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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 23.06.2015

Patientenradio "Peilsender"Live aus der Psychiatrie

Von Tabea Grzeszyk

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(Deutschlandradio / Tabea Grzeszyk)
Das Team vom Radiosender "Peilsender" (Deutschlandradio / Tabea Grzeszyk)

Jeden Dienstag sendet "Radio Peilsender" aus dem Studio des Pfalzklinikums Klingenmünster, einer der größten psychiatrischen Einrichtungen in Rheinland-Pfalz. Doch hinter dem Mikrofon sitzt kein professioneller Moderator, sondern ein junger Patient.

Im Auto mit Saskia Schmitt, Musiktherapeutin: 

"Wir fahren jetzt gerade durch ein Dorf, das etwa 5 Kilometer vor der Klinik in Klingenmünster liegt, und hier fängt's an, so latent reinzukommen. Also man hört Liedfetzen und ansonsten großes Rauschen. Wenn wir aber gleich den Ort rausfahren auf den nächsten Hügel, dann haben wir freie Fahrt zum Klinikum und dann sollte auch der Sender stabil laufen."

Der Stolz ist der Musiktherapeutin Saskia Schmitt auf die Stirn geschrieben. Auf ihrem Weg zur Arbeit gibt es immer diesen Moment, der ein Ritual geworden ist: Sobald die Kuppe überfahren ist, nach einer scharfen Rechts- und Linkskurve, wenn der Blick frei wird auf das ausgedehnte Areal des Pfalzklinikums Klingenmünster – dann kommt sie rein, die UKW-Frequenz 87,9 des Patientenradios "Peilsender".

Jingle "Radio Peilsender": "Alles gepeilt? Die beste Peilung gibt's nur bei uns! Herzlich willkommen, mein Name ist Steven..."

Saskia Schmitt gehört zum Team des "Peilsenders", dem einzigen nicht-kommerziellen Radio in Rheinland-Pfalz mit einer eigenen Frequenz. Seit Ende April wird rund um die Uhr gesendet. Noch dominieren Musik und aufgezeichnete Liedwünsche das Programm, doch es gibt auch Magazin-Sendungen, die live aus der Psychiatrie gesendet werden. Dafür trifft sich jede Woche ein Kernteam aus sechs Patienten und Mitarbeitern mit Rudi Pericki, dem Initiator des "Peilsenders".

Rudi Pericki, Mitarbeiter im Pädagogisch-Pflegerischen Dienst und Radioleiter: "Wir haben jetzt hier das aktuelle Radio Peilsender-Team, bestehend aus dem Steven, der moderiert hier fleißig vor sich hin, da haben wir den Carsten an der Musik und den Ramon, die bedienen die CD-Player. Und dann haben wir die Frau Lüdtke, die Lara und den Viktor. Zu guter Letzt haben wir Saskia Schmitt, Musiktherapeutin, die auch von Anfang an dabei ist, sie ist für Layout, Werbung und Schneidegeschichten zusammen mit Frau Lüdtke zuständig."

Das Motto heißt: Learning-by-Doing

Als das Radioteam vor drei Jahren mit einer eigenen Sendung experimentierte, hätte wohl keiner der Beteiligten damit gerechnet, dass aus diesem Projekt ein "richtiger" Sender erwachsen könnte. Professionelle Erfahrung im Hörfunk hatte keiner. "Learning-by-Doing" heißt das Motto, unter dem Patienten und Mitarbeiter ihren Klinikalltag ins Radio bringen: Mit Interviews vom Tag der offenen Psychiatrie über Reportagen aus der Kantine bis zum eigenhändigen Ausbau des Radiostudios im Dachzimmer eines Klinikgebäudes.

Ausschnitt "Radio Peilsender"
Steven: "Wir hören jetzt eine Reportage von dem Aufbau des Studios mit unserem Live-Reporter Tim Lang. – Tim: "Wird sind hier im zukünftigen ST-Radio-Raum, hier wird gerade gebohrt und wir haben jetzt schon die Sache mit dem Mischpult ausgesägt und für die Bedienteile, CDs und so, jetzt sägen wir gerade das dritte Loch aus, und dann können wir alles anschließen..."

Der ehemalige Patient und Radioreporter Tim wurde mittlerweile aus der Klinik entlassen. Steven, Patient und derzeitiger Hauptmoderator, ist bis heute dabei. Der 23-jährige mit klugen Augen hinter Brillengläsern wagt ein verschmitztes Lächeln, als er erzählt, wie schwierig es ihm und seinen Kollegen anfangs gefallen ist, im Radio auf den Punkt zu kommen.

