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Religionen | Beitrag vom 18.08.2019

Pastorin Mira Ungewitter über Religion und MoralFeiern, Beten, Freisein

Moderation: Anne Françoise Weber

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Mira Ungewitter auf ihrem VW Bus, im Hintergrund ein See bei Abendlicht. (Valere Schramm)
Geht eigene Wege im Namen des Herrn: Mira Ungewitter. (Valere Schramm)

Gott ist mit den Feiernden: Pastorin Mira Ungewitter betreibt in Wien eine Pop-up-Bar. Ihre Gemeinde empfindet sie oft als Familie. Aber die freiheitsliebende Baptistin kennt auch die Enge in kleinen Glaubensgemeinschaften.

Anne Françoise Weber: "Wer beten kann, der kann auch feiern, weil die ewige Deadline überwunden ist." Das ist ein Satz aus dem Buch "Roadtrip mit Gott". Geschrieben hat es Mira Ungewitter. Sie ist Pastorin bei der freikirchlichen projekt:gemeinde in Wien, wo sie unter anderem mit Freunden eine Pop-up-Bar betreibt, ganz ohne christlichen Auftrag. Frau Ungewitter, dieser Gedanke, dass Beten und Feiern zusammengehören und dass beides einer Christin gut zu Gesicht steht, zieht sich nicht nur durch das ganze Buch, sondern auch durch Ihr Leben. Mütterlicherseits stammen Sie aus einer sehr frommen Baptistenfamilie, da gehörte das Beten ja auf jeden Fall dazu, aber wie haben Sie das mit dem Feiern reinbekommen? Ihre Oma jedenfalls scheint noch ein ziemlich strenges Gottesbild gehabt zu haben, da war wohl nicht so viel mit Feiern.

Mira Ungewitter: Den Feieraspekt, den habe ich definitiv schon von meiner Mutter geerbt, die diese Kämpfe mit meiner Oma damals ausgefochten hat. Und ich war, glaube ich, noch sehr jung, als ich dann damals gesagt habe: Mama, und wenn ich groß bin, dann gehe ich auf jeden Fall auch feiern oder in die Disco. Daher hatte ich jetzt von zu Hause her nie irgendwelche Verbote. Das war eigentlich immer klar, und ich habe früh angefangen, dass ich einfach um die Häuser ziehen wollte.

Klassenarbeit bestanden – ein Wunder!

Weber: Und gleichzeitig blieb das mit dem Gottesdienst und mit dem Beten auch ein fester Bestandteil Ihres Lebens. Sie beschreiben, dass, wenn eine schwere Klassenarbeit anstand, die Klassenkameradinnen mit Glücksbringern und Kuscheltieren anrückten und Sie mit gar nichts, weil Sie ja gebetet hatten. Sie haben dann auch bisweilen in einer bestandenen Klassenarbeit ein Wunder gesehen. Ist das Ihr Bild von Gott, dass der auch mal so bei einer Klassenarbeitskorrektur helfend eingreift?

Ungewitter: Natürlich hat sich mein Gottesbild in den Jahren verändert, aber als Kind habe ich das so empfunden oder als Teenager. Ich habe dann gebetet, und ich bete auch heute noch vor Prüfungen, vielleicht auch mit einer, sagen wir, offeneren Intention, aber gerade so dieser Klassenarbeitsmoment, in dem ich ja auch durchaus gepfuscht habe damals, das habe ich schon als einen gnädigen Gottesmoment empfunden.

Ein Gebet zu wenig am Tag

Weber: Sie schreiben aber auch, die religiöse Deutung von Lebensereignissen sei eine heikle Angelegenheit. Wo ist da für Sie der Grat oder die Trennlinie, wann ist etwas göttliche Fügung oder ein Wunder, und wann ist es ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren, mit denen Gott persönlich jetzt vielleicht nicht so viel zu tun hat?

