Oskar Roehler: "Das weiße Blatt Papier"

Vom kaputten Sohn zum Kunstrebellen

Cover des Romans "Das weiße Blatt Papier" von Oskar Roehler.
© Ullstein

Oskar Roehler

Das weiße Blatt PapierUllstein, Berlin 2026

240 Seiten

24,00 Euro

Von Eberhard Falcke |
Oskar Roehlers Abschied von seinen Eltern war ein harter Prozess der Selbstfindung. In seinem neuen Roman steigert er nun Abgründe und Qualen noch einmal zu einer narrativen Gratwanderung zwischen Untergang und Selbstwerdung.
Unheil aus Kindheits- und Jugendzeiten kann viel literarischen Kraftstoff liefern. Ganz besonders für Oskar Roehler. Er wendet und bearbeitet den Stoff seines Lebens immer wieder aufs Neue. Dass er dabei zu Exzessen der Selbsterforschung neigt, ist bekannt. Doch so wüst, wie in seinem neuen Roman mit dem unschuldig anmutenden Titel „Das weiße Blatt Papier“, hat er es noch nie getrieben.

Die Urszene: Kindheit bei Gisela Elsner und Klaus Roehler

Alles Abgründige, alle Qualen, alle kranken Ambitionen aus früheren Tagen ruft Roehler hier, im Alter von 67 Jahren, noch einmal in Erinnerung. Oder vielmehr: Er steigert das alles zu einer hochriskanten narrativen Gratwanderung zwischen Untergang und Selbstwerdung. Der Roman beginnt mit einer schon bekannten Urszene aus seiner Kindheit:

Als ich klein war, war ich oft betrunken. Mein Vater flößte mir Whisky ein. Aus dem Nebenzimmer hörte man das Tippen meiner Mutter auf der Schreibmaschine. Es ist schwierig, wenn zwei Schriftsteller sind und der eine tippt die ganze Zeit und der andere nicht.

Aus "Das weiße Blatt Papier" von Oskar Roehler

Im ersten, nur 40 Seiten umfassenden Teil des Romans mit der Überschrift „Die mütterliche Linie“ beschreibt Roehler die schwierige Beziehung seiner Eltern, vor allem aber die Herkunft der Mutter Gisela Elsner aus einer Aufsteigerfamilie der Wirtschaftswunderjahre. Dort entstand die radikale Ablehnung aller Bürgerlichkeit, die Elsners Werk prägte und auch ihren Sohn in Mitleidenschaft zog.

„Die Hässlichkeit des Selchfleischers“: Ein exzessives Schreibabenteuer

Das große Schreibabenteuer beginnt mit dem zweiten Teil, der den neuen Roman im Wesentlichen ausmacht. Er trägt den Titel „Die Hässlichkeit des Selchfleischers“. Was damit an Drastik angekündigt wird, ist kein leeres Versprechen.
Der Autor erklärt diesen Selchfleischer zum fernen Vorfahren seines Vaters Klaus Roehler, wobei es vor allem auf die Symbolik ankommt. Denn dieser Schlachter, der sexuell mit toten Schweinen verkehrt und im Übrigen ein gemütvolles Naturell besitzt, soll, so stellt es der Roman dar, für eine Herkunft aus den rohen Urgründen der deutschen Vergangenheit stehen.
In dieser monströsen Gestalt glaubt der junge Punk, zu dem der gebeutelte Schriftstellersohn heranwächst, genau den richtigen Urahn gefunden zu haben. Mit diesem krassen Leitbild, über das er seinerseits einen Roman schreiben will, sucht er die Befreiung von den Lügen und Selbsttäuschungen der Eltern:

Man kam da nicht heraus, es sei denn durch einen Terrorakt gegen sich selbst, um irgendwie die eigene Gefühllosigkeit zu durchbrechen.

Aus "Das weiße Blatt Papier" von Oskar Roehler

Mit Autofiktion der üblichen Art darf man das nicht verwechseln. Denn trotz biografischer Ähnlichkeiten ist Roehlers Alter Ego im Roman eine reine Kunstfigur, eine radikalisierte Version seiner selbst in jüngeren Jahren.

Zwischen Punk und Delirium: Untergang und Auferstehung

Als Stadtstreicher bewegt sich dieser Romanheld ganz unten, in den Zonen von Delirium, Ausschweifung und Elend, wo alle Grenzüberschreitungen schon erledigt sind: auf dem nächtlichen Straßenstrich oder in seinem Nachtlager gegenüber der Bahnhofstoilette.
Auf der Suche nach einem eigenen Weg im Leben und in der Kunst testet er mit wüster Sprunghaftigkeit alle möglichen Positionen: von Heidegger bis zur Roten-Armee-Fraktion, von Fassbinder über Edgar Allan Poe bis zu den Schriftstellerrunden seines Vaters mit Grass und Enzensberger. Er verehrt und verdammt, polemisiert, rechnet mit den linken Eltern ab und durchsetzt seinen reißenden Gedankenstrom reichlich mit obszönem Wortschatz. Das „weiße Blatt Papier“ will er schriftstellerisch genauso füllen wie seine Eltern.

Vom kaputten Sohn zum Künstler: Die eigene Vision

Roehlers neues Buch ist der Roman einer Initiation. Er handelt vom Kampf mit den eigenen Dämonen. In fiebrigen Schüben erzählt er vom Untergang als kaputter Sohn und von der Auferstehung als Künstler. Ein Transvestit, der den Helden als Gefährte der Nacht begleitet, sagt es so:

Die Arbeit, die ich an mir leiste, erklärt er mir, sei die Arbeit der Heiligen, der Häretiker und Flagellanten, die alles auf sich genommen hätten, um ihrer eigenen Vision zu folgen.

Aus "Das weiße Blatt Papier" von Oskar Roehler

Zwischen eigenwilligem Stil und exzentrischen Marotten ist bei Roehler nicht immer leicht zu unterscheiden. Aber trotz aller Eskapaden kann sein halsbrecherisch hingefetzter Roman durch Schlüssigkeit und Konsequenz überzeugen. Er lebt aus der Kraft der Negativität. Solche poetischen Wagnisse sind heute selten.
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