Donnerstag, 17.10.2019
 

Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.08.2014

OriginaltonDie Einfälle

Über Gedanken, Zusammenhänge und die großen und kleinen Ideen

Von Bodo Morshäuser

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In einer alten mechanischen Schreibmaschine steckt ein Blatt Papier. (picture alliance/dpa-Zentralbild - Matthias Tödt)
Bodo Morshäuser: "Das Schreiben braucht Zeit." (picture alliance/dpa-Zentralbild - Matthias Tödt)

Kleine Formen erproben und mit den Möglichkeiten des Radios spielen: "Originalton" heißt ein täglicher Bestandteil unserer Sendung "Lesart" - kurze Texte, um die wir Schriftsteller bitten. In dieser Woche befasst sich Bodo Morshäuser mit dem "Kerngeschäft" eines Autors.

Der Einfall ist die kleine Münze. Die großen Münzen heißen: Thema des Buches, und: Plan, wie es zu schreiben ist. Thema und Plan bleiben. Einfälle kommen und gehen, nur manche bleiben. Viele Einfälle erwische ich - oder: erwischen sie mich? - nicht am Schreibtisch, sondern an anderen Orten, zu anderen Zeiten. Jeder kennt es: der gute Einfall kommt, wenn man nicht mehr angestrengt nachdenkt. Wenn man sich entspannt. Wenn Gedanken ohne irgendeine Absicht fließen können.

Das Schreiben braucht Zeit. Der Einfall braucht Gelegenheit. Der Einfall schwirrt umher. Er kann sich überall zeigen. Er muss einfach nur gefangen werden. Ich stehe vom Schreibtisch auf und gehe ins Bad. Im Bad denke ich nichts Besonderes. Aber es denkt in mir weiter. Hier entstehen wunderbare Einfälle. Es ist, als würde ich die Sache, an der ich eben saß, schräg von der Seite anfliegen. Ich sehe etwas, auf das ich beim ruhigen Schreiben nie gekommen wäre. Oder anders herum: Es ist, als könnten Gedanken mich anfliegen, für die ich während des Schreibens nicht auf Empfang bin. Entspanntes Gedankenkommenlassen geht auch wunderbar in der Küche. Beste Einfälle habe ich beim Wäscheaufhängen. Es lohnt sich, vom Schreibtisch aufzustehen und etwas in der Wohnung zu tun.

"Alles beginnt mit einem Einfall"

Unerreicht sind die Einfälle vormittags im Wald, wenn die Arbeit des Vortags rekapituliert und die des neuen Tags geplant wird. Der Gang der Gedanken beim Gehen ist einzigartig. Aber ich habe nichts zu schreiben bei mir. Kein Handy und kein Diktafon. Ich präge mir die Stelle ein, an der ich den Einfall hatte. Ich verknüpfe diesen Ort mit dem Einfall. Bis er notiert ist, gehört der Einfall zu dieser Stelle im Wald. Erinnere ich mich, dass ich unterwegs einen Einfall hatte, überlege ich, an welcher Stelle das gewesen ist. Ich sehe die Stelle und erinnere mich. Der Einfall ist gerettet. Man kann es trainieren.

Am Schreibtisch kann ich Krach nicht ertragen, weil ich dann nicht denken kann. Für einen Einfall ist es egal, ob es still ist, eher laut - oder total laut. Der Einfall ist scheinbar die kleine Münze, während das Thema und der Plan die großen Münzen sind. Ein Einfall kann allerdings das Thema oder den Plan eines Buches auch ergänzen oder sogar umwerfen. Die kleine Münze kann genau die sein, die man noch brauchte. Oder die noch fehlt. Klar ist nur eines: Alles beginnt mit einem Einfall.

Bodo Morshäuser (Privat)Bodo Morshäuser (Privat)Der Schriftsteller Bodo Morshäuser, der gebürtige Berliner ist auch ein gestandener Radiomann. In den 70er-Jahren arbeitete er für den RIAS und den Sender Freies Berlin. Anfang der 80er-Jahre verfasste und moderierte er regelmäßig Sendungen der Reihe Plattensprünge im SFB-Jugendfunk. Noch heute verfasst er Radioerzählungen, Features und Rezensionen. 

Als Autor wurde Morshäuser bekannt mit Romanen wie "Die Berliner Simulation", "Blende" oder "Der weiße Wannsee". In diesem Jahr erschien sein Roman "Und die Sonne scheint", eine Selbstbeobachtung über das Leben mit einer Krebserkrankung.

Mehr zum Thema:

Originalton - Die Notizen (Deutschlandradio Kultur, Lesart, 26.08.2014)
Originalton - Das Schreiben (Deutschlandradio Kultur, Lesart, 27.08.2014)

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