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Lesart | Beitrag vom 29.04.2021

Per Molander: "Condorcets Irrtum"Von der Aufklärung lernen

Von Eike Gebhardt

Das Buchcover "Condorcets Irrtum" von Per Molander ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen. (Westend Verlag / Deutschlandradio)
Mit seinem neuen Buch will Per Molander zeigen, dass das Gemeinwohl in einer "marktkonformen Demokratie" nicht in guten Händen ist. (Westend Verlag / Deutschlandradio)

Der schwedische Mathematiker und Politikberater Per Molander kritisiert naive neoliberale Marktideologien und schlägt einen weiten Bogen zurück zur Aufklärung. Sein Fazit: Der Markt habe andere Interessen als das Gemeinwohl. Eine spannende Lektüre.

Als der schwedische Mathematiker Per Molander vor mehreren Jahren eine Polemik mit dem Titel "Anatomie der Ungleichheit" veröffentlichte, gab es hämische Reaktionen: Er vermische willkürlich Politik mit objektiver Marktforschung – und das, obwohl er da schon lange Jahre als Berater für Haushaltspolitik und Verteilungsfragen für die Weltbank, den IWF und die EU gewirkt hatte.

Naive Fortschrittsgläubigkeit

Dass er sein jüngstes Buch mit "Condorcets Irrtum" betitelt, obwohl es kaum von dem Marquis de Condorcet, dem berühmten Aufklärungsphilosophen handelt, erklärt sich wohl aus dem Frust über die naive Fortschrittsgläubigkeit heutiger neoliberaler Ideologen, die davon ausgehen, dass freie, von staatlichen Regeln unbehelligte Märkte den von der Aufklärung einst versprochenen Fortschritt der Menschheit schon mit sich bringen würden. Für Molander übernehmen Märkte heute schlicht die Funktion der alten autoritären Machtinteressen.

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Der Optimismus Condorcets und der gesamten Aufklärung basierte auf der Idee, dass man Erkenntnis und Wissen von Bevormundung lösen müsse und dass, sofern man den Menschen das gesamte verfügbare Wissen an die Hand geben würde (wie es etwa Diderots "Encyclopédie" anstrebte), sie ihr Leben nach eigenen Vorstellungen entwerfen und gestalten könnten. Naiv war allerdings dabei der Glaube, dass Bildung allein mündige und schließlich demokratische Persönlichkeiten hervorbringen würde. Ist das heute anders?

Die Voraussetzungen der Demokratie

Weite Teile des Buches entfalten eine wohlbegründete und statistisch untermauerte Kritik an zeitgenössischer Sozialpolitik, am - explizit oder implizit – herrschenden Ideal einer "marktkonformen Demokratie" auf Kosten der Aufklärungsideale. Wie Condorcet sieht Molander ein Gegengewicht (zum Marktprimat) vor allem im Bildungswesen; es sei eine der hoheitlichen Aufgaben des Staates, die nicht privaten Profitinteressen unterworfen sein dürfen – denn sie gehören, wie Gesundheit, Polizeischutz und eine Handvoll anderer unveräußerlicher Aufgaben, zu den Voraussetzungen demokratisch verfasster Gesellschaften, nicht zu den verhandelbaren, das heißt handelbaren Gütern.

In diesem Sinn gehört auch das heute verblassende Ideal einer Allmende zum Arsenal unveräußerlicher sozialer Grundwerte – als Leitmotiv gibt es Molanders über den Text verstreuten, oft mäandernden und ausschweifenden, erzählenden Gesellschaftsanalysen den Zusammenhalt und die Stoßrichtung auf eine Utopie, die er "das natürliche Regime" nennt, geprägt von "Vernunft, Demokratie, Gleichheit und Gleichberechtigung".

Der Markt habe andere Interessen, das Gemeinwohl sei bei ihm in keinen guten Händen, so das Fazit. Während Molander Condorcet vorwirft, den Widerstand der Machtinteressen gegen Aufklärung zu unterschätzen, neigt er selber zu einer etwas schlichten Gleichung von Aufklärung = Vernunft = Befreiung. Der Vernunftbegriff selber scheint bei ihm weder komplex noch gar problematisch.

Gleichwohl, das durchgehaltene polemische Engagement – für Bildung als Verteidiger, ja als Voraussetzung des Gemeinwohls – macht das Buch fast durchweg zur spannenden Lektüre. 

Per Molander: "Condorcets Irrtum. Warum nur ein starker Staat die Demokratie retten kann"
Übersetzt von Kristina Maidt-Zinke
Westend Verlag, Frankfurt am Main 2021
336 Seiten, 26 Euro

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