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Lesart | Beitrag vom 21.07.2018

Peter Cardorff: "Der Widerspruch. 49 Arten, 68 ein Loblied zu singen"Ran an die heiligen Kühe der 68er

Von Pieke Biermann

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Peter Cardorffs "Der Widerspruch". Im Hintergrund zu sehen: Rudi Dutschke bei einer Demonstration (Foto: picture alliance/dpa/Rapp Cover: Mandelbaum Verlag)
Unterhaltsame Lektüre: Peter Cardorffs "Der Widerspruch" (Foto: picture alliance/dpa/Rapp Cover: Mandelbaum Verlag)

"Nieder mit der Gemütlichkeit", "Union Tigersprung" oder "Orgasmusschwierigkeiten" heißen die Kapitel bei Peter Cardorff, der einen amüsanten Blick auf 68 wirft. Sein Buch "Der Widerspruch. 49 Arten, 68 ein Loblied zu singen" ist eine Entdeckung, meint unsere Rezensentin.

Das gediegene Potsdamer "Zentrum für zeithistorische Forschung" führt eine deutsch- und englischsprachige Bibliografie zu "1968". Jüngst aktualisiert kommt sie auf schlappe 44 Seiten mit allein in den letzten 13 Jahren veröffentlichten Titeln von Büchern und Artikeln. Zum 50-jährigen Jubiläum ist noch ein Schwung dazugekommen. Das Verhältnis von Achtung zu Lebzeiten und Nachruhm ist also etwa so ausgewogen wie bei Kafka, ein Mangel an ernsthafter Forschung, Autobiografischem oder auch nur Meinung nicht zu beklagen.

Zur neuen Kleinlawine gehört auch "Der Widerspruch. 49 Arten, 68 ein Loblied zu singen". Ein appetitlicher Knubbel, gut 400 Seiten im Format – nein, Westentasche ist die falsche fashionline, sagen wir: Schenkeltasche Cargo-Jeans. Sein Autor heißt Peter Cardorff, laut Klappentext seinerzeit Aktivist des AUSS – das Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler versuchte von 1967 bis 69 die bundesdeutschen Teenager zu organisieren – sowie "Initiativdirektor" eines "Vereins in Gründung" namens "Gerontologie der Befreiung".

Verspielter Witz in Form und Inhalt

Das verspricht schon mal, anders als das Gros der 68er-Titel, Witz und macht neugierig. Und in der Tat: Cardorff ist ein Spielmatz. Die 49 meist kurzen Kapitel beginnen mit einer "Gegenrede" statt eines Vorworts und enden mit einem "Erratazettel" statt des üblichen Fazits.

Beides geboten, argumentiert er, bei einem Thema "bei dem auf fünf Akteure sieben Meinungen kommen und auf jede Aussage drei Gegenreden. Darum sind die Corrigenda Teil des Bauplans: Im Fünfjahres-Rhythmus sind Neu-Auflagen vorgesehen mit Korrekturen, Gegenreden und Erweiterungen."

Das Foto zeigt von links nach rechts Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Volker Gebbert und Ursula Körber im September 1967 nach ihrer Festnahme im Berliner Rathaus Schöneberg mit ihren Tribünenkarten. (picture-alliance / dpa / Konrad Giehr)"Ich habe Orgasmus-Schwierigkeiten, und ich will, daß dies der Öffentlichkeit vermittelt werde", sagt Kommunarde Kunzelmann (2.v.l.) einst dem "Spiegel". (picture-alliance / dpa / Konrad Giehr)

Die restlichen 47 Kapitel haben Titel wie: "Die diskutierende Klasse", "Nieder mit der Gemütlichkeit", "Union Tigersprung" oder "Orgasmusschwierigkeiten" und, lesefreundlich, gleich hinterm Text platzierte Fußnoten. Gleich unterm Titel befindet sich eine Art Abstract wie bei akademischen Fachbeiträgen, also kurz gefasst, was gleich kommt.

Zum Beispiel der "Jubiläumszuschlag: 3. Kapitel, in dem der Begriff der Blütezeit, als Kritik der Echtzeit, angezettelt und ein Vorzeichen gesetzt wird: 68 wäre des Lobes nicht wert, wenn es nicht auch ein Besteck geliefert hätte, mit dem fertig zu werden, was zu 68 wurde und daraus gemacht wird."

