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Vollbild | Beitrag vom 26.09.2020

Oskar Roehler über "Enfant Terrible""Die Kunst ist sehr bösartig"

Oskar Roehler im Gespräch mit Susanne Burg

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Setfoto von der Produktion zum Film „EnfantTerrible“. (BavariaFilmproduktion)
Der Film „Enfant Terrible“ ist ein wilder Trip ins Leben und Werk des legendären Regisseurs Rainer Werner Fassbinder. Gedreht wurde im Studio. (BavariaFilmproduktion)

Oskar Roehler hat einen Film über den 1982 verstorbenen Regisseur Rainer Werner Fassbinder gedreht. Statt das Genie zu feiern, zeigt er in "Enfant Terrible" dessen Schattenseiten. Das führte schon beim Dreh zu rohen Emotionen.

Susanne Burg: Wenn Oskar Roehler – Regisseur von Filmen wie "Der Alte Affe Angst", "Elementarteilchen" oder "Herrliche Zeiten" – einen Film über Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) macht, dann ist eigentlich klar, dass das kein nettes Biopic über ein großes Genie wird.

"Enfant Terrible", so der Titel von Roehlers Film, der nun ins Kino kommt, ist ein von Koks und Alkohol durchtränktes Denkmal, ein wilder Trip ins Leben und Werk eines Künstlers, der viele Grenzen ignoriert und überschritten hat, der an der Enge der Gesellschaft gelitten hat und an sich selbst, der alles von seinen Schauspielern und sich erwartet hat.

Oliver Masucci spielt Rainer Werner Fassbinder in Oskar Roehlers Film. Und eigentlich hätte "Enfant Terrible" im Mai im Wettbewerb von Cannes laufen sollen – wenn es denn nicht coronabedingt abgesagt worden wäre. Als ich Oskar Roehler zum Interview traf, wollte ich daher erst mal wissen, ob er inzwischen seinen Frieden damit gemacht hat, dass daraus nichts wurde.

Oliver Masucci als Rainer Werner Fassbinder. (BavariaFilmproduktion)Betrieb für die Rolle Raubbau an der eigenen Gesundheit: Oliver Masucci als Rainer Werner Fassbinder. (BavariaFilmproduktion)

Oskar Roehler: Mein Gott, was soll ich sagen? Das ist irgendwie eine komische Sache gewesen, weil ich auf diese Anerkennung eigentlich seit 30 Jahren gewartet habe. Das war eigentlich der Grund, warum ich angetreten bin. Ich war immer größenwahnsinnig genug, zu sagen, ich will unbedingt im Wettbewerb von Cannes laufen und möglichst auch noch die Goldene Palme gewinnen. Und dann habe ich das immer wieder versucht und habe es nie geschafft.

Nominiert in Cannes im Corona-Jahr

Und jetzt im Corona- Jahr bin ich da in dieser Sélection officielle, und keiner weiß es und keiner honoriert es erst mal. Weil du ja da auf Händen getragen wirst, wenn du auf dem roten Teppich stehst. Dann kommst du nach Deutschland, dann ist da die ganze Community, die dich erst mal abfeiert. Und dann sind natürlich ganz viele wichtige Leute da, mit denen man dann, wenn man es geschickt macht, in Kontakt kommen kann. Und dann hast du da natürlich eine Chance, das ist die Plattform. Und das haben wir halt geschafft, aber es hat nicht stattgefunden.

Roehler: Ich würde sagen, mit 15 ging das los, da kamen die in die Provinz und wurden dann gezeigt. Und ich habe ganz viele Fassbinder-Filme Anfang der 70er- bis Mitte, Ende der 70er-Jahre gesehen. Ich habe sie alle gesehen. Und in dem Zeitraum hat dann in meinem Kopf halt viel Fassbinder stattgefunden, weil man dann natürlich mit den Filmen schwanger gegangen ist. Das waren für mich Götter.

Und damit habe ich das Frühstadium natürlich auch nicht mitbekommen, muss auch ehrlich sagen, dass das so die Filme sind, diese ersten Filme, die er in München gemacht hat, auch "Katzelmacher" und "Liebe ist kälter, als der Tod ist" sind Filme, die mich ehrlich gesagt auch am wenigsten interessiert haben.

Männliche Selbstgefälligkeit in den frühen Filmen

Die frühen Filme sind viel zu sehr von so einer bräsigen Machoattitüde und Langsamkeit und so einer männlichen Selbstgefälligkeit geprägt, die ich nicht wirklich reflektiert finde, und die mir jetzt, wenn ich so sehe, auch irgendwie sehr auf die Nerven geht. Das sind alles so bärige, dicke Männer, die dann irgendwie plötzlich ausholen und ihre Frauen ins Gesicht schlagen. Und ich habe nicht begriffen, was mir die Filme erzählen sollen. Für mich gehen die Anfang der 70er-Jahre los.

