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Lesart / Archiv | Beitrag vom 29.07.2019

Peter Handke: "Zeichnungen"Aus dem Skizzenbuch eines vagabundierenden Bildersammlers

Von Michael Opitz

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Buchcover zu Peter Handkes "Zeichnungen" (Schirmer Mosel)
Wenn Handkes Zeichenhand aktiv wird, darf seine Schreibhand pausieren. (Schirmer Mosel)

Regen an einer Scheibe, Kaulquappen, ein toter Maulwurf – Peter Handkes neues Buch heißt schlicht "Zeichnungen". Die 104 aus seinen Notizen geschnittenen Bilder zeigen einen Autor, der immer auch zeichnend zum Wort findet.

Nachdem 2002 der Roman "Der Bildverlust" erschien, legt der 1942 geborene Peter Handke nun einen Band mit dem Titel "Zeichnungen" vor. Von dem dürfte enttäuscht sein, wer hoffte, Handke würde in dem neuen Buch die Geschichte der Abenteurerin aus der Wirtschaft fortschreiben, die ihn in "Der Bildverlust" interessierte.

Ein Ereignis aber ist der aufwendig gestaltete neue Band dennoch, denn zum ersten Mal können hier die Zeichnungen des Autor Peter Handke entdeckt werden. Dabei zeigt sich, dass ausgehend von diesen Zeichnungen ein direkter Weg ins Zentrum von Handkes Poetik führt.

Charakteristisch an den Zeichnungen ist, was auch Handkes Prosa auszeichnet: Seine Aufmerksamkeit gehört dem Kleinsten. Er achtet auf winzigste Details, und mit Vorliebe wendet er sich dem vermeintlich Unwesentlichen zu. Was leicht übersehen wird oder auf den ersten Blick allzu alltäglich anmutet, hält er für unverzichtbar und bewahrenswert: Marienkäfer auf Fingerkuppen lassen ihn staunen und uns an Vergänglichkeit denken.

Der Schriftsteller findet auch zeichnend zum Wort

Als schmerzlich wird der Verlust der Bilder in "Bildverlust" empfunden, weil mit ihrem Verschwinden ein "Weltverlust" einhergeht. Gegen diese Gefahr zeichnet Handke an, wenn er ganz unmittelbare, dem Moment geschuldete Eindrücke in seinen Zeichnungen festhält. Oft sind es – wie bei der Marienkäferzeichnung – Augenblickskonstellationen, denen seine Aufmerksamkeit gehört. So interessiert ihn, wie verschieden Regentropfen auf dem Abteilfenster eines fahrenden Zuges aussehen.

Handke hat offensichtlich nie "nur" geschrieben, sondern vielmehr findet er, was sich besonders in den bisher publizierten Notizbüchern zeigt, auch zeichnend zum Wort. Seine Zeichnungen entwerfen einen das Wort beschwörenden Kosmos. Häufig sind die Zeichnungen im neuen Buch noch von einigen Worten umlagert, sodass man ahnt, dass Bild und Schrift eigentlich miteinander in Korrespondenz treten.

Der ohnehin schon außerordentlich schön gestaltete Band hätte noch entschiedener gelobt werden müssen, wenn man die aus ihrem Kontext entführten Zeichnungen auf einer zweiten Abbildungsseite wieder in ihre ursprüngliche, von Handke entworfene "Umgebung" zurückgeführt hätte. Das wäre gewiss sehr aufwendig und sicher auch sehr kostenintensiv geworden, aber man hätte die 104 abgebildeten Miniaturen nicht gänzlich ihrer ganz eigenen Aura berauben müssen.

Archivarisch wäre dies in jedem Fall dringlich angesagt gewesen, wenn stimmt, was der Pressetext mitteilt: Handke habe die Miniaturen für diese Publikation "aus seinen Notizheften herausgeschnitten".

Flaneur und vagabundierender Bildersammler

Dem Flaneur, Spaziergänger und Wanderer Peter Handke begegnet man in diesem Band als vagabundierenden Bildersammler. Zeichnerisch festgehalten hat er sehr unterschiedliche Bildmotive. Zu sehen sind u.a. eine badende Amsel, ein toter Maulwurf, Kaulquappen, Pilzabdrücke, Pappeln am Sommernachmittag, wilde Erdbeeren und Bucheckern. Wenn Handkes Zeichenhand aktiv wird, darf seine Schreibhand pausieren. Lenkt er das Denken zeichnend in Linien, muss er sich auf Wortfindungen nicht einlassen.

Zusätzliche Informationen zum Zeichner Handke bietet der informative Essay des italienischen Philosophen Giorgio Agamben. Ein bereits im Sommer vorliegendes Weihnachtsgeschenkbuch – für Handkeianer zu jeder Jahreszeit ein Muss.

Peter Handke: "Zeichnungen"
Mit einem Essay von Giorgio Agamben. Aus dem Italienischen von Marianne Schneider
Schirmer/Mosel Verlag, München 2019
140 Seiten, 39,80 Euro

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