Pandemieerschöpfung

Da hilft nur noch Humor

03:58 Minuten
Karikatur „Die Sweeten“-Motiv „Alkoholische Lösung" . Darauf zu sehen ist eine Zeichung, die einen Hasenartiges Wesen mit einer Zigarette zeigt und ein weiteres kleines gezeichnetes Männlein. Darüber steht "ich möchte Dir für das Problem ein alkoholische Lösung anbieten."
Gepa Hinrichsen hat die Karikatur vor der Pandemie gezeichnet. Es erinnert also auch ein bisschen an eine Leichtigkeit, die es da gab. © Gepa Hinrichsen
Überlegungen von Anne Backhaus · 14.12.2021
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Alle sind erschöpft. Die Pandemie geht an die Substanz. Und dann sollen wir den Zwangsrückzug auch noch für die Selbstoptimierung nutzen? Nein danke, sagt die Journalistin Anne Backhaus und schaut sich lieber ein Bild mit einem rauchenden Hasen an.
Es gibt ein Bild der Hamburger Künstlerin und Autorin Gepa Hinrichsen, das wie kaum ein anderes in diese Zeit passt. Eine einfache Zeichnung. Darauf ist rechts ein gekrakeltes, verknäultes Wesen zu sehen. Nur zwei Augen sind zu erkennen. Sie blicken zu einem Hasen auf der linken Bildseite.
Er hockt lässig da, eine qualmende Zigarette in der Pfote. Über dem Hasen steht: „Ich möchte dir für das Problem eine alkoholische Lösung anbieten.“ Endlich mal was gegen die Vernunft: Es tut gut, dass der Hase das sagt. Und auch, dass er raucht. Der Hase macht das Gegenteil dessen, was wir tun sollten.

Große Pandemieerschöpfung in diesem Winter  

Dieses ganze Aufpassen auf sich und andere, das nervt ja inzwischen sehr. Das macht auf eigene Art mürbe. Bloß nicht das Virus kriegen: Weil das so sehr unser Leben bestimmt, sind wir unglaublich erschöpft. Gefühlt jede Person, mit der man spricht, ist müde. Von allem. Andauernd. Dunkelheit und Kälte machen es nicht gerade besser, aber das ist keine normale Wintererschöpfung. Das ist Pandemieerschöpfung – zusätzlich zum Winter.
Wir sind müde von so vielen Monaten des Durchhaltens, der Fürsorge, des Rückzugs, der Zoom-Konferenzen, der Diskussionen, der immer wieder neuen Bestimmungen, der fehlenden politischen Entscheidungen, der Hoffnung auf Besserung, der Frustration und der Aggression. Müde von allen anderen Menschen, die müde sind. Müde von uns selbst.

Kein Bock mehr auf Selbstfürsorge 

Zeitgleich werden wir mit der Aufforderung zur Selbstfürsorge dauerbeschallt: unzählige Achtsamkeitstipps, Well-being-Apps und Selfcare-Bestseller. Was wird einem nicht alles geraten, damit man endlich wieder schlafen kann, sportlich der Krise trotzt, Lockdown-Pfunde abnimmt, nicht traurig oder wütend ist, im Homeoffice zur guten Mutter, zum guten Vater wird – ja, seine Lebenshaltung ändert, die Krise so richtig gut für sich nutzt. So weit die Theorie.
Doch für einen Großteil der vielfältigen Probleme, die sich bis in die kleinsten Haushalte ziehen, gibt es eben keine private Lösung, keine Atemübung, keinen Ratgeber, der hilft, auch keine persönliche Motivation, denn die fehlt ja gerade besonders.

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„Es gibt einen Namen für das Blah, das sie fühlen“, titelte die "New York Times" bereits im April dieses Jahres. Das so schön formulierte "Blah" wurde in dem Text als das dominante Gefühl im Jahr 2021 vorausgesagt und als "Languishing" bezeichnet. Übersetzt: ermatten. Oder etwas anschaulicher: dahindümpeln.
Eine Autorin des britischen Guardian forderte hingegen kürzlich ein komplett neues Wort für die totale Erschöpfung, die wir gerade spüren. Sie sei schließlich so umfassend, dass unser normaler Wortschatz sie nicht mehr greifen könne.

Sehnsucht nach Unvernunft und Leichtigkeit

Auch deswegen passt das Bild von dem Hasen und dem problemzerknautschten Wesen so sehr in diese Zeit. Es zeigt einen Ist-Zustand, der sich kaum in Worte fassen lässt. Die aus groben, wilden Strichen gemalte Gestalt ist ein Knäuel an Emotionen.
Der Hase reagiert dennoch mit Gelassenheit und sogar mit Humor. Und vielleicht könnte das die Lehre sein: Lachen hilft. Besser auf jeden Fall, als uns zusätzlich zu all den Problemen den Stress zu machen, jetzt irgendwie repräsentativ und gestärkt aus der verdammten Krise kommen zu müssen.
Gepa Hinrichsen hat das Bild weit vor der Pandemie gemalt. Es erinnert also auch ein bisschen an eine Leichtigkeit, die es da gab: an Rauchen und Trinken und Nichtfunktionierenmüssen, an den Humor, der heute oft droht, abhandenzukommen, an eine Zeit, in der man derart aufgewühlt herumsaß, weil man Liebeskummer hatte – und sonst nichts. Ein schönes Geschenk für sich selbst ist dieses Bild.

Anne Backhaus, Jahrgang 1982, hat Französische Literaturwissenschaft, Gender Studies und Psychologie studiert. Seit 2013 reist sie als freie Autorin für Reportagen, Filme und Interviews um die ganze Welt. Sie lebt in Hamburg, wo sie unter anderem auch als Dozentin für Interview und (multimediales) Storytelling an der Akademie für Publizistik arbeitet.

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