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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.07.2017

Peter Berthold: "Unsere Vögel"Stilles (Aus-) Sterben

Von Johannes Kaiser

Peter Berthold: "Unsere Vögel" (dpa / Ullstein)
Auch die Zahl der Kiebitze ist drastisch zurückgegangen. (dpa / Ullstein)

Die Vogelbestände sind hierzulande drastisch zurückgegangen - seit dem 19. Jahrhundert um rund 80 Prozent! Wenn wir nicht wertvolle Biotope erhalten, werden auch Feldlerche, Kiebitz oder Rebhuhn bald endgültig verschwunden sein, warnt der Ornithologe Peter Berthold.

Die Schreckensmeldungen häufen sich: Weil es immer weniger fliegende Insekten gibt, schrumpft auch der Bestand zahlreicher Vogelarten. Und zwar dramatisch. Gegenüber dem 19. Jahrhundert sind die Vogelbestände in Deutschland um gut 80 Prozent zurückgegangen. Es ist eine deprimierend-ermüdende, weil endlose Aufzählung von Verlusten. Ob Feldlerche, Kiebitz oder Rebhuhn – viele gefiederte Freunde sind rar geworden. Kaum jemand bekommt sie noch zu Gesicht. Grund genug für Peter Berthold, den ehemaligen Direktor des Max Planck Instituts für Ornithologie, Alarm zu schlagen.  Auf über 320 Seiten und in vier ausführlichen Kapiteln macht er uns eins klar: Wenn sich nichts ändert, wird das Arten- und Vogelsterben auch vor den Menschen nicht Halt machen.

Katzen töten 30 Millionen Vögel

Verantwortlich für diesen dramatischen Rückgang ist laut Berthold vor allem die intensive Landwirtschaft, die auf den Äckern alles totspritzt, was da kreucht, fleucht und sprießt. Hecken, blühende Feldstreifen – Fehlanzeige. Die Getreidehalme stehen so dicht, dass kein Vogel zwischen ihnen brüten kann. Die Wiesen werden heute für Silage fünfmal im Jahr gemäht. Da werden alle Bodenbrüter gehäckselt, Blüten für Insekten kommen kaum mehr vor. Ehemals extensiv genutzte Flächen werden landwirtschaftlich erschlossen. Viele Refugien fallen dem Siedlungsbau zum Opfer. Wertvolle Biotope werden durch Straßen zerschnitten.

Erstaunlicherweise, so der Ornithologe, wird ein Hauptfeind der Vögel selbst von Vogelschützern schamhaft verschwiegen: Katzen. Rund zwei Millionen Hauskatzen töten vermutlich 30 Millionen Vögel pro Jahr. Ein herber Verlust, denn Vögel sind nicht nur schön anzuschauen, sondern auch wertvoll, so der Ornithologe: Drei Kohlmeisen Brutpaare etwa vertilgen bis zur Hälfte aller Schädlingsraupen auf einem Hektar Apfelplantage.

Für die Rettung ist es noch nicht zu spät

Noch ist es zur Rettung der Vogelwelt nicht zu spät. Peter Berthold widmet gut die Hälfte seines Buches der Schaffung erfolgreicher Schutzmaßnahmen. Er schlägt als Naturschutzkonzept die Anlage miteinander vernetzter Biotope vor. Kleine Teiche mit Schilfgürteln, Wiesen und geschützten Hecken auf nur wenigen Hektar bieten zahlreichen Vogelarten Schutz und Unterschlupf. Jeder Gemeinde ihr eigenes Biotop. Am Bodensee hat ein solcher Biotopverbund von Gemeinden tatsächlich zu einem geradezu dramatischen Wiederanstieg von Vogelarten geführt. Statt knapp 100 sind es jetzt 179. Ob Amphibien, Schmetterlinge oder Blütenpflanzen – viele seltene Arten sind zurückgekommen.

Sehr ausführlich und mit zahlreichen praktischen Ratschlägen beschreibt der Autor die einzelnen konkreten Maßnahmen, die Vogelfreunde und Naturschützer in ihren Gemeinden ergreifen können, um solche Biotope zu schaffen. Sein Optimismus ist ansteckend. Sein Buch macht Mut und spornt zur Selbsthilfe an. Denn Peter Berthold ist überzeugt: Wir können der Vogelwelt wieder mitten unter uns einen Platz schaffen. Helfen wir dabei mit!

Peter Berthold, "Unsere Vögel. Warum wir sie brauchen und wie wir sie schützen können" 
Ullstein, Berlin 2017 
331 Seiten, 24,00 Euro

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