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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.05.2015

Originalton: Through my eyes (5)"Wir können uns gegenseitig heilen"

Von Liat Elkayam

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Deutsche und israelische Flagge (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
"Unsere Beziehungen zu Deutschland sind von allen die komplexesten." (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

In der Rubrik "Originalton" schildern diese Woche israelische Autorinnen und Autoren ihre Sicht auf Deutschland. Israels Beziehungen zu Deutschland seien von allen die komplexesten, so die Liat Elkayam. Sie hofft, dass ihre Generation das Vergeben lernt.

Als ich 29 war, verliebte ich mich in Israel in einen Deutschen. Wir waren ein Liebespaar. Er hat für ein Jahr freiwilligen Sozialdienst in Israel geleistet. Als er wieder in Deutschland lebte, habe ich ihn besucht und überlegt, ganz nach Berlin zu ziehen. Das war vor zehn Jahren, damals gab es dort noch nicht so viele Israelis wie heute. Meine Einstellung zu Deutschland fand ich ungewöhnlich: kein Problem, die Vergangenheit geht mich nichts an. Wir haben jede Menge Witze darüber gemacht, dass wir zusammen waren. Eben das, was Paare so machen.

Während meiner Zeit in Deutschland aber wurde mir etwas über die israelische Kultur klar: Israelis brauchen das Durcheinander. Wir müssen Pläne ändern können, spontan reagieren, wollen nicht zu viel nachdenken, organisieren, festzurren. Deutschland steht für das Gegenteil. Und ich glaube, all das Israelische ist eine Reaktion darauf. Wir müssen uns mit aller Kraft vom Deutschen unterscheiden.

Vergeben lernen

Unsere Beziehungen zu Deutschland sind von allen die komplexesten. Die zu den USA kommen danach. Ich hoffe für die Generation meiner Tochter, dass sie die Fähigkeit entwickeln wird, zu vergessen und zu vergeben. Ich hasse dieses "Nicht vergeben und vergessen". Ich hasse es, weil nicht zu vergeben bürdet einem eine große Qual auf. Man bleibt wütend. Deshalb wünsche ich mir, dass man uns das Vergeben lehrt. Meine Generation hat damit, glaube ich, schon begonnen. Ich selbst habe verstanden, dass sehr viele Deutsche jede Menge Scheiße im Krieg erleben mussten. Also beide Seiten sind traumatisiert. Wenn es um den Holocaust geht, sind wir alle post-traumatisch. Und deswegen können wir uns vielleicht gegenseitig heilen. Das hoffe ich jedenfalls.

Übersetzt von Carsten Hueck

Liat Elkayam, geboren 1975 in Tel Aviv, arbeitet seit dem achtzehnten Lebensjahr als Journalistin. Sie schloss ein Kunststudium in New York ab und erlangte einen B.A. in Film- und Rechtswissenschaft an der Universität Tel Aviv. Sie lebt in Tel Aviv als Autorin und Redakteurin von "Haaretz" und unterrichtet außerdem am Sapir College. Sie veröffentlichte mehrere Kurzgeschichten in Magazinen und Anthologien - zuletzt in der im März bei S.Fischer erschienenen Anthologie: "Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen", herausgegeben von Amichai Shalev und Norbert Kron.

Der Text im Original:

When I was 29, I had, I met a German guy in Israel, and we fell in love. We were a couple. And he was staying in Israel for a year, he was volunteering. And then, when he went back, after some time I went to visit him and stay with him; and I considered the option of living in Berlin: yes or no. It was ten years ago, so, none as much Israelis in Berlin like you have today. I was considering myself different in my reaction to Germany. I was like: Oh, it doesn't matter, and I don't care. And we were making a lot of jokes about being together. Obviously, we talked about it, because that is what couples do. And, all the time, when I was in Germany, I felt, I felt, I am understanding something about the Israeli culture, because Israelis they need everything to be disorganised. They need it. It is necessary for us to be able to change plans, move things around, not think too much, not organise, go out sidelines.

In Germany, it is just the other way around. And I think, it is our reaction to all that, like: We have to be different from Germany. We have to be as different as we can. And I think the most complex relationships Israel have with any other countries with Germany. Maybe, next in line is America. But I hope it for my daughter that put it this way: There will be the ability to forget, because forget and forgive. I hate this line of We wont' forget, we won't forgive. I hate it, because I think, not forgiving takes a lot of torn on the person, who is doing the being angry, you know. So, I wish, we were taught to forgive. And I think my generation already has the ability like I myself, I sat there and I realised, there were a lot of German people, going through some difficult serious shit during the war. I mean we were both traumatized from- we are both post-traumatic, when it comes to the Holocaust. And so, maybe we can cure each other as well. I hope we can.

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