Ungewitter: Die ganze Frage nach Wunder oder nach dem Eingreifen Gottes ist natürlich aus menschlicher Perspektive auch eine Frage der jeweiligen Interpretation, ganz klar. Wenn ich etwas für mich als wundersam empfinde, kann das für jemand anderen ja einfach nur ein Zufall sein. Dennoch glaube ich als Pastorin, als Christin und so, wie ich mein Leben bis jetzt gelebt habe, an ein Wirken Gottes in meinem Leben, sowohl in positiven als auch negativen Erfahrungen, die ich gemacht habe. Ich finde es kritisch, es gibt ja so eine Theologie, die hingeht und sagt, alles, was gut ist, ist von Gott, und alles, was böse ist, kommt dann irgendwie vom Bösen. Da finde ich es immer ganz schwierig, Trennlinien zu ziehen.

Ich wünsche mir, dass Gott wirkt, aber ich halte es auch für schwierig, wenn man mit diesem Gedanken Druck auf Menschen ausübt. Also wenn man jetzt beispielsweise gerade in schrecklichen Situationen, sei es Krankheit beispielsweise – da kommen wir noch mal auf meine Oma zu sprechen, die dann, wenn sie sich den Kopf gestoßen hat, darin eine Bestrafung Gottes beispielsweise sieht.

Weber: Ach herrje, ein Gebet zu wenig am Tag.

Ungewitter: Genau, so ungefähr, und da glaube ich, da fängt es an, dann ganz schwierig zu werden, wenn man, sagen wir, so eine Art "dunkle Theologie" betreibt.

Elementare Glaubenskrise mit 19

Weber: Sie hatten als junge Frau auch eine Begegnung, als Sie bei einer christlich-humanitären Organisation auf einem Schiff in Honduras waren. Da haben Crewmitglieder Ihnen gesagt, Gott hat mir das und das gesagt, und da haben Sie dann wohl doch angefangen etwas zu fremdeln und sind auch in eine Glaubenskrise gekommen, weil Sie den Eindruck hatten, also mir hat Gott so deutlich eigentlich noch nichts gesagt, oder?

Ungewitter: Ja, das war so meine erste Erfahrung oder auch Konfrontation, gerade auch mit einem sehr evangelikalen amerikanischen Christentum, in dem die Bildwelt, in der die Leute gesprochen haben, eine ganz andere war. Aber das begegnet mir auch heute noch, solche Formulierungen wie: "Gott hat mir gesagt", die halte ich so, wie sie mir bis jetzt begegnet sind, meistens für sehr, sehr problematisch. Nicht, weil ich nicht glaube, dass Gott nicht auch mit Menschen spricht oder ihnen begegnet oder auf irgendeine Weise in das Leben hineinwirkt. Aber oft wird mit diesem Satz "Gott hat mir gesagt" irgendein Machtanspruch verbunden oder eine Aussage mit einer sehr engen Moralität verbunden und verknüpft. Da werde ich immer sofort sehr, sehr hellhörig.

Von dem, was wir aus dem Christentum häufig kennen, war es eher so: Wenn man dann rausgeht und feiert und das und das macht, das könnte eine Gottesbeziehung gefährden. Das habe ich nie erlebt, aber ich habe gerade in Konfrontation mit einem sehr konservativen Christentum erlebt, dass ich in die Krise gekommen bin, dass ich das Gefühl hatte, mein Glaube wäre nie gut genug, ich reiche nicht, und mein Glauben und auch meine Ängste oder meine Zweifel haben hier keinen Platz. Das hat mich da das erste Mal mit 19 in eine Art elementare Glaubenskrise gestürzt, ja.

Pastorin mit Beziehung zu einem Nichtchristen – das ging nicht

Weber: Diese Konfrontation mit einem konservativen Glauben und Christentum, die hatten Sie ja auch innerhalb der baptistischen Gemeinden. Sie haben nicht nur Theologie an der Universität Bonn studiert, sie haben dann auch noch ein Extrajahr drangehängt an einer Hochschule, um wirklich baptistische Pastorin zu werden. Und dann hieß es aber, Sie seien eigentlich keiner deutschen baptistischen Gemeinde vermittelbar, unter anderem weil Sie in einer unehelichen Beziehung gelebt haben. War das nicht ein wahnsinniger Schock, und waren Sie da nicht wahnsinnig ärgerlich auch, dass man Ihnen da vorschreibt, wie Sie zu leben haben, um Pastorin zu werden?

