Pandemie und Normalität

Für Neues sind Abschiede notwendig

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Eine Hand winkt aus einem Blumenfeld.
Muss Abschied immer wehtun? © Unsplash / Daniel Jensen
Ein Standpunkt von Ina Schmidt · 28.01.2022
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Abstand halten, Maske tragen, impfen und die nächste Verhaltensregel kommt bestimmt. Seit zwei Jahren wird von den Menschen verlangt, sich permanent an Neues anzupassen. Dabei helfen, könnten Abschiede, meint Kulturwissenschaftlerin Ina Schmidt.
„Das ist doch alles nicht mehr normal!“ Der Mann in der Schlange vor dem Impfzentrum schüttelt empört den Kopf und akzeptiert mühsam die Tatsache, dass noch sieben Menschen vor ihm auf die Impfung warten. Nicht mal die Zahlen der Buchungsbestätigungen passen zusammen: Ist jetzt 32 vor 169?
Die Frau vor ihm hat sogar die Nummer 192 und keiner weiß, wie lange das hier noch dauert. Aber dennoch – wir alle stehen in der Schlange und warten, bis wir dran sind, denn irgendwie wollen wir ja zum normalen Leben zurückkehren.
Normalität sieht anders aus – nur wie genau? Was ist es, was wir uns wünschen, wenn wir daran festhalten, dass das Normale irgendwie auch das Gute ist oder war? Und stimmt das? Denn selbst in den ach so schönen prä-coronalen Zeiten war die Realität bereits ein beständiger Bruch von „Konsistenzversprechen“, wie es der Berliner Philosoph Marcus Steinweg so schön auf den Punkt bringt.

Normal ist das Gewohnte

Normalität ist offenbar ein Begriff, der sich verändert, je nachdem, unter welchen Bedingungen wir ihm eine Qualität zuschreiben. Ganz besonders in einer unübersichtlichen Realität mit pandemischen Erschütterungen, in der das Normale nicht weniger als Sicherheit und Orientierung liefern soll.
Normal ist das Gewohnte, das Vertraute, auch wenn man es nicht immer besonders mag. Es ist das, was unter gegebenen Umständen wiederholbar ist und damit zu einer Regel werden kann, der wir aus gutem Grunde folgen wollen.
Um dieses Regelwerk selbst aber als in sich veränderliches Gebilde anzuerkennen, ja als Prozess, dem Richtungswechsel und Irrtümer innewohnen, braucht es offenbar eine neue Perspektive auf das, was die Normalität dynamischer und komplexer Prozesse ausmacht – und damit eben auch soziale Prozesse prägt.

Wann ist man offen für etwas Neues?

Dieses Anerkennen bedeutet nicht weniger, als Abschied nehmen zu lernen. Nicht so sehr von Menschen oder einem sozialen Umfeld, sondern von eigenen Erwartungen, Überzeugungen oder vermeintlich eindeutigen Prognosen. Von der Vorstellung gewohnter Reibungslosigkeit, die aus scheinbar absoluten Erkenntnissen folgt. Sich davon zu verabschieden, ist Teil einer anderen Form von Normalität.
Aber Abschiede ereignen sich nicht ohne uns. Wir erdulden oder erleiden sie nicht, sondern wir nehmen sie. Nehmen etwas an: in einer Zeremonie, einer Geste oder auch nur durch ein leises inneres Loslassen. Jeder Abschied, der wirklich einer ist, fordert aktives Tun, dem eine Entscheidung, eine Abwägung vorausgeht – über das, was gerade zu Ende geht und über das, was daraus folgen kann. Krisen bedeuten meist ungewollte Einschnitte, die uns unfreiwillig von etwas Abschied nehmen lassen, das wir gern festgehalten hätten.

Altbewährtes kann nie dauerhaft sein

Das kann überaus schmerzhaft sein. Aber ohne der Vergänglichkeit lebendiger und damit auch sozialer, gesellschaftlicher und politischer Prozesse bewusst zuzustimmen, wird es nicht gelingen, einer Krise wahrhaft zu begegnen. Wir müssen neue Strukturen und Kartografien entwerfen, in denen wir uns einrichten und die zugleich als neue Normalitäten auf Altbewährtes als Richtwert verzichten können.
Kurzum: Abschiede sind notwendig, um Anfänge denken zu lernen.

Und dann werden wir die Zeit in der Schlange auch mit dem Gedanken aufwerten können, dass es eine gute Seite haben kann, wenn wir vor einem Impfzentrum warten müssen. Gemeinsam mit anderen, die sich auf den Weg gemacht haben, um der pandemischen Wirklichkeit etwas entgegenzusetzen. Denn nur so können wir hoffentlich auch Abschied von der Pandemie nehmen. Dann bringen wir nämlich etwas Neues auf den Weg, das irgendwann wieder normal werden kann.

Ina Schmidt, Jg. 1973, ist Kulturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Kulturphilosophie und Autorin philosophischer Sach- und Kinderbücher. 2005 gründete sie die "denkraeume", eine Initiative, um philosophische Themen in die gesellschaftliche Lebenswelt zu übersetzen. Schmidt engagiert sich in Bildungsprojekten mit Kindern und Jugendlichen, um das Philosophieren als kulturelle Praxis zur politischen Bildung bereits in der Grundschule einzuführen.

Die Philosophin und Publizistin Ina Schmidt und ihr Buch "Die Kraft der Verantwortung"
© Porträt Ina Schmidt: ©Claudia Höhne, Buchcover: Körber-Stiftung
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