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Frühkritik | Beitrag vom 26.03.2021

Orkun Ertener: "Was bisher geschah und was niemals geschehen darf"Fliehkräfte des Erwachsenwerdens

Von Ulrich Noller

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(Deutschlandradio / S. Fischer)
Orkun Ertener ist eine kluge wie berührende Coming-of-Age-Geschichte gelungen, die mitten ins Herz der Gegenwart trifft. (Deutschlandradio / S. Fischer)

Wenn die Zukunft zur Bedrohung wird: Orkun Ertener hat mit "Was bisher geschah und niemals geschehen darf" einen Thriller geschrieben und zugleich einen Coming-of-Age-Roman, der mitten ins Herz der Gegenwart trifft.

"Finn hat keine Lust. Paul hat keine Ahnung. Khalil hat was vor. Vielleicht." So pitcht der Schriftsteller und Drehbuchautor Orkun Ertener seinen zweiten Roman "Was bisher geschah und was niemals geschehen darf" treffend wie vielsagend auf den Punkt in den sozialen Medien: Es geht um drei Jungs an der Schwelle zum Erwachsenwerden.

Kurz vor den Abiturprüfungen hat sich bei den so genannten "Abi-Kriegen" in ihrer Heimatstadt ein Unfall ereignet. Finn ist seitdem wie erstarrt. Er verlässt sein Zimmer nur selten, hat kaum mehr Kontakte. Es gibt nichts, was ihn berühren würde. Paul, sein Kindheitsfreund, liegt in einer Rehaklinik. Er war der mit dem Unfall, wurde angefahren, erlitt einen Hirnschaden, der dazu führte, dass er jeden Morgen mit einem Gedächtnisverlust aufwacht, ein Zeitreisender von Tag zu Tag.

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Khalil ist verschwunden. Und er, der in den letzten Monaten vor dem Abitur auf merkwürdige Weise zunehmend zwischen den beiden alten Freunden stand, ist derjenige, der Bewegung in die Erstarrung bringt. Khalil hat, so scheint es jedenfalls, einen Brief an Paul geschrieben, in dem er einen Anschlag ankündigt. Womöglich zumindest. Denn: Nichts ist sicher in dieser Geschichte.

Ermittlung auf eigene Faust

Zur Polizei zu gehen, ist keine Option. Denn was ist schon sicher? Also müssen Finn und Paul in Bewegung kommen, um herauszufinden, was es mit dem Brief tatsächlich auf sich hat. Eine Ermittlung, die unter zunehmend dramatischen Umständen quer durchs Land und dann auch quer durch Europa führt und die für alle Beteiligten auf verschiedene Weise natürlich vor allem eines ist: eine Reise zu sich selbst.

Dabei gibt es so manches Geheimnis zu entschlüsseln und so einige Überraschungen zu entdecken. Das gelingt nur deshalb, samt diverser Kollateralschäden, weil die Jungs einander letztlich doch so verbunden sind, dass sie es schaffen, auch bei den spektakulärsten Wendungen, die Orkun Ertener für sie vorsieht, nicht endgültig aus der Spur zu fliegen, was bei den hier herrschenden Fliehkräften allerdings schwer vorstellbar ist.

Ja, Orkun Ertener erzählt auch einen Thriller mit allem Pipapo und zwar einen exzellent komponierten. Aber das ist letztlich nur ein Nebenschauplatz. Im Zentrum geht es ums Erwachsenwerden in einer Zeit, in der die Zukunft mehr Bedrohung als Verheißung scheint und wie Orkun Ertener sich auch dazu eben der Mittel des Thrillers bedient. Das ist brillant: Eine so kluge wie berührende Coming of Age-Geschichte, die mitten ins Herz der Gegenwart trifft.

Orkun Ertener: "Was bisher geschah und was niemals geschehen darf"
Scherz Verlag, München 2021
336 Seiten, 20 Euro

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