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Lesart / Archiv | Beitrag vom 29.08.2014

OriginaltonLesen und Überarbeiten

Mit Abstand auf das eigene Produkt schauen

Von Bodo Morshäuser

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Aufgenommen am 21.07.2013 in Münster-Altheim. (picture alliance / dpa / Susannah V. Vergau)
Für den Schriftsteller Bodo Morshäuser ist das Überarbeiten eines Textes am Bildschirm tabu. Er braucht dazu Bleistift und Papier. (picture alliance / dpa / Susannah V. Vergau)

Kleine Formen erproben und mit den Möglichkeiten des Radios spielen: "Originalton" heißt ein täglicher Bestandteil unserer Sendung "Lesart" - kurze Texte, um die wir Schriftsteller bitten. In dieser Woche befasst sich Bodo Morshäuser mit dem "Kerngeschäft" eines Autors.

Wenn es mit den Einfällen, den Notizen und dem Schreiben getan wäre ... Es muss überarbeitet werden. Am besten aus einem guten Abstand heraus. Der Blick des Lesers muss prüfen, ob das Geschriebene etwas taugt. Mein erster Leser bin ich selbst. Der Abstand ist also einer zwischen mir und mir. Am besten lasse ich ein paar Tage verstreichen, an denen ich völlig andere Sachen mache. Dann schaue ich mir an, was der Kerl geschrieben hat, der ich selbst bin. Jetzt wird nicht am Bildschirm gelesen. Ich habe einen Bleistift in der Hand und lese das ausgedruckte Typoskript. Jetzt wird es ernst.

Ich streiche Wörter. Wiederholungen. Missratene Sätze. Lese den Text noch einmal. Achte jetzt nicht auf einzelne Wörter, sondern auf den Erzählfluss. Mache ich mich verständlich? Es gibt Streichungen. Oder Hinzufügungen. Die Änderungen werden in die Datei übertragen. Ich mache was in der Wohnung. Ich erinnere mich aus einer Art doppeltem Abstand heraus an das, was ich eben gelesen habe. Bemerke, dass eine Szene falsch erzählt ist. Und etwas, das zur Geschichte gehört, steht gar nicht im Text. Ich rase zur frisch ausgedruckten Fassung zurück und notiere das. Ich arbeite diese Sachen ein. Die Änderungen erzwingen Änderungen an anderen Stellen. Ich drucke eine neue Fassung aus und will sie erst am nächsten Tag wieder sehen.

Ringen mit dem Text, um den Text

Am nächsten Morgen im Bad fällt mir ein, dass ein bestimmtes Ereignis der Geschichte gut tun würde. Jetzt muss ich den Plan ändern, der allem zugrunde lag. Jetzt sind ein paar Passagen an anderer Stelle überflüssig. Die Proportionen im Text verschieben sich. Ich muss wieder lesen. Bemerke dabei sprachliche Unsauberkeiten, die mir bisher nicht aufgefallen waren. Ich streiche diese blöden Passivkonstruktionen. Drucke eine neue Fassung aus. Der Text ist direkter geworden. Ich freue mich. Die ganze Zeit lang bin ich an ein Dutzend Formulierungen nicht ran gegangen, obwohl ich immer gemerkt habe, dass da etwas hakt. Ich gehe der Sache auf den Grund, ändere, trage ein, drucke eine neue Fassung aus.

Es muss Gras drüber wachsen. Ich muss in Gedanken komplett woanders gewesen sein, bevor ich das wieder lese. Es ist jetzt die dritte Fassung. Gefühlt ist es die zehnte. Schon wieder bin ich beim Ändern. Ich bemerke, dass mein Blick auf den Text freier ist. Ich schaue aus größerer Ferne. Frage mich, was der Kerl mir erzählen will. Ob ich es verstehe. Ich verstehe es. Glückwunsch, innerlich. Aber das bin nur ich. Jetzt drucke ich die allerletzte Fassung aus – denke ich jedenfalls –, und schicke sie zum Verlag.

Bodo Morshäuser (Privat)Bodo Morshäuser (Privat)Der Schriftsteller Bodo Morshäuser, gebürtiger Berliner, ist auch ein gestandener Radiomann. In den 70er-Jahren arbeitete er für den RIAS und den Sender Freies Berlin. Anfang der 80er Jahre verfasste und moderierte er regelmäßig Sendungen der Reihe Plattensprünge im SFB-Jugendfunk. Noch heute verfasst er Radioerzählungen, Features und Rezensionen. 

Als Autor wurde Morshäuser bekannt mit Romanen wie "Die Berliner Simulation", "Blende" oder "Der weiße Wannsee". In diesem Jahr erschien sein Roman "Und die Sonne scheint", eine Selbstbeobachtung über das Leben mit einer Krebserkrankung.

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