Dienstag, 10.12.2019
 

Im Gespräch | Beitrag vom 02.10.2019

Passionspielleiter Christian StücklEin frommer Rebell

Moderation: Tim Wiese

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Porträt von Christian Stückl vor einer pastell gelben Wand im Hintergrund. (Passionsspiele Oberammergau)
Christian Stückl (Passionsspiele Oberammergau)

Als die Oberammergauer ihn mit 24 Jahren zum Leiter wählten, steckten die Passionsspiele in einer tiefen Krise. Der Theatermacher Christian Stückl modernisierte die Spiele so behutsam wie radikal: Nicht nur das Leiden, auch das Leben Jesu ist ihm wichtig.

In Oberammergau finden alle zehn Jahre Passionsspiele statt, die die letzten Tage Jesu zeigen, denn der Ort hat nach einer überstandenen Pest-Epidemie im 17. Jahrhundert geschworen, dies in alle Ewigkeit zu tun.

"Das treiben wir seit fast 400 Jahren. Ein ganzes Dorf spielt mit, am Ende sind 2500 Menschen dabei. Es ist unser größtes soziales Event. Ein Jahr lang lassen sich alle Haare und Bärte wachsen."

Einmal den Jesus spielen

Ein große Ehre für die Oberammergauer Laiendarsteller sei es, einmal eine Hauptrolle zu spielen, besonders beliebt sei Jesus Christus. Stückl ist es dabei wichtig, Jesus als Menschen zu zeigen.

"Jesus Christus ist eine Zumutung", sagt er. Umzusetzen, was er in der Bergpredigt gefordert habe, sei dem Christentum bis heute nicht gelungen. Im 19. Jahrhundert wurde Oberammergau zum Publikumsmagneten, weit über die Grenzen Bayerns und Deutschlands hinaus.

Thomas Cook brachte die Welt nach Oberammergau

"1880 kam Thomas Cook nach Oberammergau und hat den englischen Markt für uns öffnet. Alle zehn Jahre kommen aus Amerika, England, Südafrika und der ganzen Welt Menschen nach Oberammergau, fast eine halbe Million Menschen."

Trotzdem gab es Krisen, im Dritten Reich wurden die Spiele von den Nazis instrumentalisiert, in den Siebzigerjahren hatte sich die Jugend abgewandt. Dass Stückl mit 24 Jahren zum jüngsten Spielleiter aller Zeiten gewählt wurde, hatte auch damit zu tun, dass junge Menschen wieder gewonnen werden sollten. Seine Position musste er sich dennoch erkämpfen.

"Ich geh jetzt in den Gemeinderat", erinnert er sich,  "und will sagen, ich will es werden und bin mit ganz knapper Mehrheit gewählt worden. Man hat begriffen, wir müssen was machen, sonst laufen uns die Jungen weg."

Als Kind war er der Bühnenschreck

Seit er denken kann, sind die Passionsspiele sein Leben. Sein Vater und sein Großvater, Gastwirte, haben bereits auf der Bühne gestanden.

"Ich hab es als Kind immer sehr geliebt, in einem Wirtshaus aufzuwachsen. Am Stammtisch wurde immer über die Passionsspiele diskutiert. Mein Vater und mein Großvater haben große Rollen gespielt, mein Vater saß auf dem Klo und lernte seine Rollen. Als Kind hatte ich den Beinamen Bühnenschreck."

Mit seinen spektakulären Ideen gelang es ihm, die verstaubten Passionsspiele zu einem Publikumsmagneten und einem auch künstlerisch weithin beachteten Event zu machen. Heute stehen Protestanten und Muslime auf der Bühne, und es gibt mehr Frauenrollen als früher. Gleichzeitig findet er das Einfühlungsvermögen und den richtigen Ton, um den Oberammergauern gerecht zu werden.

Radikal und kompromissbereit

Nicht nur für seine Radikalität, auch für seine Kompromissfähigkeit ist er bekannt. Viele sehen ihn als Rebell, er nicht unbedingt:

"In vieles bin ich hineingestolpert. Aber was ich gemacht habe, habe ich nicht aus Rebellion gemacht. Sondern, weil es logisch war für mich. 1990 wurde ich vom Pfarrer vorgeladen, weil ich einem Evangelischen eine Hauptrolle gegeben hatte. Mittlerweile, 2020, haben wir zwei Hauptdarsteller auf der Bühne, die einen muslimischen Hintergrund haben, aber Oberammergauer sind."

Trotz Abwahlversuchen und Bürgerbegehren gegen ihn konnte er sich halten. Heute ist er als Spielleiter unangefochten.

"Eigentlich laufe ich mein ganzes Leben mit Casting-Blick durch die Welt. Ich versuche den Nachwuchs zu schulen. Wir spielen alle zehn Jahre, du musst immer wieder versuchen, die nächste Generation mit ins Boot zu holen."

(AB)

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