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Buchkritik | Beitrag vom 24.09.2021

Paul Nurse: "Was ist Leben?"Biologische Energie als "Lebensfunken"

Von Volkart Wildermuth

Cover zu Paul Nurse "Was ist Leben?" (Deutschlandradio / Aufbau Verlag)
"Wir müssen uns um das Leben kümmern, wir müssen für es sorgen. Und dazu müssen wir es verstehen", schreibt Paul Nurse. (Deutschlandradio / Aufbau Verlag)

Damit sich der Mensch um die Natur, die Umwelt und sich selbst kümmern kann, muss er all das im Detail verstehen. Der Nobelpreisträger Paul Nurse leistet mit seinem neuen Buch einen entscheidenden Beitrag.

Mit dem Titel "Was ist Leben?" tritt Paul Nurse in die großen Fußstapfen des Physikers Erwin Schrödinger. Der hatte unter dem gleichen Titel seine Ideen zum Thema veröffentlicht und damit einen Klassiker der Wissenschaftsliteratur geschaffen, der die späteren Doppelhelix-Entdecker Watson und Crick überhaupt erst für die Biologie begeisterte.

Ganz so inspirierend schreibt Paul Nurse, der 2001 einen Nobelpreis für die Entschlüsselung des Zellzyklus erhielt, nicht. Dass sein Buch dennoch lesenswert ist, liegt daran, dass er leicht verständlich für alle die schreibt, die verstehen wollen, wie moderne Biologie sich der Entschlüsselung des Lebens nähert. Fernab von dicken Büchern oder schwierigen Formulierungen.  

Fünf Wege der modernen Biologie

In seinem Buch beschreibt er die moderne Biologie anhand von fünf Grundkonzepten: die Zelle, das Gen, die Evolution, die Chemie und die Information.

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Und allen fünfen nähert er sich gleich: in historischen Exkursen, mit persönlichen Beobachtungen und Forschungsergebnissen aus dem Labor. Dort hat der Biochemiker zum Beispiel mit einem menschlichen Gen den Zellzyklus einer defekten Hefe reparieren können.

In den ersten drei Kapiteln vermittelt Nurse solides Lehrbuchwissen, versüßt mit überraschenden Fakten - etwa dem, dass die DNA aller Zellen eines Menschen aneinandergelegt 65 Mal bis zur Sonne und zurück reichen würde.

Molekulare Motoren

Spannend wird es, wenn Nurse sich der Chemie der Zelle zuwendet und Verbindungen von molekularen Motoren, über bewegliche Muskelzellen bis hin zur Schnellkraft eines Gepards zieht. Oder wenn er erläutert, wie biologische Energie funktioniert, für ihn der einzige "Lebensfunken".

"Es handelt sich um einen gründlich verstandenen physikalischen Prozess", schreibt er. Schon Einzeller, so lernt man hier, sammeln Informationen und setzen sie in praktisches Wissen um, die dem eigenen Weiterleben dienen.

Chemie und Informationstheorie gelten als langweilig, aus der Perspektive der Biologie aber werden sie bei Paul Nurse faszinierend. Aber die Biologie muss sich seiner Ansicht nach weiterentwickeln. "Das übergeordnete Ziel muss sein, die Bedeutung zu begreifen und nicht einfach Komplexität zu katalogisieren".

Ein Buch für aufgeklärte Laien

Nur so ließe sich den Herausforderungen der Menschheit begegnen. Wobei Paul Nurse betont: Die Ziele legt nicht die Wissenschaft, sondern die Gesellschaft fest. Aber bitte aufgrund von Fakten: "Die richtige Zeit für die Politik ist nach der Wissenschaft, nicht vorher."

Für diesen Ansatz braucht es aufgeklärte Laien. Und für sie hat Paul Nurse sein Buch geschrieben, schafft er es doch, ein Gefühl für die Denkweise der Biologie zu vermitteln, ohne in Details zu versinken. "Wir müssen uns um das Leben kümmern, wir müssen für es sorgen. Und dazu müssen wir es verstehen", schreibt er.

Paul Nurse: "Was ist Leben? Die fünf Antworten der Biologie"
Übersetzt von Heiner Kober
Aufbau Verlag, Berlin 2021
184 Seiten, 20 Euro

 

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