Steven, Patient und Moderator: "Es war so, dass jeder dritte Satz mit dem Wort 'Scheiße' geendet hat, weil ich den Text vergessen habe oder mir nichts mehr eingefallen ist, was ich dazu sagen wollte.
Die Moderationen waren ewig lang, nicht kurz und knapp, das hat sich geändert."

Auch der Patient und Musikredakteur Carsten ist stolz darauf, welche Fortschritte er und seine Radiokollegen bereits gemacht haben.

Carsten, Patient und Musikredakteur: "Da kann man Sachen lernen, wo keiner wusste, dass man so was kann. Zum Beispiel der Steven hat gesagt, er konnte vorher nicht so sprechen, jetzt kann er es. Ich konnte vorher nicht die Musik richtig reinschmeißen, jetzt kann ich es auf einmal, das lernt man alles da oben."

Der Klinikalltag hat Vorrang

Konzentriert proben die Patienten und Mitarbeiter den Durchlauf für die nächste Sendung, alle sind mit Feuereifer dabei. Die Stimmung ist ausgelassen, so dass man fast vergessen könnte, in einer psychiatrischen Klinik zu sein. Für einen Außenstehenden wird das Ungewöhnliche an Radio "Peilsender" erst offensichtlich, als das Treffen plötzlich und unerwartet unterbrochen wird.

Gerät piepst.

Ob Fehlalarm oder nicht – der Klinikalltag hat Vorrang. Blitzschnell trennt sich das Radioteam wieder in Patienten und Klinikmitarbeiter. Mit einem Notruf werden Kollegen zu Hilfe gerufen, sobald eine Situation zu eskalieren droht. Etwa bei körperlichen Übergriffen auf Klinikangestellte oder Aggressionen unter den Patienten selbst. Der Alarm wurde in der ST ausgelöst, der Sozialtherapeutischen Station. Dort werden straffällig gewordene Jugendliche mit psychischen Erkrankungen behandelt. Dass von dieser forensischen Station auch die meisten Radiomitarbeiter stammen, stellt das Team vor organisatorische Herausforderungen, erzählt der Radioleiter Rudi Pericki:

"Unsere Patienten sind oft in ihrem Radius eingeschränkt, das heißt nicht immer können sie die Station verlassen, das hat was mit Verhalten zu tun. Und im ungünstigsten Fall könnte es passieren, wir haben – ich sag mal - um 17 Uhr eine Live-Sendung und um 16 Uhr wird bekannt gegeben, dass der Moderator leider nicht mitkann. Das sind so Sachen, mit denen wir zu tun oder zu kämpfen haben, und man muss dann schauen, wie kriegt man solche Sachen ausgeglichen."

Beim Radio "Peilsender" können sich Menschen aller Stationen des Pfalzklinikums einbringen, doch den harten Kern bilden Patienten und Mitarbeiter der ST. Die Station ist für alle Jugendlichen aus Rheinland-Pfalz zuständig, die bei ihrer Verurteilung in den sogenannten "Maßregelvollzug" unter 18 Jahre alt waren. Was das genau bedeutet, erklärt der leitende Oberarzt des Jugend-Maßregelvollzugs, Wolfgang Weissbeck.

Wolfgang Weissbeck, leitender Oberarzt: "Wenn jemand an einer psychischen Erkrankung leidet, im Rahmen der Erkrankung eine Straftat begangen hat und Wiederholungsgefahr besteht, kommt er anstatt ins Gefängnis in den Maßregelvollzug. Man tut sich natürlich bei Jugendlichen extrem schwer, die zuzuweisen, es gelten aber die gleichen gesetzlichen Bestimmungen. Das heißt, wenn die Grundvoraussetzungen vorliegen, kann man eigentlich nicht anders."

Psychosen, Suchterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen

Zu den Grundvoraussetzungen gehören Diagnosen wie Psychosen, Suchterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen, die zu einer Straftat geführt haben. Körperverletzungen sind der häufigste Grund für eine Einweisung, gefolgt von Sexual- und Tötungsdelikten. Es gibt nur wenige Jugendliche im Maßregelvollzug, ihr Anteil liegt bei rund zwei Prozent - geschätzte 200 Patienten in ganz Deutschland. In der forensischen Psychiatrie wird das Ziel ihrer Resozialisierung in die Gesellschaft schrittweise erprobt. Weil das Radio eine Brücke zum Leben außerhalb der Klinik schlägt, hat der leitende Oberarzt Wolfgang Weissbeck das "Peilsender"-Team von Anfang an unterstützt.

