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Rang I | Beitrag vom 15.02.2020

Performerin Florentina Holzinger"Für diese Show lernen wir jetzt fliegen"

Florentina Holzinger im Gespräch mit Janis El-Bira

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Künstlerinnen knien für das Stück "Tanz" nackt auf der Bühne. (Münchner Kammerspiele / Eva Wurdinger)
Florentina Holzingers "Tanz" wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen. (Münchner Kammerspiele / Eva Wurdinger)

Schock, Stunts und Schönheit: Mit ihrer radikalen Performance "Tanz" sorgt Florentina Holzinger für viel Gesprächsstoff. Ihr Stück beschreibt sie als Abrechnung mit der "Horrorshow" des Balletts, aber vor allem als Annäherung an die Schwerelosigkeit.

Janis El-Bira: Dann und wann, aber nicht sehr oft, kommt eine Theaterinszenierung daher, über die reden einfach alle. "Tanz" von der Choreografin und Performerin Florentina Holzinger ist so eine. Ein verstörender Abend, der im Oktober letzten Jahres in Wien Premiere hatte, und mittlerweile auch zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Ein reines Frauenensemble spielt und tanzt darin nackt und teilweise sehr blutig an Seilen und auf schwebenden Motorrädern – irgendwo zwischen romantischem Ballett, Akrobatik und Italo-Horror. Keineswegs jugendfrei, aber atemberaubend.

Florentina Holzinger, Ihr Abend hat mit "Tanz" einen ziemlich offenen Namen. Allerdings auch einen Untertitel, der schon ein bisschen mehr verrät: "Eine sylphidische Träumerei in Stunts". Was bedeutet das?

Florentina Holzinger: Das war der Ausgangspunkt in Anlehnung an das romantische Ballett des frühen 19. Jahrhundert, "La Sylphide" und "Giselle", sich ein bisschen an dieses Stereotyp von diesen Feenwesen anzulehnen. Das war ja, was der "en pointe" (Spitzentanz) wirklich bedeutet hat, der Versuch, den Körper wirklich abzuheben vom Boden, und Schwerelosigkeit. Deswegen haben mich diese Sylphiden einfach interessiert, diese Feenwesen − was es heutzutage bedeutet, so ein Feenwesen zu sein als Frau.

Dieser Wunsch vom Fliegen ist der älteste menschliche Traum, der auch nie alt wird − auch in Bezug auf Tanz geht es immer wieder darum, in andere Sphären zu dringen. Natürlich interessiert mich auch Stunting, deswegen war es schon immer mein Traum, dass diese Feenwesen dann auch im Versuch des Fliegens kollidieren.

Frauenkörper für den männlichen Blick

El-Bira: … und quasi wieder von der Schwerkraft auf den Boden zurückgerissen werden und auch abstürzen. Das Ballett ist für Sie und in Ihren Arbeiten generell ein großer Reibungspunkt. Sie haben in einem Interview gesagt, das Ballett sei in seiner klassischen Form etwas, das in erster Linie "vom Mann für den Mann entwickelt" worden sei. Was bedeutet das?

Holzinger: Die Choreografen, von denen wir sprechen, die dieses Werk beeinflusst oder geschaffen haben, waren alles Männer, und auch das Publikum. Deswegen war das eine Formensprache, die für mich sehr viel damit zu tun hat, wie der Frauenkörper für den männlichen Blick inszeniert und konstruiert wird. Das ist im klassischen Ballett sehr tief in der Technik verankert. Wenn die Leute in die Oper gehen, denken sie nicht wirklich daran. Aber die ganzen Positionen aus dem Ballett sind geschaffen worden, um den Körper in einer gewissen Art und Weise auszustellen.

El-Bira: Und auch zu disziplinieren, oder?

Holzinger: Ja, natürlich. Wenn die Beine hochgehen müssen, dann muss auch ein gewisses Training dahinterstecken.

El-Bira: Kann man sagen, dass Ihre Arbeit eine Art Abrechnung mit dieser wahnsinnigen Disziplinierungsmaschinerie ist, der Tänzerinnen und Tänzer bekanntlich ausgesetzt sind?

Holzinger: Es ist sicher eine Art von Abrechnung damit, aber es ist mir wichtig zu betonen, dass es nicht ausschließlich eine Kritik daran ist, weil ich ja selber vom zeitgenössischen Tanz komme und nicht vom Ballett. Jeder hat die Freiheit, mit seinem Körper zu machen, was er will, und deswegen habe ich da überhaupt nicht ein moralisches Urteil auf die Disziplinierung des eigenen Körpers. Ich habe eine große Faszination dafür, es hat auch immer meine Arbeit inspiriert. Aber es ist eine Abrechnung damit, auf jeden Fall, und auch ein gewisses Transparent-Machen.

