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Buchkritik | Beitrag vom 23.01.2020

Patrik Svensson: "Das Evangelium der Aale"Schleimige Fische und die großen Fragen des Lebens

Von Anne Kohlick

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Cover des Buchs "Das Evangelium der Aale" von Patrik Svensson vor einem orangfarbenen Aquarellhintergrund. (Hanser Verlag / Deutschlandradio)
Aale und Erinnerungen an den Vater: Bewegend wird "Das Evangelium der Aale" besonders da, wo Mensch und Fisch sich ineinander spiegeln. (Hanser Verlag / Deutschlandradio)

Das erste Buch von Patrik Svensson wurde ein Welterfolg: In "Das Evangelium der Aale" verwebt der Schwede die Geschichte dieser rätselhaften Fische mit Erinnerungen an seinen Vater. Ein berührendes, außergewöhnliches Buch.

Aale zählen vermutlich zu den Lieblingstieren eher weniger Menschen. Viele verziehen stattdessen angeekelt die Unterlippe beim Gedanken an die Szene aus Schlöndorffs "Blechtrommel"-Verfilmung, in der sich die langen Körper der Aale aus einem Pferdekopf am Ostseestrand herauswinden. Nach der Lektüre von Patrik Svenssons "Evangelium der Aale" wird das mit Sicherheit anders sein. Und diese Veränderung beginnt schon mit der ersten Seite des Buches.

Svensson vergleicht die Sargassosee im Atlantik - den Ort, an dem das Leben aller Aale beginnt - mit einem Traum: "Man kann nicht genau sagen, wann man eintaucht und wann man wieder hinausgleitet, man weiß nur, dass man drin gewesen ist." Genauso fließend und geschmeidig wie die Aale tausende Kilometer aus diesem schwer zu definierenden Meer bis in die Seen und Flüsse Europas gleiten, wird man von diesem außergewöhnlichen Buch - mit seiner Mischung aus Memoir und Sachbuch - hineingezogen in ihre Welt.

Angelabende in herrlichen Bildern

Das gelingt dem Journalisten Patrik Svensson, indem er die Geschichte dieser faszinierenden Fische, die der Forschung seit der Antike Rätsel aufgeben, mit ganz persönlichen Erinnerungen an seinen Vater verwebt. Es ist das erste Buch des Schweden und gleich ein Welterfolg, der in über 30 Sprachen übersetzt wird.

Svensson wurde 1972 in der Nähe der schwedischen Aalküste geboren. Als Kind ging er mit seinem Vater zum Angeln an den Fluss hinter ihrem Haus. Auf Aale, das Lieblingsessen des Vaters, hatten die beiden es abgesehen. In herrlichen Bildern beschreibt der Autor diese Angelabende: das nasse Schilf, durch das sie sich zum Ufer kämpfen, die Farbe des Wassers in der Dämmerung, Fledermäuse, die über ihre Köpfe hinweghuschen. Nie fühlte sich der Ich-Erzähler - er scheint deckungsgleich mit dem Autor - seinem Vater näher.

Die Aale, denen sie auflauern, haben schon Aristoteles beschäftigt. Der Grieche vermutete, die Fische würden aus Schlamm auf dem Grund von Seen geboren, ohne dass Eier oder Samen dafür nötig wären. Damals hatte noch niemand Aale beim Laichen beobachten können. Das Erstaunliche ist: Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Mensch und Fisch spiegeln sich ineinander

Zwar nehmen wir mittlerweile an, dass alle europäischen Aale in der Sargassosee laichen - aber nur, weil Wissenschaftler dort die weltweit kleinsten Aallarven gefunden haben. Auch über 2000 Jahre nach Aristoteles gelingt es dem Aal weiter, seinen Fortpflanzungsakt vor Menschen zu verbergen. Svensson schildert solche Anekdoten aus der Forschungsgeschichte so lebendig wie kenntnisreich. Literarischer Anspruch an Sprache und Erzählung gehen bei ihm mit wissenschaftlicher Korrektheit Hand in Hand.

Bewegend wird "Das Evangelium der Aale" besonders da, wo Mensch und Fisch sich ineinander spiegeln. Seit den 70er-Jahren ist die Zahl der jungen Aale, die es nach Europa schaffen, um 95 Prozent gesunken. Ausgewachsene Tiere leiden unter eingeschleppten Parasiten, Umweltgifte machen sie krank. Das Schicksal von Svenssons Vater scheint ein Echo darauf: Sein Leben lang hat der Asphaltarbeiter Straßen geteert und dabei giftige Dämpfe eingeatmet. Mit 60 Jahren stirbt er an Lungenkrebs. Sein Sohn hat ihm mit diesem Buch ein berührendes Denkmal gesetzt.

Patrik Svensson: "Das Evangelium der Aale"
Aus dem Schwedischen von Hanna Granz
Hanser Verlag, München 2020
256 Seiten, 22 Euro

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