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Rang I | Beitrag vom 15.04.2017

Performances auf der documenta 14Ein Parlament der Körper

Von Susanne Burkhardt

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(Deutschlandradio / Susanne Burkhardt)
Kettly Noels Performance "Zombification" auf der documenta 14 in Athen (Deutschlandradio / Susanne Burkhardt)

Diese Ausgabe der documenta ist anders als die anderen: Sie beginnt in Athen und legt einen Schwerpunkt auf die Performancekunst. Hier kann man alter Spelunkenmusik lauschen, einer Zombiewerdung mit Zigarre beiwohnen - oder sich zur Entspannung ins Bett mit Sexologin Annie Sprinkle legen.

Selten erregt ein schlichtes Doppelbett so viel Aufmerksamkeit wie hier: Im Foyer des Athener Museums für zeitgenössische Kunst – kurz EMST – darf gekuschelt werden: Und zwar mit Annie Sprinkle – einst Porno-Star, dann Feministin, Öko-Sexuelle, Autorin und Performerin. Vor vielen Jahren erlaubte sie tiefe Einblicke in ihre Vagina – jetzt liegt sie hier mit Ehefrau und Kunstprofessorin Beth Stephens und zwei Besucherinnen unter blauem Bettzeug: lächelt, tuschelt und ist bestens gelaunt.

Klar – die Kameras und Mikrophone stören. Aber die vier Frauen tun ihr Bestes, um davon möglichst unbeeindruckt die Viersamkeit zu genießen. documenta-Kurator Hendrik Folkerts dazu: "Die beiden versuchen in dieser Lobby-Situation des riesigen Museums mit all dem Besuchertrubel, einen Moment der Intimität herzustellen. Man muss sich dazu aber zu ihnen ins Bett legen und sich einlassen auf diese Nähe inmitten all der Unruhe, dann gibt es Umarmungen – gratis."

Mit Zigarre im Mund zum Zombie werden

Performances wie diese gehören zwar seit den 60er Jahren ganz selbstverständlich zur zeitgenössischen Kunst. documenta-Chef Adam Szymczyk aber setzt in seiner Ausgabe ganz bewusst auf ein "Parlament der Körper" und verteilt Performances über die ganze Stadt: So lädt Racheed Araeen auf dem Kotzia-Platz zufällige Passanten zum Kochen, Essen und Reden. Das funktioniert prima, schließlich sind wir in Athen, der Geburtsstätte des öffentlichen politischen Diskurses.

Traumatische Erfahrungen verarbeitet dagegen Kettly Noel in ihrer Performance "Zombification" (Deutschlandradio / Änne Seidel)Kettly Noels Performance "Zombification" (Deutschlandradio / Änne Seidel)

Nicht weit entfernt, im Odeion Athinon, dem Konservatorium Athens, verarbeitet die aus Haiti stammende Kettly Noel traumatische Erfahrungen einer gewalttätigen Gegenwart. Zwei Dutzend überlebensgroße Leinen-Stoffpuppen mit verspiegeltem Gesicht werden hier von vier Performern in Arbeitskitteln, Gummistiefeln, und Mundschutz zu Geiseln oder Leichen formiert, an meterhohen Bambusstäben erhängt. Dazwischen die Tänzerin Kettly Noel beim vergeblichen Versuch, diesem Terror zu trotzen. Am Ende wird sie, wahnsinnig geworden, mit Zigarre im Mund in einer Schubkarre sitzend, aus dem Raum geschoben. "Zombification" heißt diese überlange, allzu deutliche Lehrstunde in Sachen Gewalt und Machtlosigkeit der Einzelnen.

Atemberaubende Spelunkenmusik

Weiter außerhalb, im Stadt-Theater von Piräus, liefert die Schweizer Performancekünstlerin Alexandra Bachzetsis mit ihrer Arbeit "Private Song" einen schönen Beleg für die archäologischen, oder sagen wir: Retro-Ansätze, die ihr Lebensgefährte Adam Szymczyk dieser documenta eingepflanzt hat. "Von Athen lernen" kann hier frei übersetzt werden mit: Vom "Rembetiko" lernen, also jener hinreißenden griechischen Spelunken-Musik,  zu der früher nur die Männer tanzten – "richtige Männer". Flüchtlinge, Heimatlose sangen dazu von Liebe und Leid. Wie Bachzetsis die Choreografie dieses Tanzes seziert, wie sie die einzelnen Bewegungen des 9/8-Rhythmus verlangsamt und somit überhaupt deren Komplexität erst sichtbar macht - das ist atemberaubend und zum Glück Anfang Juli auch in Kassel und Berlin zu erleben. Unbedingt hingehen!

So klingt diese Musik:

Hoch zu Ross nach Kassel

Die längste und dabei doch meist verborgene Performance dieser documenta ist ein Projekt, von dem wir nur Anfang und Ende miterleben können: Vier Reiter und fünf Pferde (eins davon nach dem Götterboten Hermes benannt) schickt der schottische Künstler Ross Birell nach Kassel. Vor knapp einer Woche (9.4.) sind sie aufgebrochen – am Fuße der Akropolis. Mit ihren Pferden werden sie unterwegs sein entlang der Balkanroute und dabei Grenzen passieren, an denen derzeit tausende Menschen stranden und verzweifeln. Einer der Reiterinnen ist Tina Boches aus Bayern:

"Wir werden da übernachten wo unsere Pferde Futter finden – und das kann überall sein – wenn wir Glück haben, können wir beim Bauern übernachten, ansonsten haben wir Zelte dabei.  Hauptsache wir finden Futter für die Pferde – sonst kommen wir nicht nach Kassel."

(Susanne Burkhardt)Ross Birell reitet für die documenta 14 von Athen nach Kassel (Susanne Burkhardt)

Auch dieses Projekt ein archäologischer Rückblick: auf die einst innige Beziehung von Mensch und Tier. 100 Tage lang werden Reiter und Pferde unterwegs sein, bis sie dann mit Hermes in Kassel einreiten: Geplanter Termin: 9. Juli. 

Flucht ins Bett von Annie Sprinkle

In der Zwischenzeit probt Georgia Sagri an ihrer Performance "Dynamis", im städtischen Kunstzentrum im Freiheitspark – dem Herzstück des "Parlament der Körper". Dieses Zentrum ist ein historischer Ort: Hier befand sich das Hauptquartier der Militärpolizei während der Jahre der Diktatur zwischen 1967 und 1974. Jetzt liegen auf dem Boden junge Menschen in Sportkleidung. Georgia Sagri redet auf sie ein. Wir dürfen zuschauen, Fragen stellen. Haben aber keine.

Die Künstlerin ermahnt zwischen Atemübungen und Fingerspielen, Bedürfnisse zuzulassen. Wer müde sei, solle ruhig die Augen schließen. Ein gutes Stichwort: Schnell weg hier – der lähmenden Atmosphäre entfliehen. Könnte ja sein, dass jetzt Platz ist – im Bett von Annie und Beth.

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