Das ist etwas, das in den Opernhäusern verloren geht, dass das Publikum überhaupt keine Ahnung hat, was hinter solchen Arbeiten in Wirklichkeit steckt. Das finde ich interessant und faszinierend. Sogar in "Tanz" dieser durchschnittliche Einblick, wie eine Ballettstunde abläuft − ich finde das einfach cool, das auf die Bühne zu stellen, weil das nicht alle wissen, wie das ist, und weil das für einen Großteil der Frauen ein Bestandteil ihres Lebens war.

Nacktheit statt der Entkleidungsfantasien

El-Bira: Es ist bei Ihnen so, dass diese Ballettstunde auf eine sehr radikale Art aus dem Ruder läuft. Dazu gehört − und das ist längst nicht das erste Mal in Ihren Arbeiten so − dass Sie und alle Ihre Kolleginnen auf der Bühne und Mitperformerinnen nackt sind. Diese Nacktheit ist ja eine Sichtbarmachung des Körpers in seiner Beschaffenheit, Geschaffenheit, auch in seiner Trainiertheit. Wie kam es dazu, dass diese radikale Nacktheit in Ihren Arbeiten stattfand?

Holzinger: Ich hatte irgendwann einfach keinen Bock mehr auf dieses Momentum, das entsteht, wenn Leute angezogen sind und andere Leute nur darauf warten, dass sich diese entkleiden oder sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen können, was darunter ist. Ich wollte, dass das sofort auch als Bild funktioniert und dass da Leute sofort konfrontiert sind mit einer Art von Wirklichkeit, die die Wirklichkeit von jedem ist, dass man in seinem Körper lebt, so aussieht und dem man bei der Arbeit zuschaut. Auch, dass dieses Fantasiemomentum nicht stattfinden kann und dass Leute dann nach zwei Minuten sich damit abgefunden haben, dass da jetzt nackte Frauen sind und man dann andere Sachen anschauen kann.

Porträt der Choreografin und Performerin Florentina Holzinger. (Münchner Kammerspiele / Apollonia Theresa Bitzan)Ab dem kommenden Jahr wird Florentina Holzinger regelmäßig an der Berliner Volksbühne arbeiten. (Münchner Kammerspiele / Apollonia Theresa Bitzan)

El-Bira: Aber haben Sie das Gefühl, dass sonst gerade im Tanz darauf gewartet wird, dass sich irgendwann jemand auszieht, wenn sie nicht von vornherein nackt sind? Ist das tatsächlich so?

Holzinger: Tanz hat schon immer ein sehr erotisches Momentum, weil man der Bewegung von anderen Körpern zuschaut. In Bezug auf den Frauenkörper ist immer irgendwie ein erotisches Momentum dagewesen für mich, über das nicht wirklich gesprochen wird, das aber den Tanz in gewisser Weise gut oder schlecht oder interessant oder nicht interessant macht. Das ist ein Thema, das ich gern in meiner Arbeit anspreche, was jetzt Tanz für eine Rolle einnimmt, auch als Darstellungsform. Ich sage nicht, dass dieses erotische Momentum in jeder Arbeit maßgeblich ist, aber in vielen eigentlich schon. Viele Leute sind sich dessen nicht einmal bewusst, glaube ich.

El-Bira: Das heißt, Sie können etwas damit anfangen, wenn diese Ästhetik der Nacktheit als emanzipativ oder emanzipatorisch beschrieben wird?

Holzinger: Irgendwie schon. Das hat etwas zu tun mit der Freiheit, mit seinem Körper zu machen, was man machen will, und nicht ein Opfer davon zu werden, dass andere Leute einen eventuell sexualisieren, sondern dass man das auch hinnehmen kann, dass der Körper an sich auf der Bühne schon ein sexuelles Objekt ist und man dann darüber hinwegsehen kann. Was sind die Schritte danach, wenn wir das einfach akzeptieren?

Ich nenne jetzt diese ganzen Gründe, aber es hat natürlich auch ästhetische Gründe, weil die Arbeiten voll sind von Referenzen zur Kunstgeschichte et cetera − und da ist der nackte Frauenkörper so ein gängiges Motiv. In jedem Museum, in das der Otto Normalverbraucher reingeht, sieht er das die ganze Zeit. Komisch, dass das heutzutage so ein Tabu ist, aber eigentlich die Kunstwelt voll von nackten Frauenbildern ist. Das ist eine klare Referenz in der Arbeit, speziell auch wenn wir über Romantik oder klassisches Ballett sprechen.

Die Horrorshow der Ballerinas

El-Bira: Ich würde gern auf den zweiten Teil des Untertitels zu "Tanz" zu sprechen kommen, nämliche die "Stunts". Es gibt in Ihrer Arbeit sehr viel Inspiration aus Horror, aus Actionfilmen, durchaus auch einen Hang zum Trashigen. In "Tanz" gibt es viele Referenzen an Dario Argentos Horrorklassiker "Suspiria". Wie verhalten sich denn diese typischen Genre-Elemente zum klassischen Ballett, also der anderen großen Vorlage?

