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Lesart / Archiv | Beitrag vom 16.10.2014

OriginaltonAusdrucksstark im Machtballett

Hand und Fuß, Folge 4: Körpersprachen

Von Patricia Görg

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Russlands Präsident Wladimir Putin bei einer Pressekonferenz (picture alliance / dpa)
Was sagt uns die Körpersprache der Mächtigen? Das Pentagon will's wissen. (picture alliance / dpa)

Die ehemalige Ausdruckstänzerin Brenda Connors untersucht für das Pentagon die Körpersprache der Mächtigen. Sie studiert unter anderem die Auftritte Wladimir Putins und stellt fest: Der russische Präsident bewegt sich vor allem mit Hilfe seines linken Arms vorwärts.

In einem Winkel des Pentagons, des großen Weltbeherrschungsfünfecks, wird Geld bewilligt für die Arbeit der Politologin und ehemaligen Tänzerin Brenda Connors. Sie lehrt am Naval War College, einem US-Zentrum für strategisches Denken. Dort erforscht Connors, wie man die Bewegungen gefährlicher Herrscher liest.

Beispielsweise studiert sie die Auftritte Wladimir Putins. Sie beobachtet, dass er beim Gehen nur seinen linken Arm extrem energisch, fast kämpferisch schwingt, wodurch er seinen ganzen restlichen Körper mit vorwärts reißt. Er bugsiert sich also mit links durch Raum und Zeit, während seine rechte Seite fast wie gelähmt wirkt, nachgeschleift wird. Nach links greift er aus, hat gelernt, eine alte, tiefe Schwäche kontrolliert zu überspielen, vielleicht eine ehemalige, schlecht ausgeheilte Kinderlähmung, so Brenda Connors.

Putin, das Reptil

Sie will herausfinden, was Putin im Schilde führt, denn nicht erst, seit er die Krim annektiert hat, gilt er als schwer durchschaubar. Sie analysiert die Bewegungen des einstigen KGB-Agenten, schaut sich in slow motion buchstäblich an, wie er einen Fuß vor den anderen setzt, vorwärtsgebracht von der Motorik seines linken Arms, und will dieses Grundmuster in mögliche Schachzüge übersetzen.

Solange er nicht spricht, denkt sich wohl das Pentagon, agiert jeder Mensch verräterisch. Die ehemalige Ausdruckstänzerin Brenda Connors ahmt Wladimir Putin sogar nach, durchquert die Bühne wie er, um sich in seine Rolle einzufühlen und zu spüren, wohin er will im großen Machtballett. "Er ist wie ein Reptil", sagt sie dann. "Auch Reptilien stürzen sich auf ihre Feinde, sobald ihr Territorium bedroht scheint."

Mit Raketen in die Luft stechen

Vor Jahren hat sie auch den Diktator Saddam Hussein begutachtet. Wochenlang betrachtete sie die Aufzeichnungen einiger Minuten, fand heraus, dass Hussein im Stress stets mit der linken Hand nervös sein rechtes Augenlid rieb, dann plötzlich mit dem Zeigefinger in die Luft stach. Denken, Fühlen und Handeln, so Connors, seien bei ihm schlecht verbunden gewesen. Seine Gestik habe nahegelegt, dass er seine Hand mittels Massenvernichtungswaffen zu einem schrecklichen Zeigefinger habe erheben wollen, dass er unausgesprochen stets drohte, mit Raketen in die Luft zu stechen.

Adolf Hitler schließlich, hat Connors in ihrem Entschlüsselungsprojekt herausgefunden, verdrehte seine Arme selbst beim Hitlergruß in einer merkwürdigen schraubenförmigen Bewegung nach innen.

Ihre Schlussfolgerungen daraus haben genauso wenig Hand und Fuß wie die über Putin und Hussein.

Machthaber mögen zwar ihre Körper nicht ganz im Griff haben, aber die Situation dafür meist umso mehr.

 

Patricia Görg studierte Theaterwissenschaft, Soziologie und Psychologie in Berlin, wo sie heute als freie Schriftstellerin lebt. Neben Romanen verfasst sie Erzählungen, Essays und Hörspiele. Ihr "Handbuch der Erfolglosen" (2012) wurde von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats gewählt. Im vergangenen Jahr erschien ihr Buch "Glas.Eine Kunst" in der Anderen Bibliothek. Ihr täglicher "Originalton" in dieser Woche kreist um das Thema "Hand und Fuss" - und fördert erstaunliche Erkenntnisse zutage. "Originalton" - eine Rubrik unserer Sendung "Lesart" - kurze Texte, um die wir Schriftsteller bitten.

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