Wenn die Patientenverfügung fehlt

Soll mein Vater sterben?

Zwei Hände berühren sich an der Bettkante.
Der letzte Atemhauch im Leben eines Menschen: Dass er diesen Moment bei seinem Vater verpasst hat, belastet Mats. © Unsplash/ Alexander Grey
Henrike Möller im Gespräch mit Utz Dräger · 09.09.2022
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Mitten in einem Job-Meeting erhält Mats die Nachricht, dass sein Vater einen schweren Hirnschlag erlitten hat. Schnell wird klar: Der Vater wird nie wieder gesund. Mats muss eine Entscheidung fällen - eine Entscheidung über Leben und Tod.
Mats Vater kann nach einer schweren Blutung im Gehirn nicht mehr selbst essen, atmen oder laufen. Auf ihn wartet ein Leben, das er so sicherlich nie gewollt hätte, denkt Mats.
Schnell wird Mats klar, dass er nicht verantworten will, dass sein Vater ein Leben führen muss, das aus seiner Sicht die reinste Qual sein muss. Die Ärzte erwarten von der Familie eine Entscheidung. Denn eine Patientenverfügung, in dem der Vater selbst festgelegt hat unter welchen Bedingungen er weiter leben will, existiert nicht.

Es zerreißt einen, weil man nichts ändern kann und sieht, wie einfach der Körper, also diese biologische Maschine, anfängt zu zerfallen. Diese Vorstellung 'Das ist mein Vater' zerbröckelt, weil das nicht mehr mein Vater ist.

Mats

Den letzten Atemzug verpasst

Mats übernimmt die Verantwortung für seinen Vater und glaubt zunächst auch alles richtig gemacht zu haben. Doch sein Bruder möchte lieber noch abwarten und zweifelt an der Entscheidung, den Vater sterben zu lassen. Das belastet das Verhältnis der Brüder nachhaltig.
Inzwischen wurden bereits alle lebenserhaltenden Maßnahmen für den Vater eingestellt, die Maschinen im Krankenhaus abgestellt. Mats ist in dieser Zeit Tag und Nacht bei seinem Vater. Nach fünf Tagen ist der Vater tot.
Den einen Moment, in dem sein Vater tatsächlich stirbt, verpasst Mats. Und das ist für ihn kaum zu verkraften: "Ich wäre gern dabei gewesen. Es ist wie so das letzte Bild in einem Comic oder die letzte Seite in einem Buch, die fehlt mir halt. Da war ich nicht da."

Ein moralisches Dilemma

Den Vater sterben zu lassen, war die richtige Entscheidung, sagt Mats heute und doch belasten ihn diese Ereignisse und Erlebnisse immer noch sehr. Mats Geschichte erzählt uns von den dunklen Seiten des Lebens, von Situationen, in die niemand geraten will und vielleicht auch nicht geraten sollte, findet die Autorin der Geschichte der Woche Henrike Möller.
Mats muss eine Entscheidung fällen, die im Grunde unzumutbar ist, da solch eine Entscheidung für einen anderen Menschen zu fällen ja nie die richtige sein kann - ein moralisches Dilemma, in das Angehörige immer wieder gestoßen werden, wenn Familienmitglieder keine eigene Patientenverfügung erstellt haben.
Vom Sterben und Trauern