Wolfgang Weissbeck, leitender Oberarzt: "Wenn man sich anguckt, wo die Patienten herkommen, ist es ja ein enormer und riesiger Schritt. Es gelingt im Projekt Patienten einzubinden mit den unterschiedlichsten Störungsbildern, also Patienten mit Autismus-Spektrumsstörungen, die eigentlich ganz in sich gefangen sind, denen es aber gelingt, über dieses Medium Zugang mit der Welt da draußen aufzunehmen."

Auch für die Welt "da draußen" ist es gar nicht so einfach, Kontakt mit der Innenwelt der Station aufzunehmen. Wer die Stars des "Peilsenders" persönlich treffen möchte, braucht einen Termin. Zumindest, wenn er durch die Sicherheitsschleuse zur geschlossenen Station in den ersten Stock möchte, wo Moderator Steven derzeit untergebracht ist. Für ihn ist das Radio eine willkommene Freizeitbeschäftigung in einem Tagesablauf, der ansonsten von therapeutischen Maßnahmen bestimmt wird.

Steven, Patient und Moderator: "Montags zum Beispiel stehen wir auf um halb sieben, um sieben Frühstück, dann sitzen wir auf dem Zimmer, warten bis die Visite durchgegangen ist, dann die Rückmeldung, es wird geguckt, ob man das Wochenziel, das man sich selbst gesteckt hat, auch erreicht hat. Bis um drei arbeiten, ich gehe danach in die Kunsttherapie, mache mich fertig zum Gruppensport, der um fünf ist, gehe dann um sieben wieder zum Abendessen, danach Freizeit."

Viele Dinge, mit denen Jugendliche in Freiheit ihre Zeit verbringen, sind auf der Sozialtherapeutischen Station verboten. Patienten dürfen auf ihrem Zimmer keine Handys benutzen, nicht im Internet surfen, nicht fernsehen oder Computer spielen - zumindest nicht ohne Aufsicht. Drogen und sexuelle Kontakte sind sowieso tabu. So kommt es, dass das alte Medium Radio eine Strahlkraft besitzt, die ihm im digitalen Zeitalter andernorts streitig gemacht wird. Die Antwort auf die Frage "Hörst Du Radio?" ist für Steven eine Selbstverständlichkeit.

Steven, Patient und Moderator (lacht): "Ja, jeden Tag! Immer während den Zimmerzeiten höre ich die Neue Welle, einfach weil mir die Musik gefällt, die spielen so 80er, 90er, das ist mein Jahrgang, den ich gerne höre."

Die Musikbegeisterung der jungen Patienten und ihre Einschränkungen im Maßregelvollzug – diese Kombination hat den Klinikmitarbeiter Rudi Pericki letztlich auf die Idee für das Patientenradio gebracht.

Rudi Pericki, Radioleiter: "Ich habe festgestellt, weil sie keinen Fernseher im Zimmer haben dürfen, hörten die einfach Radio. So, dass ich dann auf die Idee kam, Mensch, das ist doch vielleicht eine Sache, um so was mal selber zu machen. Wir hatten parallel dazu schon angefangen, eine Band aufzubauen, das wurde auch sehr positiv aufgenommen. Die interessieren sich halt für Musik und legen gerne auf, so DJ-mäßig, und das kann man ja alles im Radio wunderbar machen."

Der Patient und Musikredakteur Carsten sieht das genauso. Er ist auf der offenen Station untergebracht. Durch die Glasscheibe im Flur zeigt Carsten auf einen eindrucksvollen Stapel mit CDs im Gemeinschaftsraum.

Carsten: "Das ist ne CD-Sammlung! Autorin: Ist das deine? Carsten: Das ist alles
vom Radio, da sind wir am Raussuchen, alles! Das ist eine Heidenarbeit! Autorin:
Was ist deine Lieblingsmusik? Carsten: Was ich mag, ist Metal, Techno, House,
alles, was gut ist. Autorin: Und ihr könnt auflegen, was ihr wollt? Carsten: Wir
sprechen uns alle ab, gegenseitig."