Holzinger: Für mich war "Suspiria" immer schon ein wichtiger Film. Für mich haben diese Narrative immer Sinn gemacht, dass sich eine Tanzkompagnie in so eine Art Hexenzirkel versteigt und dass alles, was mit Tanz zu tun hat, auch – das hört sich jetzt banal an – mit der Ausübung von irgendeiner Art von Magie zu tun hat. So wurde es mir jedenfalls im Laufe meiner gesamten Ausbildung transportiert. Auch die Lehrerinnen, die ich hatte, da hatte ich sehr viele "Suspiria"-Momente in meiner Ausbildung. Deswegen hat das alles schon immer für mich eine Faszination, das zum Thema zu machen.

Wir nennen es "Stunting", wir wollten Ballett mit Stuntings zusammenbringen, weil die ersten romantischen Balletts eigentlich so etwas wie Stuntshows waren. Da waren die Ballerinas an irgendwelchen Seilen aufgehängt, und normalerweise sind da irgendwelche Unfälle passiert. Das war auf eine Art und Weise auch eine Horrorshow. Abgesehen davon sind das ja Fairy Tales, wo Hexenfiguren vorkommen und solche Sachen. Blut kommt normalerweise nicht vor. Es war naheliegend, das reinzubringen.

El-Bira: Blut spielt auch eine Rolle in der Szene aus "Tanz", über die selbst all diejenigen sprechen, die die Vorstellung noch gar nicht gesehen haben. Und zwar lässt sich da eine Ihrer Mitperformerinnen große Fleischerhaken in den Rücken stechen und sie lässt sich daran mehrere Meter in Richtung Bühnendecke ziehen. Wie gehen Sie so etwas an, wie entwickeln Sie so etwas?

Holzinger: Da geht es mir nur darum, dass ich, wenn ich an einer Show arbeite und an Themen, die mich gerade interessieren − das war in unserem Fall das romantische Ballett, das waren die "Sylphiden", das war die Idee von Schwerelosigkeit ... Wir waren wirklich mit dem Thema Suspension beschäftigt. Das hört sich jetzt ein bisschen lächerlich an, aber so arbeite ich wirklich an Shows, dass wir uns gedacht haben: Okay, für diese Show lernen wir jetzt fliegen, fuck it! Dass das eine stetige Annäherung ist und wir damit auch unsere Zeit verbringen. Dass jeder seine unterschiedlichen Techniken dafür entwickelt und wir auch Experten für Suspension in den Prozess einladen, die da gewisse Sachen machen können, die einem unmöglich scheinen, die aber doch durch Training oder Know-how möglich sind. Für mich war diese Körpersuspension das nächste, was an den Körper im Flug herankommt. Es war faszinierend, mit Leuten zu arbeiten, die das schon jahrelang praktizieren.

Beim nächsten Mal Stabhochsprung

El-Bira: Das heißt, die Kollegin, die sich da an den Fleischerhaken im Rücken zur Decke hochziehen lässt, macht im Grunde auch nichts anderes als zum Beispiel die Ballettlehrerin, die nur auf eine andere Art ihren Körper zu einer bestimmten Fähigkeit hin ausgebildet hat.

Holzinger: Ja, in Bezug auf Training schon. Das ist irgendwie ähnlich und vergleichbar, für mich auch ästhetisch miteinander verwandt.

El-Bira: Es kursierte das Gerücht, Sie wollten nach "Tanz" als nächstes, weil "Tanz" ja auch der Abschluss einer Trilogie war, eine reine Show machen, nur mit Stunts, keine Kunst. Stimmt das?

Holzinger: In Wirklichkeit würde ich es gerne "Tanz und Sport" nennen, weil ich mich auch richtig gern mal am Sport abarbeiten will und weil ich ja jetzt "Tanz" gemacht habe. Track and fields, solche Sachen. Da brauche ich aber mehr Platz, dass ich etwas mit Stabhochsprung machen kann.

El-Bira: Dazu wird die Choreographin Florentina Holzinger wohl bald Gelegenheit haben, denn ab kommendem Jahr soll sie regelmäßig an der Berliner Volksbühne arbeiten. Gesprochen habe ich mit ihr über ihre zum Theatertreffen eingeladene Arbeit "Tanz", die Anfang März auch an den Berliner Sophiensaelen gastiert – und gleichzeitig arbeitet Florentina Holzinger gerade an einer neuen Inszenierung für die Münchner Kammerspiele: "Étude for an Emergency". Premiere dort ist am 1. März.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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