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Tonart | Beitrag vom 24.02.2020

Pat Methenys: "From This Place"Jazziger Wohlklang mit politischer Aussage

Von Johannes Kaiser

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Der Jazz-Gitarrist Pat Metheny auf der Bühne, November 2019 in New York City.  (Getty / Debra L Rothenberg)
Improvisation ist politisch, sagt der Jazz-Gitarrist Pat Metheny. Die Suche nach Freiheit in der Musik entspreche Idealen, von denen Amerika sich weit entfernt habe. (Getty / Debra L Rothenberg)

Pat Metheny füllt große Hallen und hat eine treue Fangemeinde. Auf seinem 30. Album "From This Place" schlägt er neue Töne an, so unser Kritiker Johannes Kaiser. Mit seiner Musik verbinde der Jazz-Gitarrist auch ein politisches Statement.

Die Band, mit der Pat Metheny jetzt ins Studio gezogen ist, weist zwei Neulinge auf: die Bassistin Linda May Han Oh, die er in New York bei einem Vorspiel entdeckte und den Pianisten Gwilym Simcock, der ihn in London bei einer gemeinsamen Studiosession so beeindruckte, dass er ihn vom Fleck weg engagierte. Nur auf einen Veteranen wollte er nicht verzichten: auf den Drummer Antonio Sanchez, mit dem er seit 20 Jahren zusammenspielt.

In neuer Besetzung auf Tour und dann ins Studio 

"Normalerweise fängt man mit der Plattenaufnahme an und geht dann auf Tour", sagt Metheny. "Aber wir waren schon eine richtige Band und hatten bereits zweieinhalb Jahre zusammengespielt, auch wenn wir andere Musik von mir gespielt haben. Daher wussten wir viel übereinander, hatten aber noch nie zuvor eine Platte aufgenommen. Das ist für mich bemerkenswert."

Es ist aber nicht nur die neue Band, die das Album prägt, sondern auch das Hollywood Studio Symphony Orchester. Als Pat Metheny im Studio den ersten Titel aufnahm, hatte er das Gefühl, dass etwas Wichtiges fehlte, und es entstand die Idee, ein Orchester mit einzubeziehen, allerdings mit sauber notierten Arrangements.

Großer Orchesterklang trägt die Gitarre

"Ich habe also angefangen, Arrangements zu schreiben", erzählt Metheny. "Aber das mache ich nur alle acht Jahre einmal. Ich wollte also Jungs nehmen, die jeden Monat fünf schreiben. Es gibt zwei Arrangeure, die mir nahestehen: Alan Broadbent, mit dem ich zusammengearbeitet habe und dessen Kompositionen ich immer bewundert habe, und Gil Goldstein, einer meiner besten Freunde, der mein Ding wirklich sehr genau kennt. Sie waren die richtige Wahl. Jetzt klingt es großartig. Dieses Klangpotenzial von Geigen und diesen besonderen Klang bekommt man nirgendwo anders."

Auch wenn der Klang bisweilen sehr sanft daherkommt und ein bisschen an Hollywood-Filmmusik erinnert, so verbirgt sich hinter dem Wohlklang doch eine eindeutige politische Aussage. Wie so viele Jazzmusiker macht Pat Metheny keinen Hehl aus seiner Ablehnung Donald Trumps. Gleich der erste Titel des Albums spielt darauf an: "America undefined".

Üble Geschichten hinter einem Lächeln

"Das ist ein Zitat von James Baldwin, das für mein Gefühl weiter nachklingt", erklärt Metheny. "Bislang haben wir es stets geschafft, unser bestes Gesicht zu zeigen, waren die guten Jungs, aber dahinter verbergen sich eine Menge übler Geschichten, und genau die zeigen sich jetzt. Wir sind wirklich hunderte Jahre von unserem Ideal entfernt."

Die eindeutige politische Stellungnahme mag für manchen seiner Fans überraschend sein, für Pat Metheny ist sie keineswegs ungewöhnlich. Er hat sich und seine Musik schon immer als politisches Statement verstanden.

Suche nach Freiheit in der Improvisation

"Die ganze Vorstellung, ein improvisierender Musiker zu sein, ist grundsätzlich politisch", sagt Metheny. "Es ist buchstäblich eine Manifestation von Freiheit und Individualität, und das ist theoretisch das Rückgrat dessen, was Amerika dem Ideal nach sein sollte. Aber man muss immer dafür kämpfen. Ähnlich schwierig ist es, ein guter improvisierender Musiker zu sein. Das kann man sich nicht einfach wünschen. Es erfordert eine Menge Arbeit und es gibt viele Rückschläge: zwei Schritte voran und einer zurück."

Genau diese Suche nach Freiheit, nach musikalischer Identität prägt das neue Album. Es überrascht mit opulenter Klangfülle. Und doch ist es unverkennbar Pat Metheny. Es ist seine Gitarre, die unüberhörbar in allen Arrangements durchscheint.

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