Patrícia Melo: "Gestapelte Frauen"

    Getötet, weil sie Frauen sind

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    Cover des Romans "Gestapelte Frauen" von Patrícia Melo vor einem grafischen Hintergrund mit orangefarbenen Flecken.
    Grausame Geschichte, virtuos inszeniert, urteilt Kritiker Thomas Wörtche über Patrícia Melos "Gestapelte Frauen". © Deutschlandradio / Unionsverlag
    Von Thomas Wörtche · 12.03.2021
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    Ein Roman, der anklagt: Die Brasilianerin Patrícia Melo schreibt in "Gestapelte Frauen" über Femizide in ihrer Heimat. Tief verwurzelt sind diese Morde in der dortigen Gesellschaft und werden von der vorwiegend männlichen Politik geduldet.
    "Gestapelte Frauen", der neue Roman der Brasilianerin Patrícia Melo, ist ein wütendes Buch über ein abscheuliches Skandalon. Es geht um Femizide, also Tötungsdelikte an Frauen, weil sie Frauen sind, deren Häufigkeit global gesehen erschreckend ist. 2017 gab es weltweit circa eine halbe Million Opfer, Tendenz rasant steigend, die Dunkelziffer ist entschieden höher.

    Rachefantasien im Drogenrausch

    Brasilien und dort die Provinz Acre im Amazonasgebiet sind besondere Hotspots. Dahin verschlägt es die namenlose Hauptfigur des Romans, eine Anwältin aus São Paulo, die einen einschlägigen Prozess beobachten soll und die sich vor ihrem gewalttätigen Lover in Sicherheit bringen will. Der Prozess dreht sich um den Mord an der 14-jährigen indigenen Txupira, die Täter sind zweifelsohne drei junge Männer aus reichem Haus.
    Wenig überraschend endet das Verfahren mit einem Freispruch. Die engagierte Staatsanwältin will das so nicht hinnehmen und wird im Zuge der weiteren Ermittlungen ebenso ermordet wie Chefredakteurin einer lokalen Zeitung.
    Unsere Heldin legt währenddessen ein Album an, in dem sie die Fälle von Femiziden sammelt, auf die sie während ihrer Arbeit stößt: Ein gewaltiges Volumen kommt zusammen, eben die "gestapelten Frauen". Gleichzeitig lernt sie die Schönheiten des Amazonas kennen und die Verwüstungen, die ein irrer Raubbau dort anrichtet, und sie bekommt Kontakt zu der indigenen Bevölkerung.
    Und wenn sie schon an der Realität scheitert, so kann sie doch drogeninduziert mithilfe eines Ayahuasca-Rituals (ein psychodelischer Pflanzensud) ihre Rachefantasien träumerisch ausleben, herbei visionieren und -halluzinieren. Zudem muss sie sich ihrer eigenen Biografie stellen, denn auch ihre Mutter wurde von ihrem Vater getötet.

    Permanente Verletzung der Menschenrechte

    Melos ganze Virtuosität zeigt sich in der Inszenierung ihrer grausamen Geschichte: Sie wechselt geschmeidig (exzellent übersetzt von Barbara Mesquita), obwohl der Roman eine Ich-Erzählerin hat, den Erzählton, die Erzählfarbe: Von dokumentarischen Passagen, die einzelne Frauenschicksale genau beschreiben, über poetische Naturbilder zu lakonischem Business-Talk, zu den Drogenfantasien, die in der Tat heftig sind, und die ganze Wut nicht nur der Hauptfigur, sondern auch der Autorin ungebremst ausspeien. Ein Vulkan brutalster Tötungsfantasien, die allerdings angesichts des Gesamtthemas gar nicht ungeheuerlich genug sein können.
    Femizide, daran lässt Melo nicht den geringsten Zweifel, sind ein riesiges systemisches Problem, von vorwiegend männlicher Politik geduldet, nicht nur in der brasilianischen Gesellschaft tief verwurzelt, vielen Gesellschaften regelrecht eingeschrieben, ein permanenter Verstoß gegen die Menschenrechte.
    Es gibt paradoxerweise Romane, die sehen aus wie Kriminalromane, sind aber keine – und am Ende doch welche. Weil sich im Verlauf des Romans zeigt, dass die Realität die Erzählkonventionen des Textes prägt und sie ständig erweitert. "Gestapelte Frauen" ist so ein Fall, ein Glücksfall.

    Patrícia Melo: "Gestapelte Frauen"
    Aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita
    Unionsverlag, Zürich 2020
    251 Seiten, 22 Euro

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