Dekonstruktion von Selbstmythologisierungen 

Ein Spiel mit Form und Funktion auch das, und nicht unbedingt textkongruent, mehr eine programmatische Leuchtboje. Denn eben dieses Besteck nutzt Cardorff für eine General-Sektion en détail. Sein Buch ist kein memoirenseliger Flirt mit dem Dezimalsystem (1-9-6-8), sondern De-Konstruieren diverser Selbstmythologisierungen und "privatbiografischer Entsorgungsbedürfnisse": naturgemäß "fragmentarisch", mäandernd und voller Querverweise auf Ereignisse jenseits des westdeutschen Tellerrands, auf "vor und nach 68", auf aktuelle Polit-Bits, etwa National-Identitätsgeschwätz à la Dobrindt. Und naturgemäß strotzt es vor Sottisen und Invektiven.

Der Soziologie-Professor Theodor Adorno am 28.05.1968 während eines Vortrags im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main. (dpa/ picture-alliance / Manfred Rehm)Autor Cardorff kennt seinen Adorno. (dpa/ picture-alliance / Manfred Rehm)

Der Mann ist mit allen Wassern der Theoriebildung à la 68 ff. gewaschen, von Hegel bis Mao inklusive Austromarxismus, Trotzki bis Adorno inklusive Fußball, aber seine Bezugsmagnete sind auch Künstler wie Nestroy, Mynona oder Eric Satie. Mit denen im Gepäck verwahrt er sich gegen das Dogma einer "funktionstüchtigen" Kunst und ätzt gegen "die Rauhbein- und Kitsch-Garnitur eines Wolf Biermann", das "Lehr-, Wach- und Schießgedicht" à la Degenhardt, "Stärkungsmittel für den Glaubensmut" à la Joan Baez und "Stimmungsmusik" à la Ernst Busch.

Revolutionärer Sex? Erst nach dem Ende des Kapitalismus!

So munter parlierend wie kontrolliert enragiert, serviert er solche heiligen Kühe als Gammelfleisch, auf deren historischen Ehrenplatz sich fast alle einigen können: "Die Rede von der "sexuellen Revolution", die in diesen Jahren stattgefunden habe, lässt vermuten, dass 68 als Avantgarde, Trommler und Förderer der Entwicklung auf sexualpolitischem Gebiet erfolgreich wie auf keinem anderen gewesen sei. Ein Irrtum."

Junge, halbnackte Menschen liegen auf dem Boden (imago / United Archives)Szene aus "Zwischen Beat und Bett" (1968) des Regisseurs Robert Freeman. '68 als "sexuelle Revolution" sei allerdings "ein Irrtum", meint Cardorff. (imago / United Archives)

Denn dafür hatte gefälligst erstmal der Kapitalismus abgeschafft zu werden, deshalb "war nicht der Minirock das Symbol der Emanzipation: Im ungeschriebenen Kodex war eher der Verzicht auf die erotische Auslage vorgesehen."

Amüsement nicht unter Niveau

Kurz, man amüsiert sich nicht unter Niveau, wünscht sich aber beim nächsten Mal ein Personen- und Aktionen-Register zum Nachschmecken der leckersten Appetithäppchen – zum Beispiel: Was empfiehlt sich für die Revolution, "rabaukistische Ausfälle" oder "kaltgepresste Political Correctness"?

Peter Cardorff war nicht nur 68 als Pubertist dabei, er hat danach – auch als Peter Kulemann und mäandernd multimodal, in Buchform und als Aktivist – ein weites Feld beackert, bevor er im "Fachbeirat des DGB-Index Gute Arbeit" landete und sich zum Initiativdirektor des eingangs erwähnten Vereins "Gerontologie der Befreiung" beförderte. Die Präambel zu dessen Statutenentwurf empfiehlt übrigens: "Lieber an einer Ästhetik des Abdankens arbeiten als lautstark den 'Versuch, die Jugend zu verderben', unternehmen."

Das wird ja wohl kein "lemurensozialistisches Gehabe"?

Peter Cardorff: "Der Widerspruch. 49 Arten, 68 ein Loblied zu singen"
Mandelbaum Verlag, Reihe Kritik und Utopie
416 Seiten, 20 Euro

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