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Lesart | Beitrag vom 12.11.2019

Paul Broks: „Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne" Über den Wert des Lebens

Von Susanne Billig

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Das Cover des Buches von Paul Broks, "Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne", zeigt eine Winterlandschaft, der nächtliche Himmel ist blau, die Sterne funkeln. (Cover: C.H.Beck)
Paul Broks' "Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne" ist eine Reaktion auf den Tod seiner Frau. (Cover: C.H.Beck)

Der Neuropsychologe Paul Broks hat seine Frau verloren und nimmt uns mit auf einen Tauchgang in den Strom seines Bewusstseins: Träume, Fallgeschichten aus seiner Praxis und philosophische Erwägungen. Keine leichte Lektüre über Tod und Trauer.

"Du weißt nicht, wie wertvoll das Leben ist. Du denkst, du wüsstest es, aber du weißt es nicht." Diese Sätze, gesprochen von seiner sterbenden Ehefrau, bilden das Gravitationszentrum des neuen Buches von Paul Broks. Immer wieder kommt der Autor auf diese Worte zurück, lotet sie aus und misst daran sein Leben.

Keine leichte Lektüre legt Paul Broks hier vor, wenn er seine Leserinnen und Leser mit auf einen Tauchgang in den Strom seines Bewusstseins nimmt. Übergangslos mischt er Tagebuchnotizen und Träume, Fallgeschichten aus der Neurologie und philosophische Erwägungen über die Natur des menschlichen Geistes, antike griechische Mythen und Gesprächsprotokolle sowohl mit realen wie mit fiktiven Personen. All das gruppiert sich um die existenziellen Fragen eines trauernden Mannes, dessen Ehefrau an metastasierendem Brustkrebs starb.

Verzweifeln am Wert des Lebens

Warum fürchten wir den Tod? Wohin verschwinden die Verstorbenen? Wie real sind meine Erinnerungen? Hat das Schicksal meine Frau und mich zusammengeführt oder war es der kalte Zufall? Warum möchte mein Gehirn aus dem Potpourri der Erfahrungen sinnvolle, große Geschichten weben?

Während seine Frau den Tod weder fürchtete, noch Zweifel am Wert des Lebens hatte, liebäugelt der Autor mit düster gefärbten Weltverständnissen. Ausführlich befasst er sich mit dem Philosophen Arthur Schopenhauer, dem das Leben enttäuschend sinnlos erschien – nicht wert, hineingeboren zu werden, eine kurze Strecke Bewusstsein zwischen zwei ewigem Flächen des Nichts.

Gleichzeitig, und das gibt seinem Buch Geschmack und Dreidimensionalität, drückt Paul Broks auf poetische Weise immer wieder sein Staunen über die unvorstellbaren Weiten des Kosmos aus; über die zahllosen Galaxien auf ihrem Weg durch Zeit und Raum; über die Quanten-Wunderwelten im Kleinsten, die alle menschliche Logik an ihre Grenzen treiben; über die wundersamen Potenziale der Liebe und das erstaunliche Phänomen des Bewusstseins, das uns an all der Komplexität und Vielfalt, die der blinde Zufall der Evolution hervorgebracht hat, teilhaben lässt.

Das wundersame Potential der Liebe

Dennoch bleibt das Buch unter dem Strich das Zeugnis eines Menschen, dessen kompromissloser Naturalismus den schmerzhaft-existenziellen Fragen, die ihn umtreiben, nur mit Mühe gewachsen ist. Paul Broks hält das Leben nicht nur für sinnlos, er unterwirft es auch immer wieder – und ohne das ernsthaft zu hinterfragen – der Maschinenmetapher. "Unser Herz ist eine Pumpe", schreibt er. "Unser Magen ein Brennstoff-Prozessor. Unser Gehirn ein elektrochemischer Supercomputer." Nicht nur die Seele habe die Wissenschaft längst abgeschafft, auch der Geist sei nicht mehr als das Produkt der Gehirnelektrizität.

Es ehrt Paul Broks, dass er bei seiner Überzeugung bleibt, auch wenn sie ihn nicht froh macht. An einer Stelle erklärt er bedauernd, er habe auf Vorträgen und in Texten "die Litanei der Selbstannihilation" mit den Jahren bis zum Erbrechen abgespult – und er setzt hinzu: "Manchmal möchte ich mir am liebsten selbst die Ohren langziehen."

Paul Broks: "Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne. Über die Liebe, die Trauer und das Ich"
Aus dem Englischen von Annabel Zettel
C.H.Beck, München 2019
320 Seiten, 26,- Euro

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