Burg: Sie haben mal in einem Interview vor fünf Jahren zum 70. Geburtstag von Fassbinder gesagt, dass es mindestens sechs Filme gibt, von denen Sie gerne ein Remake machen würden. Jetzt ist es nun kein Remake geworden, sondern eine Auseinandersetzung mit dem Künstler Fassbinder. Was hat Sie daran interessiert?

Roehler: Dass natürlich die Schattenseiten und die lustigen Anekdoten, diese krassen Anekdoten, die dann von unglaublich vielen Leuten in Büchern oder auch im persönlichen Gespräch immer wieder kolportiert wurden, dass die natürlich der viel tollere Filmstoff sind, als wenn du irgendwie aus Fassbinder einen Heiligen gemacht hättest, der auf hehre Art und Weise ganz sauber und ganz clean für die Kunst lebt.

Das ist ja nicht wahr, die Kunst ist sehr bösartig, die sticht immer da rein, wo die Wunde ist, die gesellschaftliche, die persönliche Wunde. Und natürlich sind die Figuren schillernd und genauso schillernd sind die Geschichten. Und genauso krass, das kenne ich ja selber von mir auch, sind manche Dreharbeiten, wenn die ausufern. Das ist eigentlich ein ständiger Seelenstriptease, einen Kinofilm zu machen, wo es um Emotionen geht.

Und dass das dann oft auch sehr neurotisch wird, dass das auch so einen sadomasochistischen Impact hat, ist doch herrlich. So funktioniert das Ganze. Wir spielen ja nur Krieg, wir bringen ja keine Leute um, aber dass dadurch natürlich Hysterien, Wahnsinn, Selbstverletzung, Verletzung und so weiter eingeschlossen ist, das zeichnet ja seine Filme auch so sehr aus.

"Enfant terrible" ist keine Heldenverehrung

Burg: "Enfant terrible" ist, wie Sie schon selber sagten, keine Heldenverehrung. Sie zeigen ihn, wie er seine Schauspieler und Schauspielerinnen erniedrigt, manipuliert, er macht sie abhängig. Diese sadomasochistischen Verhältnisse zu den Menschen, die er entwickelt, die zeigen Sie sehr deutlich. Wie wichtig ist diese Persönlichkeitsstruktur, um auch seine Filme zu verstehen?

Oskar Roehler im weißen Sakko (picture alliance / POP-EYE)Sah sich in den 70er-Jahren viele Fassbinder-Filme an: der Filmemacher und Buchautor Oskar Roehler. (picture alliance / POP-EYE)

Roehler: Er hat ja herrliche Komödien gemacht, so Sachen wie "Satansbraten" oder "Warnung für eine heilige Nutte", da porträtiert er natürlich das Geschehen am Set wahnsinnig gut. Es ist ja irrsinnig anstrengend, wenn du die Leute, die Crew nicht bezahlen kannst. Und dann gibt es halt eine Rebellion, und die Rebellion muss dann niedergeschlagen werden.

Das sind ja keine normalen, bürgerlichen Umstände, wo dann der Herr toller Regisseur von der Filmhochschule ankommt und vom Fernsehsender dick bepackt mit Geld seine mittelmäßigen Schauspieler bezahlt und dass dann alles so relativ reibungslos … Nein, da herrscht Anarchie. Und das beschreibt er in seinen Filmen, das haben wir versucht, zu sagen, da passieren ganz blöde Sachen, über die man eigentlich, und das habe ich auch bei den wenigen Vorführungen gemerkt, nur lachen kann, weil es völlig lachhaft ist. Und die Leute lachen auch.

Spaß an der Erniedrigung

Burg: Die Frage, die sich aber daraus auch ableitet, ist ja: Er wollte seine Projekte durchsetzen, wie viel Macht konnte er ausüben, um die Schauspieler auf seine Seite zu ziehen, inwieweit konnte er da diktatorisch durchgreifen, aber die Frage, die sich anschließt, ist ja, wie viel darf eigentlich ein Künstler im Dienste der Kunst? Hat Sie das für den Film auch interessiert, Fassbinder unter diesem Aspekt zu beleuchten?

Roehler: Nein, weil ich mich mit den Themen nicht wirklich auseinandersetzen will. Und weil ich auch glaube, dass die wahnsinnig viel Spaß hatten, auch durchaus Spaß an der Erniedrigung manchmal. Nicht, dass das jetzt besonders politisch korrekt wäre, dass es so war, aber ich glaube, unter dem Aspekt haben die ja selber die Welt natürlich nicht betrachtet.

