Paul Theroux: "Figuren in der Landschaft"

Weitgereister Globetrotter

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Das Cover von Paul Therouxs "Figuren in der Landschaft" zeigt eine stilisierte Wüste aus gelben, orangenen und schwarzen Flächen vor weißem Hintergrund. In der Mitte steht ein orangener Kreis. Sehr klein sind zwei graue Kamele mit Reitern zu sehen.
© Hoffmann und Campe

Paul Theroux

Übersetzt von Cornelius Reiber

Figuren in der Landschaft. Begegnungen auf ReisenHoffmann und Campe, Hamburg 2021

525 Seiten

28 Euro

Von Marko Martin · 18.01.2022
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Der literarische Globetrotter Paul Theroux schreibt sehr facettenreich über Begegnungen mit Liz Taylor, Michael Jackson, Oliver Sacks oder Graham Greene. Er zeigt dabei: Er ist neugierig geblieben und hat sein immenses Stilgefühl bewahrt.
Der amerikanische Autor Paul Theroux wird oftmals als „Reiseschriftsteller“ bezeichnet - ein Missverständnis, vermutlich produziert von jenen, die glauben, jegliches Geschichtenfinden außerhalb des engumgrenzten eigenen Milieus sei  damit automatisch „Reiseliteratur“.
Theroux, Jahrgang 1941 und mit seiner Familie heute auf Hawaii und auf Cape Code lebend, ist in seinem langen Schriftstellerleben mehrfach preisgekrönt worden, zahlreiche seiner Bücher wurden Bestseller, einige der Romane erfolgreich verfilmt. Das gewiss ärgerliche Missverständnis in Bezug aufs Genre ist angesichts einer solch erfüllten Existenz also gewiss keine Tragödie.
Und doch. Wie schade wäre es, würde man Theroux´ aktuell auf Deutsch erschienenen Band „Figuren in der Landschaft. Begegnungen auf Reisen“ auf jener Ebene verorten, auf der in Deutschland etwa aufgekratzte Spät-Juvenile wie Helge Timmerberg unterwegs sind, nicht zu reden vom neu aufgetauchten Phänomen des plappernden „Reisebloggers“.

Beschreibungsfreude ohne Denunziation

Paul Theroux indessen, dem wir bereits faszinierende Bücher über Patagonien und China, Mexiko und die Transsibirische Eisenbahn, die Mittelmeeranrainer und den afrikanischen Kontinent verdanken, reist auch in diesen Texten mit nicht zu knapp Bildungsgepäck. Dass dieses dann Autor und Leserschaft niemals schwer wird, sondern im Gegenteil, federleicht zwischen Anschauung und Reflexion oszilliert - das ist die große Stärke dieser nonfiktionalen Prosa.
Wer außer Theroux könnte etwa einen Besuch Liz Taylors auf Michael Jacksons Neverland-Ranch beschreiben, ohne alles in wohlfeil distanzierte Ironisierung zu tauchen? Die noch immer ängstlich auf Glamour bedachte Ex-Schauspielerin: „Mit ihrem beeindruckenden Kopf und dem ebenmäßigen Gesicht auf dem kleinen, viel zerbrechlicheren Körper sah sie aus wie eine entlaufene Schachfigur.“ Dagegen Michael: „Die Stimme war gehaucht, hell, jungenhaft - zögerlich, dabei aber zittrig beflissen und hilfsbereit. Das betraf aber nur den singenden Tonfall, die Substanz war fester, wie die Stimme eines blinden Kindes, das klare Regieanweisungen in der Dunkelheit gibt.“

Theroux´ Berichte über Besuche bei Oliver Sacks in New York, bei Paul Bowles in Tanger oder über eine Teestunde mit der britischen Schriftstellerin Muriel Spark sind dann ebensolche literarischen Kabinettstücke einer kritisch subtilen, jedoch nie denunziatorischen Wahrnehmungsfreude. Ganz zu schweigen von einer Recherche in Harper Lees Geburtsort Monroeville, wo der Autor hinter den Kulissen von „Wer die Nachtigall stört“ forscht.

Berichte von der Fragilität unserer Existenz lange vor Corona

Keinerlei Patina haben diese von immenser Neugier und Stilgefühl geprägten Reportagen und Essays aus den letzten zwei Jahrzehnten angesetzt. Da doch einer wie Theroux selbstverständlich schon lange „vor Corona“ wusste und beschrieb, wie fragil unsere Existenz ist und wie viel man über die diversen Formen von Vulnerabilität erfahren kann, wenn man denn „richtig“ auf Reisen ist.
„Der aufschlussreichste Teil eines Landes, und besonders eines afrikanischen Landes, ist seine Grenze. Jeder kann am Flughafen einer Hauptstadt ankommen und sich von der Modernität dort täuschen lassen, aber es braucht schon einen gewissen Mut, um mit dem Bus oder dem Zug an die Grenze zu fahren, immer das Gebiet der Vertriebenen und Verarmten, der Menschen, die versuchen, das Land zu verlassen oder hineinzugelangen.“

Wut über selbst ernannte Experten

Paul Theroux, der in jungen Jahren selbst als Lehrer in Malawi und Uganda gearbeitet hatte, enthält sich bei seinen präzisen Schilderungen jeglicher öliger Instant-Empathie. Umso wütender machen ihn deshalb selbst ernannte Experten, „wichtigtuerische weiße Prominente“ vom Schlage Brad Pitts, Angelina Jolies oder Bonos: „Es gibt wahrscheinlich Lästigeres, als von einem überbezahlten und halbgebildeten irischen Rockstar mit albernem Namen und Cowboyhut über die afrikanische Entwicklungspolitik belehrt zu werden, nur fällt mir im Moment nichts ein.“
Doch dann bevorzugt Paul Theroux bereits wieder Zimmerlautstärke und erzählt von seiner Wertschätzung Graham Greenes, von den Tricks Somerset Maughams - oder beweist en passant, dass Georges Simenons Roman „Die Witwe Couderc“ besser ist als Camus´ „Der Fremde“. Denn auch das ist der weit gereiste Globetrotter: passionierter Leser und Literaturvermittler. Man kann sich ihm deshalb getrost anvertrauen - trotz seiner schier überquellenden Buchproduktion ist dieser Paul Theroux kein Blender.  
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