Ungewitter: Ja und nein. Das ist ein sehr weites Feld. Dazu muss ich sagen, dass ich die theologische Hochschule Elstal primär nicht als grundsätzlich konservativ empfinde. Ich finde, das ist eine ganz großartige Ausbildungsstätte. Der Kontext damals des Berufungsrates, also des Gremiums, was aussucht oder was hilft dabei, dass Gemeinden und Pastorinnen und Pastoren zusammenkommen, hat sich damals erst mal gegen diese Berufung ausgesprochen aufgrund meiner Beziehung zu einem Nichtchristen, mit dem ich auch zusammengelebt habe. Ich ahnte natürlich schon im Vorfeld, dass das schwierig werden könnte. Ich war dann trotzdem sehr ärgerlich, weil wir auch als Baptisten davon überzeugt sind, dass jede Gemeinde selber diese Entscheidungen, auch personelle Entscheidungen treffen darf, und ich hatte immer die Hoffnung darauf gesetzt, dass man da schon einen Weg finden würde.

Mich beschäftigt bis heute, inwieweit mein Beruf auch mein Privatleben beeinflusst und beeinflussen darf. Gleichzeitig spüre ich aber auch – ich mache den Beruf seit drei Jahren, und es ist nun mal kein Job wie jeder andere, in dem eine Partnerschaft definitiv auch tragen muss. Das muss sie immer, aber ich glaube, ob man will oder nicht, als Pastor oder Pastorin zieht man einen Partner immer auch ein klein wenig mit in diesen Beruf hinein. Das war nicht einfach nur eine konservative Aussage, es war, glaube ich, auch eine Sorge, die dahinter stand, wie soll sowas praktisch ablaufen.

Gemeinde – oder Freundeskreis?

Weber: Es hat sich dann eine Gemeinde für Sie entschieden, nämlich die projekt:gemeinde in Wien. Das ist eine baptistische selbstständige Gemeinde, spendenfinanziert, mit 250 bis 300 Mitgliedern. Und wo wir gerade an diesem Punkt "Beziehungen" sind: Sie schildern in Ihrem Buch eine Predigt, die Sie halten. Und Sie wissen, dass in der Gemeinde zwei sitzen, die sich gerade nach 25 Jahren Ehe getrennt haben, da sitzen gebrochene Herzen, und Sie erzählen ganz persönlich von dem Ende einer Beziehung, das Sie durchlebt haben. Das klingt für mich viel mehr nach Freundeskreis als nach Gemeinde. Also, da ist doch ganz wenig Distanz und privater Rückzugsraum. Ist das nicht manchmal viel zu eng?

Ungewitter: Nein, wir verstehen uns – oder jein, wir verstehen uns schon als Gemeinde, auch als eine Form von Lebensgemeinschaft, und dort muss jeder oder darf auch jeder selber schauen, wie weit man das zulässt. Also, das ist jetzt auch nicht so, dass ich jede Woche einen so intimen Einblick auch in mein Leben gegeben habe, und gerade mit dieser Predigt, das schreibe ich auch in dem Kapitel, habe ich lange gerungen. Das lag dann auch schon über drei Jahre zurück.

Es geht für mich auch darum, dass ich ja auch eine Mitsuchende bin. Ich bin ja auch ein ganz normaler Mensch, dem all diese Dinge passieren, die auch anderen Leuten passieren. Wie soll ich denn sonst eine gute Pastorin sein, wenn ich nicht auch an dieser Stelle eine Transparenz zulasse und mich mit den Leuten solidarisiere? So verstehe ich meinen Beruf auch. Klar ist es dann manchmal vielleicht auch ein bisschen viel für manche, oder man hat etwas zu viel von sich preisgegeben. Das passiert, aber das Risiko würde ich jederzeit wieder eingehen.