Und wo gehobelt wird, da fallen Späne – und nach dem Motto funktionierte Kino. Heute nicht mehr. Und komischerweise war das dann doch eher so etwas Männerbündlerisches auf eine bestimmte Art, dass du dachtest: Die Kumpels waren so eng zusammengeschweißt, die kamen da nicht raus. Vor allem auch, was die beiden großen Lieben in seinem Leben angeht, die hat er auf seinem Weg zurückgelassen – und zwar auch nicht unbedingt auf eine besonders faire Art und Weise.

Und auch die Konsequenzen, die das auf sein eigenes Leben hat, weil es ja nicht spurlos an ihm vorbeigegangen ist, dass die zwei wichtigsten Männer in seinem Leben Selbstmord begangen haben. Ich glaube natürlich, dass dieser zunehmende Drogenkonsum, dieses zunehmende Nachtleben, diese vollkommene Selbstausbeutung und Verausgabung ganz viel damit zu tun hat, dass ganz viel anderes von ihm, was schuldhaft war, vielleicht einfach auch verdrängt werden musste.

Bei den Dreharbeiten keine Balance gewahrt

Burg: Es ist beeindruckend, wie Oliver Masucci, der den Fassbinder spielt, mit seinen inneren Dämonen kämpft, immer versucht, noch seine Macht auszuüben, aber dann doch eigentlich an seinen Dämonen selber zugrunde geht. Wie haben Sie mit Masucci gearbeitet, so ein bisschen auf Fassbinder-Art?

Roehler: Gar nicht, aber während der Dreharbeiten ging es natürlich hoch her – auch zwischen uns. Und die Methode Fassbinder ist eben auch als Schauspieler die Methode, viel zu trinken, wenig zu schlafen, sich es wirklich auch zu geben, Raubbau zu treiben an der eigenen Gesundheit, 20 Kilo zuzunehmen im Vorfeld und so weiter und so weiter.

Burg: Also schon so ein bisschen Method Acting?

Roehler: Kann man eigentlich sagen. Natürlich, das kommt aus dem Inneren heraus. Und da hat er allerdings – sehr stark auch dem inneren Impuls folgend – dann manchmal gesagt, nein, das muss jetzt so brutal eins zu eins emotional wiedergegeben und gespielt werden, und ich habe es okay gefunden und fand es dann hinterher absolut richtig.

Es ist natürlich immer so ein Vabanquespiel, man muss da sehr genau versuchen, die Balance zu wahren. Und das haben wir nicht gemacht, wir haben sie dann doch nicht gewahrt, die Scheißbalance, und haben es einfach doch so durchgezogen, wie es sich gehört.

Theatrales Setting

Burg: Diese rohe, brutale Emotion, von der Sie eben gesprochen haben, die findet ja statt in einem sehr theatralen Setting. Sie arbeiten mit Kulissen, die als solche sehr deutlich ja auch zu sehen sind und zu sehen sein sollen in einer sehr ausgestellten Künstlichkeit mit einer sehr nächtlichen Atmosphäre. Wie haben Sie sich ästhetisch für den Film an dieses Universum Fassbinder angenähert?

Roehler: Es fing ja alles schon an mit den ganzen Querelen, dass ich gesagt habe: Passt mal auf, ich werde auf gar keinen Fall den Fassbinder erst mit einem jungen Fassbinder und dann mit einem alten Fassbinder, das ist ja so dieser übliche Weg, besetzen. Nein. Und ich werde auch die Crew nicht jung machen, ich brauche Vollblutschauspieler, Bühnenschauspieler, die wissen, worüber sie reden und was sie spielen.

Und dadurch war der erste Schritt in die Künstlichkeit, das Ensemble doppelt so alt zu besetzen. Und der zweite Schritt war: Wir drehen im Studio. Und ein Studio hat seine Gesetze und Regeln, das Licht hat ja so etwas … Man ist ja von Anfang an irgendwie in der Unterwelt. Und man merkt irgendwo, da kommen die auch nicht mehr raus. Das ist ja dieses Wunderschöne daran, dass man es dann auch noch bizarr schön machen kann.

Und dann habe ich halt gesagt: Dann fährt halt ein Rolls Royce über diese Bühnenstraße oder ich nehme diese fette Limousine und ich putsche das dann noch ganz theatral hoch – bis hin zum Kitsch. Und das hat natürlich alles eine Funktion, das spielt ja alles eine Rolle, das hat ja alles so einen Zitatcharakter.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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