"Wir sprechen uns ab" klingt fast ein wenig untertrieben, wenn man sich mit Lara Lüdtke unterhält. Die Musiktherapeutin arbeitet beim "Peilsender" als Redakteurin und Moderatorin, für sie wurde eine Stabsstelle für Medienpädagogik geschaffen. Beim Patientenradio einer psychiatrischen Klinik müsse man genau hinsehen, bevor ein Musiktitel über den Äther geht, erklärt sie. Doch darin sieht Lara Lüdtke zugleich eine Chance.

Lara Lüdtke, Musiktherapeutin und Medienbeauftragte: "Wir haben oft Jugendliche, die unreflektiert Musik hören. Das heißt, die bringen 'Gangster-Rap' mit, in dem es um Gewalt geht, um frauenfeindliche, sexualisierte Sachen, drogenverherrlichende Musik. Und das Radio bietet den Jugendlichen auch die Möglichkeit, mal ihren Musikgeschmack zu reflektieren. Wir müssen eine Vorauswahl treffen in der Sendung, welche Musik passt zu der heutigen Sendung, und müssen dann auch noch hinterfragen, passt denn die Musik, die wir jetzt gerade spielen wollen? Hören das alle mit, alle Zuhörer?"

Drei Jahre lang kursierten die Sendungen des "Peilsenders" auf CD gepresst auf dem Klinikgelände. Dann schaltete sich die Leitung ein: Eine gemeinsame Initiative des Geschäftsführers Paul Bomke, des Oberarztes Michael Brünger und des Pädagogisch-Pflegerischen Leiters Michael Hübner bei der rheinland-pfälzischen Landesmedienanstalt hatte Erfolg. Am 29. April 2015 war es so weit:

Ausschnitt Radio "Peilsender", On-Air Sendung vom 29.4.2015
"Hallo und herzlich willkommen zum Radio Peilsender, mein Name ist Steven. Wir begrüßen euch heute aus einem ganz besonderen Grund, denn das Radio geht on air! Ihr könnt uns jetzt ab sofort auf der Frequenz 87,9 hören." 

Geglückter Sendestart wird gefeiert

Patienten und Mitarbeiter gemeinsam hinter'm Mikrofon: Der "Peilsender" ist für den Pädagogisch-Pflegerischen Leiter Michael Hübner eine echte Innovation für den Klinikalltag, mit der er nach den ersten Radioexperimenten nicht gerechnet hätte.

Michael Hübner, Pädagogisch-Pflegerische Leiter: "Ich war insofern überrascht, weil ich - als wir damit angefangen haben - nie dachte, dass es diese Ausmaße annimmt. Insofern bin ich unglaublich stolz darüber, dass es diese Entwicklung genommen hat."

Aus einem pädagogisch-therapeutischen Projekt wurde ein Klinikradio, das 24 Stunden am Tag über eine eigene UKW-Frequenz sendet. Patienten verschaffen sich Gehör, auch mit ihren Alltagsbeschwerden – diese Öffentlichkeit hat es in der psychiatrischen Klinik so bislang nicht gegeben.

Ausschnitt "Radio Peilsender": 
"Meine Damen und Herren hier beim Radio, es ist immer noch der erste Tag bei der Trekkingtour (keucht). Mir tut der Rücken weh, mir tun die Füße weh, mir tut eigentlich fast alles weh, außer mein Kopf. Jetzt sind wir hier gerade auf einem nächsten Weg , der wieder bergauf geht, und hoffentlich haben wir uns nicht verlaufen!" – Betreuer im Hintergrund: "Jetzt können wir hier eine kurze Pause machen." - Patient: "Was wäre denn, wenn wir uns jetzt verlaufen, wegen Ihnen?" - Betreuer (lacht): "Wegen mir?" - Patient: "Weil Sie gesagt haben, das ist richtig!" - Betreuer: "Ich kann mich ja nicht konzentrieren, bei so viel Nörgeltanten." - Patient: "Was heißt hier konzentrieren? Das ist einfach nur abartig. Okay, wir schalten nachher nochmal rüber, wenn die Zelte aufgebaut werden."

Den geglückten Sendestart feiert das gesamte Radioteam mit einer on-Air-Party. Plastikbecher mit alkoholfreiem Sekt machen die Runde, dazu gibt es selbstgemachte Salate, Steak und Wurst. Die Musiktherapeutinnen Saskia Schmitt und Lara Lüdtke sind begeistert, dass die Arbeit beim Klinikradio therapeutische Effekte anstoßen kann, ohne dass die Patienten ihren Einsatz als Therapie wahrnehmen. Anstatt sich gegenseitig abwertend zu "dissen", wird im Radio diskutiert.

