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Frühkritik | Beitrag vom 06.07.2018

Pearl Jam in der Berliner WaldbühneDer perfekte Gegenentwurf zur aktuellen Musikwelt

Von Simon Brauer

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Eddie Vedder, Sänger von Pearl Jam (imago/Agencia EFE)
Kein Konfetti, keine Spezialeffekte - Pearl Jam lieferte solide Rockmusik in der Waldbühne ab. (imago/Agencia EFE)

Grungerock - das war der Inbegriff alternativer Rockmusik in den 90er-Jahren. Und während Bands wie Nirvana oder Soundgarden längst Geschichte sind, hält Pearl Jam die Grungerock-Fahne hoch und tobte sich am Donnerstag in der Waldbühne aus.

Ja, Pearl Jam lebt. Das hat die Band gestern beim ausverkauften Konzert vor 22.000 Menschen in der Waldbühne in Berlin eindrucksvoll bewiesen. Seit über 25 Jahren ist Pearl Jam ohne Pause aktiv - und "Alive", der erste und immer noch größte Hit der Band, hat im Lauf der Jahre eine neue Bedeutung bekommen. Eigentlich geht es um den Fluch des Überlebens: Ein junger Mann erfährt überraschend, dass sein leiblicher Vater schon lange tot ist und er ohne ihn weiterleben muss. Die Pearl-Jam-Fans haben das Lied aber zu einer Hymne auf das Leben gemacht. Ja, wir leben noch, lasst uns das Leben feiern und die Musik.

Vom ersten Moment voller Energie

Auf den ersten Blick wirkt Pearl Jam eine altmodische Rockband, die in die Jahre gekommen ist. Vier Männer Anfang/Mitte 50 in Jeans und T-Shirt, mit Bass, Schlagzeug, zwei Gitarren und einem Sänger. Kein Laufsteg ins Publikum, kein Konfetti, keine Spezialeffekte. Nur das Licht wechselt mal von grün auf rot, mal von blau auf gelb. Aber vom ersten Moment an ist die Energie der Band zu spüren. Die überträgt sich auf das Publikum, vertausendfacht sich, geht wieder zurück auf die Bühne und die Musiker drehen weiter auf.

Die Band schafft es immer wieder, diese besondere Stimmung zu erzeugen. So auch gestern unter freiem Himmel in Berlin. Und das bringt die Menschen zusammen: junge Fans, die deutlich jünger sind als Pearl Jam, und ältere, die seit Anfang der 90er Jahre dabei sind. Außerdem Menschen aus ganz Europa: Spanien, Italien, Schweiz, Niederlande, Polen – viele der Fans kommen nicht nur zum Berliner Konzert, sondern reisen der Band bei der kompletten Europatournee hinterher. Denn: Jedes Pearl-Jam-Konzert ist anders; nie werden an zwei Abenden die gleichen Songs in der gleichen Reihenfolge gespielt.

Musik ohne Algorithmen

Pearl Jam spielt "Angie" von den Rolling Stones. Ein musikalischer Gruß an die Bundeskanzlerin, die aus Sicht der Band – trotz der aktuellen Lage – immer noch besser mit Flüchtlingen umgeht als der US-Präsident. Nach zweieinhalb Stunden und fast 30 Songs endet das mitreißende Pearl-Jam-Konzert mit einem Stück von Neil Young - und einem Ehrengast an der Gitarre: J Mascis von der Alternative-Rockband Dinosaur Jr kommt auf die Bühne, ebenfalls ein Veteran des 90er-Jahre-Rock.

Die meisten Fans feiern Pearl Jam aus nostalgischen Gründen – aber die Band schafft noch etwas anderes: Sie ist der perfekte Gegenentwurf zur aktuellen Musikwelt, die von Algorithmen bestimmt wird, von Klicks, Beats und Streams. Die Band aus Seattle hat gestern in Berlin wieder einmal gezeigt, dass es auch anders geht: nämlich laut, verschwitzt und aus vollem Herzen.
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