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Frühkritik | Beitrag vom 07.09.2018

Paul McCartney: "Egypt Station"Zwischen großem Alterswerk und Viagra-Rock

Von Andreas Müller

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Ex-Beatle Paul McCartney gibt 2015 ein Konzert in Marseille. (AFP)
Paul McCartneys Stimme sei besser als in den vergangenen 20 Jahren, meint Musikkritiker Andreas Müller. (AFP)

Paul McCartney legt mit "Egypt Station" ein neues Soloalbum vor. Der 76-Jährige bekam dafür zum Teil höchstes Lob. Unserem Musikkritiker gefällt maximal die Hälfte der Songs. Vor allem wenn McCartney sich nicht altersgemäß verhalte, werde es schmerzhaft.

Paul McCartney hat mit den Beatles ein enorm wichtiges Stück Popgeschichte geschrieben - und seit 1970 ein umfangreiches Solo-Werk vorgelegt. Dieses umfasst auch Experimente mit Elektronik und einen Flirt mit klassischer Musik. Am heutigen Freitag erscheint mit "Egypt Station" eine neue Pop-Platte des inzwischen 76-Jährigen.

In den vergangenen Wochen tauchte Paul McCartney in so gut wie jedem Feuilleton und auch in den großen internationalen Musikmagazinen auf. Angesichts dieses Getöses, das um die Platte gemacht wird, will sich der Eindruck aufdrängen, dass es sich bei "Egypt Station" nur um ein Meisterwerk handeln kann. Dabei will man uns glauben lassen, Paul McCartney sei eigentlich noch immer der einfache Junge aus Liverpool, der einfache Pop-Songs schreibt.

Geniale Magie ist nicht mehr da

Zu dem Song "I Don't Know" etwa sagte er: Es gibt Tage, an denen er rumsitzt und sich fragt, was er gerade falsch gemacht hat. Und um aus dieser Stimmung zu kommen, schreibt er dann eben ein Lied darüber.

Auch bei den Beatles hat er aus ganz kleinen Beobachtungen ganz großen Pop geschaffen, etwa im Song "Eleanor Rigby" über eine einsame alte Frau oder in "Blackbird" über eben diesen Vogel. Das Geheimnis großer Pop-Musik ist, das Drama im Einfachen zu finden und zu verwandeln. Das geht am besten, wenn man jung ist. Dieses Können blitzt in McCartneys neuem Album auch auf. Aber: Die geniale Magie ist nicht mehr da.

Für jemanden, der allein mit den Beatles 800 Millionen Platten verkauft hat, scheint McCartney aber doch noch hungrig zu sein. Er hat gesagt, er wolle ein klassisches Album aufnehmen, sich nicht an die Streaming Ästhetik anpassen. Was auffällt: die Stimme ist besser als in den vergangenen 20 Jahren - was auch immer da geschehen sein mag. McCartney verzichtet auf seltsame Experimente, die in der Vergangenheit so manchen Song unnötig verkomplizierten - hier geht es ganz klar um Hooks und Melodien, geradeaus und möglichst reiner Pop - so wie früher.

Momente, die nur er kann

Die Hälfte der 16 Lieder auf "Egypt Station" ist gut bis sehr gut - die andere weniger. Aber wenn McCartney sich - zugespitzt formuliert - altersgemäß verhält, dann finden sich Momente, die nur er kann: etwa "Happy With You", eine von akustischer Gitarre bestimmte, wirklich schöne Ballade für seine Frau Nancy Shevell. "Dominoes" ist ebenfalls ein fast schon beatlesesker Song. Mit "Back In Brazil" fügt er ein schönes Stück für das aktuelle Soft-Rock-Revival hinzu.

Nicht so gut, bis schmerzhaft sind andere Momente: "Fuh You" ist etwa der Titel eines Stücks. Da schlägt der vierte Frühling zu: Der närrische Onkel ist verliebt und sagt: "You make me wanna got out and steal / I wanna fuh you". Das ist schlimmer Viagra-Rock. 1968 sang McCartney: Warum treiben wir es nicht mal auf der Straße … Da war er allerdings 26 Jahre jung. Da passt dann vielleicht ein bisschen besser.

Ein weiteres misslungenes Stück heißt "Caesar Rock". Es hat einen misogynen, also frauenfeindlichen Text, den wahrscheinlich nicht mal Mick Jagger heute bringen würde. Leider will McCartney hier Jagger sein - als existiere noch die alte Rivalität zwischen Stones und Beatles. Da ist das Album dann furchtbar.

Angst vor Zeit nach Stones und Co.

Man liest im Zusammenhang mit "Egypt Station" vom großen Alterswerk, vom besten McCartney-Album seit den Tagen mit seiner Band Wings. Schaut man allerdings unvoreingenommen auf McCartneys Werk seit den 1980er-Jahren, ist da wenig, was wirklich überzeugt.

Letztlich ist das Medienecho spannender als die Platte selbst: Hier schreibt eine Generation gegen das Ende einer Pop-Hegemonie an, die in den 60ern begann und über Jahrzehnte für Stoff sorgte. Deren Tage sind gezählt. Die Stones beispielsweise sind alt, Paul Simon ist ebenfalls 76 Jahre und setzt sich jetzt zur Ruhe. Aus den Texten spricht sehr viel Angst: Was soll nur geschehen, wenn diese Säulen der Pop-Kultur bald nicht mehr sind.

(abr)


Hören Sie auch den Bericht von London-Korrespondent Thomas Spickhofen über das neue Album "Egypt Station" von Paul McCartney und die Werbemaschine darum mit Überaschungskonzert und Talkshow in der früheren Schule des Musikers:

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