Saskia Schmitt und Lara Lüdtke, Musiktherapeutinnen
Schmitt: "Wenn man mit Gesprächspartnern draußen unterwegs ist oder draußen spricht: Natürlich muss man zuhören, was der gesagt hat, natürlich muss man sie aussprechen lassen, natürlich muss man darauf eingehen, was der gesagt hat und nicht gleich einen eigenen Mist dazufaseln – solche Dinge lernen sie nebenbei, wenn sie das Radio machen. Da muss man gar nicht groß "Therapie" draufschreiben, das passiert automatisch." 

Lüdkte: "Aber auch während der Sendung, die Jugendlichen müssen sich gegenseitig absprechen, wer wann was erzählt, wir haben meistens mehrere Moderatoren im Studio sitzen, da muss der eine dem anderen Zeichen geben, wann Musik, wann der Jingle startet. Dieses Miteinander Reden ist ein gutes Trainingsfeld, um das zu lernen."

Die eigene Frequenz ist erst der Anfang, jetzt geht es darum, das Programm mit Inhalten aus der ganzen Klinik zu füllen. Mitarbeiter der Jugend- und Kinderstationen denken über neue Formate nach, auf der Bierbank werden Sendungen über Gothic oder die Bundesliga ausgeheckt – und auch der Patient und Moderator Steven hat eine neue Radioidee im Kopf.

Was bedeutet es, "frei" zu haben?

Steven, Patient und Moderator: "Ich will jetzt eine Sendung über Feiertage machen, einfach Informationen darüber bringen, was es für Feiertage gibt und warum."

Autorin: "Was interessiert dich daran?"
Steven: "Generell die Bedeutung der Feiertage, zum Beispiel feiern wir alle den 1. Mai als Tag der Arbeit. Aber dabei arbeiten wir ja nicht - sondern haben Feiertag!"

Was heißt es für einen Patienten der Sozialtherapeutischen Station, sich in einer Radiosendung mit Feiertagen zu beschäftigen? Was bedeutet es, "frei" zu haben, wenn man die geschlossene Psychiatrie nicht verlassen darf? Die Gesellschaft soll vor psychisch erkrankten Straftätern geschützt werden. Doch anders als bei einem Gefängnisaufenthalt ist die zeitliche Dauer nicht festgelegt, nur einmal im Jahr werden alle Patienten überprüft. Die Erfolgsquote schätzt der leitende Oberarzt Wolfgang Weissbeck auf 50 Prozent, das heißt die Hälfte aller Jugendlichen wird irgendwann entlassen, die andere Hälfte wird verlegt. Manche bleiben letztlich ein Leben lang in der Psychiatrie. Dieses Prozedere kritisiert Wolfgang Weissbeck. Er bemüht sich um eine Gesetzesänderung, um Befristungen für Jugendliche im Maßregelvollzug einzuführen.

Wolfgang Weissbeck, leitender Oberarzt: "Der Gesetzgeber denkt bei diesem Gesetz an diese kleine Gruppe nicht. Es gab in den 1980er Jahren eine der wenigen Veröffentlichungen überhaupt zum Thema, eine Ärztin im Erwachsenenvollzug hat einen Artikel veröffentlicht, der hieß so schön "Die vergessenen Kinder im Maßregelvollzug." Das ist ein Stiefkind, und da könnten wir einen schönen Schwenk zu unseren Projekten hier machen, viele der Projekte gehen ja raus an die Öffentlichkeit. In dem Moment, wo man anfängt, die Balance zu verlieren, geht's eigentlich schief. Wenn man zu sehr das Individuum sieht und nicht mehr die Straftat, oder wenn man nur die Straftat sieht und nicht mehr das Individuum. Man muss also den Spagat aufrecht erhalten und dann geht es auch."

Das Pfalzklinikum geht einen couragierten Weg, Projekte wie das Patientenradio "Peilsender" brechen das vermeintliche Tabuthema "Psychiatrie" und gewähren Einblicke in den Klinikalltag. Was der "Peilsender" damit leisten kann – die Tragweite wird den Beteiligten gerade erst bewusst, glaubt der Pädagogisch-Pflegerische Leiter Michael Hübner.

Michael Hübner, Pädagogisch-Pflegerische Leiter: "Ohne, dass man es direkt als Ziel hat, ist ein solches Projekt prädestiniert dafür, wenn man über den Äther geht, wenn man auch Randbereiche der Gemeinden mitversorgen kann - ein Stück Öffnung der Psychiatrie, Transparenz, Dialog."

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