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Lesart | Beitrag vom 25.09.2020

Petra Morsbach über "Der Elefant im Zimmer"Die Systematik des Machtmissbrauchs

Moderation: Joachim Scholl

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Auf pastellgrünem Hintergrund sind zwei Büroklammern zu sehen: sie sind so zurechtgebogen, dass die eine erhöht auf einer orangenen Fläche sitzt während die andere vor ihr kniet. (Getty Images / Ana Maria Serrano)
Die Sprache verrate diejenigen, die Macht missbrauchen, sagt Petra Morsbach. Das habe sie bei der Arbeit an ihrem neuen Buch erkannt. (Getty Images / Ana Maria Serrano)

"Die Missbraucher wissen, dass sie missbrauchen" - eine der Erkenntnisse, die Petra Morsbach in ihrem Buch "Der Elefant im Zimmer: Essays über Machtmissbrauch und Widerstand" vermittelt. Es soll auch Hilfestellung sein für den Widerstand, sagt sie.

Petra Morsbach hatte mit Romanen wie "Der Cembalospieler" oder "Justizpalast" große Erfolge. Nun ist ein Sachbuch von ihr erschienen: "Der Elefant im Zimmer. Über Machtmissbrauch und Widerstand".

Dazu gebracht, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, habe sie eine Situation in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, sagt Morsbach. "Das ist im Grunde ein unabhängiger Ehrverein, in dem Mitglieder sich dreimal im Jahr treffen und über Kultur reden und kulturelle Veranstaltungen planen." Da sei plötzlich eine Regel eingeführt worden: "Dass Dichter nicht aus einzelnen Büchern lesen dürfen."

Freiheit der Künste und ein Verbot

Diese Restriktion sei weder vorgeschlagen noch diskutiert worden. Zudem sei sie "vollkommen sinnlos" gewesen. "Es ging um Macht, ganz eindeutig." Aber niemand habe darüber sprechen wollen. "Es wurde geradezu als Obszönität empfunden, wenn ich sagte: Das ist Machtmissbrauch. Wir sind freie Künstler. Wir lassen uns doch nicht ehrenvoll berufen in einen Verein, der uns Verbote auferlegt. Wo wäre da der Sinn? In unserer Satzung steht, wir sollen die Freiheit und Würde der Künste bewahren. Wie können wir das tun, wenn wir selber willkürliche Verbote schlucken?"


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Sie habe dann so viel Widerstand erfahren, nicht nur von Seiten der Funktionäre, die diese Regel wollten, sondern auch von den meisten Kollegen, dass sie anfing, sich damit zu beschäftigen. So habe sie von anderen Fällen gehört. "Dann sah ich eine gewisse Systematik und begann, sie zu untersuchen."

Dieser Fall ist einer von insgesamt drei Fällen, die Morsbach in ihrem Buch beschreibt. Neben dem in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste geht es um einen kirchlichen Missbrauchsskandal aus dem Jahr 1995, in dessen Mittelpunkt der pädophile österreichische Kardinal Hans Hermann Groër steht, der erst nach langer Zeit zurücktrat. Ein weiterer Essay beschäftigt sich mit einem politischen Skandal aus der jüngeren bayerischen Geschichte – dem Bundesland, in dem Petra Morsbach wohnt: die "Modellauto"-Affäre um die damalige CSU-Ministerin Christine Haderthauer, ihren Ehemann und eine Modellbaufirma. Haderthauer musste schließlich auch zurücktreten.

Missbraucher durch die Sprache entlarvt

Ihre Essays seien wie kommentierte Erzählungen, sie erzähle die Fälle ausgebreitet über 40 bis 60 Seiten, so Morsbach. Die Fälle seien gut dokumentiert. 

In allen drei Fällen wüssten die Beteiligten, dass der Machtmissbrauch illegal sei, so Morsbach. "Die Missbraucher wissen, dass sie missbrauchen." Und sogar in den teils juristischen Auseinandersetzungen dringe das in allen Schriftsätzen durch. Denn die Sprache wisse mehr als der Sprecher. Da spiele viel Unbewusstes hinein.

Sie wolle mit dem Buch auch Menschen helfen, die in ähnlichen Situationen sind wie Sie damals mit der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Widerstand gegen Machtmissbrauch müsse nicht heroisch sein. Sondern der erste Schritt, sich klarzumachen, dass der Missbrauch stattfindet. Das könne man sehr leicht tun, wenn man die sprachlichen Äußerungen der Beteiligten analysiere. "Da gibt es Tricks, sprachliches Handwerkszeug."

(abr)

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