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Buchkritik | Beitrag vom 03.02.2020

P. Stegemann und S. Musyal: "Die rechte Mobilmachung"Die autoritäre Revolte ist digital

Von Philipp Schnee

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Das Bild zeigt das Cover des Buches von Patrick Stegemann und Sören Musyal. Es heißt: "Die rechte Mobilmachung. Wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen" (Econ Verlag / Deutschlandradio)
Gut lesbar, nie oberflächlich, klare Botschaften: Ein Buch über die Mobilmachung von rechts. (Econ Verlag / Deutschlandradio)

Der virtuelle Hass im Netz schwappt längst auch in die Realität über. Ein kluges Buch über die rechten Netzwerke zeigt jetzt, was der digitale Wandel mit der autoritären Revolte zu tun hat.

Terrorismus kommt auch aus dem Netz. Das dürfte den meisten spätestens seit Oktober 2019 klar sein, als in Halle ein vor allem im Internet Radikalisierter versuchte, in eine Synagoge einzudringen, danach Passanten und Imbissbuden-Besucher angriff, zwei Menschen tötete – und diese Tat live streamte. Was sich in rechten Ecken, Foren und Subkulturen des Netzes zusammengebraut hat, ist in Deutschland angekommen, auch im realen Leben.

Mit "Gamergate" fing alles an

Die Journalisten Patrick Stegemann und Sören Musyal haben diese rechte Mobilmachung recherchiert. Sie waren sogar mitten drin und ließen sich anwerben, für die preisgekrönte Fernseh-Dokumentation "Lösch Dich" über die rechten Trollarmeen der Reconquista Germanica, die die Bundestagswahl 2017 durch organisierte Hassattacken im Netz beeinflussen wollten.

Ihr Buch ist aber weit mehr als "das Buch zum Film". Es geht zurück zu den Anfängen. Stegemann und Musyal erzählen vom sogenannten "Gamergate", wo Kritik am Sexismus in der Computerspielerszene zu orchestrierten Hasskampagnen führte; wie der dort gelebte Zynismus und die beißende Ironie, vor allem aber die Misogynie Anschluss für Rechtsextreme bot; wie sich daraus die Alt-Right formte, die durch ihre Troll-Attacken Donald Trump ins Weiße Haus half.

Stegemann und Musyal sind unterwegs auf 4chan, 8chan, Dischord, Steam – den rechten Plattformen, Imageboards und Foren. Sie beschreiben das Netzwerk rechter Youtube-Influencerinnen und -Influencer in Deutschland, den Erfolg der AfD auf Facebook.

Soziale Medien sind ihrem Wesen nach populistisch

Was die Autoren dabei klar machen: Es gibt keinen Grund, vor dem scheinbaren strategischen Können und Social-Media-Verständnis der Rechten zu erstarren. Es sind selten ausgeklügelte Taktiken, die den Erfolg bringen. Vielmehr sind es die technologischen Logiken der sozialen Medien, die die Art und Weise, wie Rechte generell kommunizieren – Zuspitzung, Übertreibung, Emotionalisierung und Hyperaktivität – massiv verstärken.

Stegemann und Musyal überschätzen die Szene und ihre strategisches Geschick nicht, wie es in der Öffentlichkeit häufig getan wird. Sie unterschätzen sie aber auch nicht in ihren massiven Auswirkungen auf unsere Gesellschaften.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die Tech-Konzerne. Getrieben vom Streben nach Reichweite, weil das Werbung, Umsatz und Gewinn bringt, vermeiden sie es, rechte Inhalte konsequent zu löschen. Viralität, das Ziel aller sozialen Medien, sei Populismus, so die Autoren.

Wie soll die digitale Öffentlichkeit gestaltet sein?

Dem Hass und den Manipulationen im Netz mit technologischen Mitteln zu begegnen, halten Sie langfristig für wenig vielversprechend. Damit würden Lösungen für die Vergangenheit gefunden, während die Technologien und Netzkulturen sich weiter entwickelten.

Daher fordern sie eine grundsätzliche Verständigung: Wie soll die digitale Öffentlichkeit gestaltet sein, wer formt und besitzt sie?

Patrick Stegemann und Sören Musyal erzählen das alles wenig angestrengt, gut lesbar und doch nie oberflächlich. Sie brauchen keine starken Thesen, um eine klare Botschaft zu transportieren: Die autoritäre Revolte ist auch eine digitale. Ein bemerkenswertes Buch.

Patrick Stegemann und Sören Musyal: Die rechte Mobilmachung. Wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen
Ullstein Verlag, Berlin 2020
304 Seiten, 17,99 Euro

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