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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.05.2016

Performance "Wechselstube" in Berlin Kontaktzone auf dem Theatervorplatz

Von André Mumot

Performance "Wechselstube" am Deutschen Theater in Berlin (Arno Declair)
Performance "Wechselstube" am Deutschen Theater in Berlin (Arno Declair)

Auf dem Vorplatz des Deutschen Theaters Berlin ist eine "Wechselstube" errichtet worden: Eine inszenierte, theatralische Handelszone, in der es ums Tauschen geht. Praktika werden hier vermittelt – und unerwartete Aha-Erlebnisse.

Es ist nicht schwer, von einer Theaterbühne aus Moral und Toleranz zu predigen. Auch nicht, zu beschimpfen, anzuklagen oder ein schlechtes Gewissen zu machen. Man erlebt es oft und immer öfter. Was eher selten passiert, ist, dass am Ende einer Aufführung ganz konkret gefragt wird: Wer hätte einen Praktikumsplatz für einen Geflüchteten in einer Tischlerei anzubieten oder kennt jemanden, den man deswegen fragen könnte? Noch seltener, dass sich dann tatsächlich jemand findet. An diesem ganz besonderen Premierenabend unter freiem Himmel ist es so.

Auf dem Vorplatz des Deutschen Theaters Berlin ist eine "Wechselstube" errichtet worden, eine, wie es heißt "theatrale Handelszone für Berliner und Berlinerinnen aus aller Welt". Ums Tauschen geht es hier nun jeden Abend, konkreter noch: Um den Austausch und die Begegnung. Nicht um empörte oder pädagogische Draufsicht, sondern ums ganz konkrete Vermischen von kulturellen Erfahrungen. Unter der künstlerischen Leitung von Ruth Feindel und Frank Oberhäußer vom Performance-Kollektiv "Turbo Pascal" treten 30 Mitwirkende mit den Besuchern in Kontakt, musizieren, singen, fragen, antworten und werden – im Idealfall – handelseinig.

Das Theater muss vom eigenen Moralpodest heruntersteigen

Nicht nur Geflüchtete erzählen hier ihre Geschichten, es sind auch alteingesessene Berliner und Künstler und Künstlerinnen aus der ganzen Welt dabei – was gut ist, da sich so nicht die typischen Rollenbilder vor den ersten Kontakt schieben. Wer woher kommt, wer welche Geschichte hat – eine privilegierte oder eine tragische, bleibt erst einmal unklar. Unter freundlich-charmanter Anleitung werden hier alle dazu aufgefordert, sich über ihre eigene Hilfsbereitschaft auszutauschen, werden in listige Frage- und Antwort-Spiele verwickelt und erleben einige unerwartete Aha-Erlebnisse, nicht zuletzt in Hinblick auf die Einstellung zu unserem Wirtschaftssystem. Wer ist für wen nützlich, fragt man sich, und aus welchem Grund?

Nicht um echte Konfrontation geht es dabei, nicht um ein Wühlen in tatsächlichen oder möglichen Integrationsproblemen. Vielmehr wird gezeigt, wie einfach, wie unkompliziert es tatsächlich sein könnte, mit fremden Menschen in einen echten Kontakt zu treten, sich kennenzulernen und voneinander zu profitieren. Manchmal muss das Theater eben auch heruntersteigen vom eigenen Moralpodest, muss die großen Ambitionen fallenlassen und konkret fragen: Wer kann das gebrauchte Fahrrad gebrauchen, das uns eine Besucherin eben angeboten hat? Und wer hat Lust, sich einen Abend lang arabisch bekochen zu lassen?

Weitere Informationen und Aufführungstermine zur Performance "Wechselstube" auf der Webseite des Deutschen Theaters

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