbeschäftigung“

Missbeschäftigung definieren die Autoren so: „Malemployed oder missbeschäftigt zu sein bedeutet, eine Arbeit zu verrichten, die nicht zum Leben reicht. Die unsozial, prekär, körperlich und geistig ungesund ist, die zu einem großen Anteil aus unbezahlten Elementen besteht, die invasiv, übermäßig kontrolliert und unwürdig ist und oftmals Erwerbstätigenarmut mit sich bringt.“
Missbeschäftigung ist Arbeit in Scheinselbstständigkeit, mit allen Anforderungen des Angestelltenlebens, aber ohne dessen Sicherheiten. Das sind Jobs bei Lieferdiensten, in Coffeeshopketten und in Callcentern, wo Angestellte oft pausenloser Kontrolle ausgesetzt sind, von der Videoüberwachung ihrer Tätigkeit bis zur zeitlichen Überwachung ihrer Toilettenpausen.
Diese Menschen würden von sich sagen, sie haben einen Job. Auch wenn das Geld, das sie dafür erhalten, zum Leben oft nicht reicht.

Absturz in die „Entschäftigung“

Seit den sogenannten sozialen Reformen kann man aber noch tiefer fallen: in die „Entschäftigung“. "Die zweite Kategorie, von der wir hier sprechen möchten, disemployment oder Entschäftigung, beschreibt die Erfahrung derjenigen, die aus den Statistiken zur Arbeitslosigkeit herausfallen, gestrichen wurden, die keine Leistungen beziehen, aber auch nicht wieder auf dem Arbeitsmarkt auftauchen, die, mit anderen Worten, schlicht aus der offiziellen Wirtschaft als solcher ausgeschlossen oder gelöscht wurden."
Diese Gruppe umfasst Arbeitslose, die seit den Reformen in Deutschland Arbeitssuchende heißen. Sie umfasst Menschen in staatlich verordneten und privatwirtschaftlich durchgeführten Schulungen, die dadurch aus der Statistik fallen. Menschen, deren Sozialleistungen gekürzt oder gestrichen wurden. Und auch Menschen, die sich bei Jobcentern oder Sozialämtern gar nicht mehr melden und längst aus allen Statistiken zu Beschäftigung und Arbeitslosigkeit verschwunden sind. Das ist gut für die Statistik, wenn auch eher schlecht für die Menschen.

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Die Botschaft dieser Sozial- und Arbeitsmarktpolitik lautet: Zu dieser Gesellschaft gehört und von dieser Gesellschaft wird nur mitgezählt, wer Arbeit hat oder sucht. Die anderen existieren nicht, schreiben Pfannebecker und Smith:

Die vielfältige Gewalt, die aus der Neudefinition von Arbeitslosigkeit seit den 1990er-Jahren resultiert, ist ein Symptom des allgemeinen Vorgehens eines brutalen, aber letzten Endes planlosen Regimes, das am Ende neoliberaler Entwicklungsmöglichkeiten bereit ist, Menschen zu opfern, um das Bild endlosen Wachstums noch ein wenig länger zu wahren. Durch Missbeschäftigung und Entschäftigung wird die Fetischisierung von Arbeit als Gemeinschaft so zu ihrem bitteren Ende durchexerziert.

Weniger Arbeit - aber mehr, die arbeiten

Für Missbeschäftigte und Entschäftigte, aber auch für die, die einen guten Job haben, gilt, wie die Autoren es nennen, das Regime der Lebensarbeit. Im Regime der Lebensarbeit verdient immer irgendjemand an dem, das wir tun. Denn egal, ob wir arbeiten oder Freizeit haben: Wir arbeiten trotzdem, und irgendjemand verdient daran.
So sind wir unsere eigenen Paketzusteller, Supermarktkassierer, Reisebüros und Fahrkartenverkäufer. Aber nicht nur das: Selbst wenn wir gedankenleer auf unsere Handys schauen, verdient jemand Geld daran.
Es klingt paradox, aber es gibt immer weniger Arbeit und immer mehr Leute, die arbeiten. In den sozialen Medien trainieren wir mit jedem Klick die Algorithmen der Betreiberunternehmen. Wir erregen Aufmerksamkeit bei anderen Usern, die mit ihren Klicks die Algorithmen ebenso trainieren und anderswo Aufmerksamkeit erregen. Selbst in der Freizeit produzieren wir pausenlos einen Mehrwert, nämlich unsere Daten:
Heute nimmt YouTube all jene mit offenen Armen auf, die einst beim Casting abgewiesen wurden, ebenso wie die, die einfach nur in ihre Haarbürste singen wollen, und verdient Geld mit ihnen und ihrem Publikum. ... In den neuen Strukturen gibt es keine regelmäßigen Gehälter, keine Renten, keine Sozialleistungen, keine Rechte, keine Kolleg*innen, kurz: keinen Job.
Womit dieses Buch wieder an seinem Ausgangspunkt angekommen ist: Die wunderbare neoliberale Welt mag manch gute Jobs im Angebot haben, aber sie zwingt die Leute auch, Bullshit-Jobs auszuüben. Die Autoren dieses interessanten und lehrreichen Buches geben sich nicht damit zufrieden, die reale Misere zu beschreiben. Sie fragen sich, wie eine zukünftige Gesellschaft aussehen kann, die so ehrlich ist zu sagen, dass es nicht genügend Arbeit für alle gibt. Vielleicht sogar eine Gesellschaft nach dem Ende des Kapitalismus.

Forderung nach einem Strukturwandel

Bei der Sichtung utopischer Literatur zu dieser Frage haben sie die Entdeckung gemacht, dass fast alle Autoren in eine Falle gelaufen sind: „Eine Falle, die nach unserer Argumentation Anti-Arbeits-Theorien generell inhärent ist. Wann immer die Möglichkeit des guten Lebens umrissen wird, verwandelt sich diese schnellstens in eine Anordnung, was wir damit tun sollten.“
Mareile Pfannebecker und James A. Smith versuchen es trotzdem. Ihrer Ansicht nach müssen die neuen Technologien so benutzt werden, dass diese nicht uns, sondern wir sie definieren. Und dass sie einer Überwindung des Kapitalismus dienen: „Wenn wir nicht wollen, dass der digitale Kapitalismus unsere Sehnsüchte für sich arbeiten lässt, ist ein Strukturwandel erforderlich, keine individuelle Umschulung.“
Die scheinbar unbezwingbare Maschine stehe uns nicht gegenüber, sondern wir selbst seien diese Maschine. Wir können die Maschine zu unseren Zwecken einsetzen, schreiben die Autoren. Eine Vision, die schwer vorstellbar erscheint. Wie es Utopien so an sich haben.
Würde die Maschine nicht sowieso einen Weg finden, solche Vorstellungen zu ihren eigenen zu machen und daraus Profit zu ziehen? Vielleicht wäre das so. Vielleicht ist die Maschine aber auch ab einem gewissen Punkt, den wir nicht kennen, einfach erschöpft vom Selbstoptimierungszwang.
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