ORIGINALTON

Flughafen

Vom Flughafen Berlin Tempelhof starten schon lange keine Flugzeuge mehr.
Warten am leeren Gate. © Deutschlandradio / Manfred Hilling
Von Nora Bossong · 07.07.2014
Kleine Formen erproben und mit den Möglichkeiten des Radios spielen: "Originalton" heißt ein täglicher Bestandteil unserer Sendung "Lesart" - kurze Texte, um die wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller bitten. In dieser Woche von Nora Bossong.
Ich sitze an Gate acht, noch zwanzig Minuten sind es bis zum Boarding, noch knapp zwei Stunden bis Wien. Das erste Mal habe ich mir den Sommer in Wien mit Gregor geteilt, wir haben eine Katze gesittet, was für uns eine weit bessere Erfahrung war als für die Katze, die mehrmals versuchte, sich in die Toilettenschüssel zu stürzen. Dieses Mal wird es weder Katze noch Gregor in Wien für mich geben, stattdessen, vielleicht schon als Vorgeschmack auf die Kellnerinnen im Sacher, tritt eine Frau mit einem überakkuraten Halstuch hinter das Airberlin Pult. Dann passiert aber erstmal gar nichts. Während ich warte, denke ich an Gregor und überhaupt an Menschen, die ich sehr mag und während ich an sie denke, ordne ich sie alphabetisch. Normalerweise würde ich ungeordnet an sie denken, aber normalerweise, was ist das schon, normalerweise sitze ich auch nicht mit einem Aufnahmegerät von Sony vor Gate 8 und nehme Hintergrundgeräusche auf. Also. Das sind einige von ihnen.
Bastian
Benno
Christian
Eva
Franziska
Gregor
Lena
Lina
Marc
Oliver
Thomas
und noch ein Thomas
Das ist mein Inventar. Damit bin ich gewappnet, was auch kommt, was mir auch zustößt, es wird sich gelohnt haben, all diese Anstrengung, die es bedeutet, am Einstiegsgate zu erfahren, dass der Flug nach Stuttgart verspätet ist, an einem anderen Ort mitzubekommen, dass jemand, den man geliebt hat, jemand anderen liebt, zu hören, dass jemand, den man immer noch liebt, unglücklich ist, das Ganze also wie es ist und mitunter unerträglich ist. Aber das hier ist ein gutes Inventar, es ist besser als alles, was schief gehen kann.
Christian zum Beispiel, der mich immer, wirklich immer zum Lachen bringt und den ich auch mitten in der Nacht anrufen kann. Franziska, mit der ich bis in den Morgen hinein vor einem Kamin in Olevano gesessen habe, weil es immer noch etwas zu sagen gab und auf Bennos Fahrradgepäckträger fühle ich mich so wohl wie auf keinem anderen Gepäckträger der Welt. Ich könnte ewig dort sitzen und mich von ihm durch die Stadt radeln lassen, das wäre kein schlechtes Vorhaben für die Ewigkeit. Und auch er bringt mich zum Lachen, jederzeit, unbedingt. Und Gregor, Gregor erst recht. Niemand hat mich so zum Lachen gebracht wie er. Mit Gregor wollte ich ins Chelsea Hotel, wir sind bis Wien gekommen, haben eine Katze gesittet und neue, noch größere Pläne geschmiedet, wir wollten an der Spanischen Grippe sterben, mit Mayröcker im Café sitzen und dann wollten wir auch noch glücklich werden. Gregor, ich war im Chelsea Hotel, vor drei Jahren, und ich habe Dir keine Karte geschickt, verzeih mir das, aber ich habe an dich gedacht. Wie verrückt habe ich an dich gedacht. Es ist im Übrigen kein so schöner Ort wie der, den wir uns vorgestellt haben, denn an dem tatsächlichen Ort hast du gefehlt. Es war entsetzlich leer. Es war einfach nur ein Hotel und der Flug nach Stuttgart ist jetzt übrigens ganz gestrichen.