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Buchkritik | Beitrag vom 17.11.2020

Petre M. Andreevski: "Alle Gesichter des Todes"Bergtäler ohne Horizont und Hoffnung

Von Katharina Döbler

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Cover des Buchs "Alle Gesichter des Todes" von Petre M. Andreevski. (Guggolz / Deutschlandradio)
Das 20. Jahrhundert wie unter der Lupe: Erzählungen von Petre M. Andreevski. (Guggolz / Deutschlandradio)

Die grandios geschriebenen Erzählungen von Petre M. Andreevski spielen in einer vom Krieg heimgesuchten Region, in der die grausame Realität des Alltags mit archaischem Glauben verschmilzt. Sie entfalten einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.

Der Tod hat viele Gesichter, sagt man. Der Erzählband, den der mazedonische Dichter Petre Andreevski 1994 veröffentlichte, trägt den Titel "Alle Gesichter des Todes". Und ich kann mich nicht erinnern, je ein Buch gelesen zu haben, in dem auf wenig mehr als 200 Seiten so viel, so ausführlich und so unerbittlich gestorben wird. Neugeborene, Kinder Väter, Töchter, Popen und natürlich die jungen Männer kommen – in dieser von vielen Kriegen heimgesuchten Gegend - auf jede nur denkbare Weise ums Leben, meist gewaltsam.

Unvergessliche Lektüre

Nehmen wir die Erzählung "Raupensommer", die letzte des Bandes: Ein versprengter Freischärler, Überlebender wohl mehr als nur eines Krieges, kommt im Jahr 1923 in sein Dorf zurück, das sich, nur notdürftig befriedet, unter serbischer Herrschaft befindet.
Der Mann ist am ganzen Körper mit Waffen behängt und oben auf dem Kopf sitzt ein Barrett mit den Worten "Freiheit oder Tod". Und das Einzige, was er sagt, ist: "Wen soll ich umbringen?"

Allein wie dieser Auftritt und die Zeitläufe beschrieben werden, ist unvergesslich: Historische und volkstümliche Anspielungen geben den Rahmen vor, und unter jedem Satz liegen Terror, Aberglauben und Angst bereit wie vergrabene Minen.

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Nicht alle Erzählungen sind so deutlich in der Geschichte zu verorten, manchmal geht es auch um dörfliche Ereignisse, die nicht weiter reichen als die Grenzen der Gemeinde: Wenn das begüterte, kinderlose Ehepaar, dem die eigenen wie die adoptierten Kinder wegsterben, schließlich samt seinem prächtigen Haus vom Sturmwind geholt wird. Oder wenn einem Mädchen der Schatten und das Haar gestohlen werden.

Realismus und Magie

Petre Andreevski wurde 1934 in einer abgelegenen Gegend Mazedoniens zwischen Thessaloniki und Skopje geboren. Er war erst Lehrer, dann Journalist, und schrieb bis zu seinem Tod 2006 Gedichte, Erzählungen, Romane und Theaterstücke.

Wäre er Nordamerikaner - oder wenigstens Lateinamerikaner - gewesen, hätten wir vermutlich alle schon einmal von ihm gehört. So eindrucksvoll, hochpoetisch, grausam realistisch und unvergesslich sind seine Erzählungen, dass dagegen vieles, was wir so als literarische Alltagskost zu uns nehmen, wie braver, fader Stumpfsinn scheint.

Der Vergleich mit Lateinamerika kommt übrigens nicht von ungefähr: Die Verschmelzung von unerbittlicher Realität (des Krieges, des Wetters, der Armut) mit ebenso unerbittlichen Mirakeln (wie Geistererscheinungen, Zauberflüchen, sich verselbständigenden Schatten) rückt Andreevskis dunkel poetische Prosa in die Nähe des magischen Realismus.

Sprachgewalt und Erfahrung

Es dauert eine Weile, bis man sich beim Lesen dem mächtigen Sog dieser Erzählungen überlässt, denn ihr Ton ist so poetisch wie distanziert, so überwältigend wie düster.

Aber wenn man erst einmal eingetaucht ist in diese Bergtäler ohne Horizont und Hoffnung mit ihren Ritualen und ihren Jahreszeiten, entdeckt man darin das 20. Jahrhundert wie unter der Lupe, ein winziger Ausschnitt der Weltkarte, gezeichnet von einem, der genau weiß, was er da tut und die besten Werkzeuge dafür besitzt: Sprachgewalt und Erfahrung, Wissen und Mitleid.

Petre M. Andreevski: "Alle Gesichter des Todes"
Aus dem Mazedonischen von Benjamin Langer
Mit einem Nachwort von Karl-Markus Gauß
Guggolz Verlag, Berlin 2020
219 Seiten, 22 Euro

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