Verbrannt – und neu entflammt

Weber: Die Transparenz, die haben Sie auch eingefordert als Teil einer Projektgruppe, die das freikirchliche Fest "Burning Church" organisiert. 2018 ging es da um "Dinge, die ich in meiner Gemeinde nicht sagen darf". Da haben Sie als Veranstalter und Veranstalterinnen Zuschriften bekommen, und die haben dann Gemeindemitglieder vor der Kamera angesprochen. Das Video kann man sich immer noch im Internet ansehen. Da geht es vor allem um verbotenen Sex vor der Ehe, um verkrustete Strukturen, um jede Menge Verbote, Ablehnung von Homosexualität und so weiter. Ist das spezifisch für diesen freikirchlichen Kontext, dass da einerseits wahnsinnig engagierte gläubige Menschen sind, die sich andererseits in ihren Gemeinden an so ganz vielen Verboten und Verkrustungen stören? Und versuchen Sie dagegen vorzugehen?

Ungewitter: Es ist zumindest, glaube ich, eine Beobachtung, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat, die vielleicht auch durch die Vernetzung und Digitalisierung etwas deutlicher geworden ist. Darüber ist auch die Idee von "Burning Church" entstanden, so ein bisschen auch vor der eigenen Haustür zu kehren. Gerade wir von der projekt:gemeinde haben sehr häufig die Erfahrung gemacht, dass Leute, die in Freikirchen großgeworden sind, dieses Engagement, den Glauben sehr geschätzt haben, aber dann an irgendwelchen Moralitäten, sage ich mal, zerbrochen sind. Oder dann durften sie nicht feiern oder hatten eine Partnerschaft, die nicht in das klassische fromme Bild gepasst hat, und man hat sich dann quasi gegen Kirche entschieden, vielleicht gar nicht mal gegen Gott, aber einfach gegen diese Strukturen.

"Burning Church" sollte ein Ort werden, wo erlaubt ist, alles sagen zu dürfen und denken zu dürfen, aber es soll nicht nur ein Fingerzeig sein, so: Das ist jetzt alles irgendwie böse oder blöd, sondern es geht darum, zu schauen: Warum ist das so, und was können wir dem entgegensetzen? Das ist auch der Name: "Burning Church" – was gehört wirklich weg, was gehört vielleicht verbrannt, und was gehört neu entflammt in Kirchen, in Freikirchen? Es ist immer ganz leicht nach außen zu schauen, zu sagen: Oh, die Kirchen sind blöd, oder: Das machen sie richtig oder falsch. Und das war die Idee, nach innen zu schauen und einfach Leuten einen Raum zu geben, ihnen eine Sprachfähigkeit zu vermitteln, wo das einfach auch mal raus darf. Das sind dann unterschiedliche Gottesdienstformate, das sind Möglichkeiten ganz kreativer Art, sich sowohl anonym oder aber auch ganz offen darüber auszutauschen.

Großes Fest und freie Aussprache

Weber: Und das nächste "Burning Church"-Festival ist Mitte Oktober in Wien unter dem schönen Motto "Unter dem Tisch ist auch auf der Party".

Ungewitter: Wir hatten den Gedanken, dass wir wirklich einfach gerne ein großes Fest haben wollten, wo wir alle – wir haben ja diesen alten Ballsaal – einfach zusammen am Tisch sitzen und essen und trinken und feiern. Gleichzeitig wollen wir aber auch über ganz wichtige Themen nachdenken, zum Beispiel über Nachhaltigkeit, die Position von Homosexualität in Kirchen, die Position von Frauen in Kirchen. Also alles soll diesen Raum haben, aber auch dieser Festgedanke, und was ist eigentlich mit den Leuten, die sich irgendwie am Tisch nicht willkommen fühlen. Da kam so der erste Gedanke, dann ist vielleicht unter dem Tisch ja auch auf der Party.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mira Ungewitter: "Roadtrip mit Gott. Leben ist Freiheit und jeden Tag ein Abenteuer"
Herder, Freiburg 2019
176 Seiten, 20 Euro

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