Mittwoch, 25.11.2020
 

Literatur / Archiv | Beitrag vom 29.03.2020

Paul Valéry und André GideEine Freundschaft voller Gegensätze

Von Harald Stübing

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Collage von zwei historischen Fotos: Paul Valéry, 1935 und André Gide, ca. 1930. (imago / Photo12 / Photosvintages und imago / Everett Collection)
"Er erwürgt mich einfach. Und ich sträube mich", schrieb André Gide (rechts) über seinen Freund Paul Valéry. (imago / Photo12 / Photosvintages und imago / Everett Collection)

Die beiden Schriftsteller Paul Valéry und André Gide waren jahrzehntelang miteinander befreundet, wussten aber zeitlebens nicht, worauf ihre gegenseitige Wertschätzung beruhte. Nur, dass ihre Zuneigung trug.

Ein Freund, ein guter Freund ist schwer zu finden, das geht auch Schriftstellerinnen und Schriftstellern so. Vielleicht fällt es ihnen noch schwerer, weil sie mit jedem Buch auch etwas Persönliches zeigen, das Freunde anders als Leser irgendwo auf der Welt einzuordnen wissen. Die Unterscheidung zwischen Autor und Werk, diese literaturwissenschaftliche Arbeitsvoraussetzung, dürfte jedem Schriftstellerfreund schwer fallen. Das macht verletzlich und lässt Abstand halten.

Paul Valéry, der berühmte Dichter und Denker, und André Gide, der Literaturnobelpreisträger von 1947, waren über Jahrzehnte befreundet. Einfach war es für beide nicht: "Gestern habe ich fast drei Stunden mit ihm verbracht", schreibt Gide erschöpft und ratlos. "Nichts stand in meinem Geist nachher noch aufrecht. Die Unterhaltung mit Valéry stellt mich vor die schreckliche Wahl, entweder absurd zu finden, was er sagt, oder absurd zu finden, was ich mache. Vernichtete er in Wirklichkeit, was er im Gespräch vernichtet, hätte ich keine Existenzberechtigung mehr. Übrigens diskutiere ich nie mit ihm. Er erwürgt mich einfach. Und ich sträube mich."

Eine Zuneigung ohne Grund

Valérys klarer, strenger Intellekt schont den Freund nicht, aber die Freundschaft. Sein Urteil über Gide fällt nicht günstig aus und ist doch nicht entscheidend: "Ich mag ihn, ich weiß nicht, warum, ich weiß nicht, worin, denn es gibt keine gegensätzlicheren, was Neigungen und Geistesrichtungen betrifft, minder übereinstimmenden Naturen. Einerlei, es ist so, und es gibt nicht Verlässlicheres als eine Zuneigung, die aus sich selbst kommt, ohne das geringste Argument, ohne Gemeinsamkeit im Fühlen und Denken, gleichsam ohne Grund."

1890 lernten sich Paul Valéry und André Gide in Montpellier kennen. Über ein halbes Jahrhundert pflegten sie ihre Freundschaft und wechselten 462 Briefe. Manches verschwiegen sie einander. Ihre unerklärliche Freundschaft aber hielt.

(pla)

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