Seit 01:05 Uhr Tonart
Dienstag, 28.09.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.08.2017

Oper "Lear" bei den Salzburger FestspielenHigh Society im Blutbad

Von Franziska Stürz

(Salzburger Festspiele/ Thomas Aurin)
König Lear (Gerald Finley) zwischen seinen Töchtern Cordelia (Anna Prohaska, li.) und Goneril (Evelyn Herlitzius) - in der Inszenierung von Simon Stone bei den Salzburger Festspielen. (Salzburger Festspiele/ Thomas Aurin)

Der australische Regisseur Simon Stone hat mit der Inszenierung von Aribert Reimanns Oper "Lear" sein Debüt bei den Salzburger Festspielen gegeben. Stone habe packende Bilder gefunden, die sich einbrennen, meint unsere Kritikerin.

Aribert Reimanns 1978 uraufgeführter " Lear" ist mittlerweile eine der erfolgreichsten zeitgenössischen Opern, obwohl der Komponist Shakespeares zeitlos schreckliches Drama um den Niedergang der Macht zunächst für unkomponierbar gehalten hatte. In Salzburg tritt nun der kanadische Bariton Gerald Finley als Lear in Dietrich Fischer-Dieskaus Fußstapfen und Franz Welser-Möst beschwört in Höchstkonzentration mit den Wiener Philharmonikern die seelischen Abgründe der gewaltigen Partitur bis zur Schmerzgrenze mit separiert dröhnendem Schlagwerk auf einer Empore.

Der erste Teil auf einer Blumenwiese

Regisseur Simon Stone hat dabei einen sehr schmalen Laufsteg parallel zum Orchestergraben als Bühne gewählt, die er für den ersten Teil mit einer Blumenwiese begrünt. Unter den Arkaden der Felsenreitschule sind Sitzreihen installiert, auf denen Publikum in Abendgarderobe platznimmt. Ein sehr genauer Spiegel der anwesenden Gesellschaft. Aus ihm heraus betreten die Sänger die Szene. Dieser Lear ist ein Smoking tragender High Society Potentat, sein Gefolge besteht aus einer sexlustigen, marodierenden Männerhorde, die mit Bierdosen bewaffnet die Blumenwiese zertrampelt.

Der australische Regisseur und Theatermacher Simon Stone wird 2015 mit dem Nestroypreis in Wien als bester Regisseur ausgezeichnet. (APA / Herbert Neubauer)Der australische Regisseur und Theatermacher Simon Stone. (APA / Herbert Neubauer)

Gerald Finley verkörpert Lear als starken, lebenshungrigen Mann und singt die große Partie mit bewundernswertem Körpereinsatz. Er wälzt sich im Nieselregen in der feuchten Blumenerde und entblößt sich bis auf die Unterwäsche. Trotz kleiner Texthänger ist Finley stimmlich  voll auf der Höhe seiner Möglichkeiten. Die beiden machtgierigen Töchter Goneril und Regan zeigt Stone als spießige Zicken im pastellfarbenen Chanel-Kostüm, lässt sie aber weniger über szenische Aktion als über Reimanns extreme Musik sprechen. Evely Herlitzius und Gun-Brit Barkmin übertreffen sich gegenseitig mit herausragend hysterischen Spitzentönen.

Der wahnsinnige Lear verendet in einem Krankenhausbett

Erst in der Schlusszene hat Anna Prohaska als zarte Cordelia ihren großen Auftritt, für die Stone den wahnsinnigen Lear im weißen Krankenhausbett verenden lässt. Zuvor wird noch das Statisten-Publikum von Security Mitarbeitern aus den Sitzen gerissen und in einer großen Blutpfütze hübsch der Reihe nach gebadet und entsorgt. Der ebenfalls in den Wahnsinn geflüchtete Edgar kehrt im Mickey Mouse Kostüm mit Luftballons in die grausame, sich selbst vernichtende Welt zurück.

Die letzte Neuproduktion der diesjährigen Salzburger Festspiele ist ein akustisch wie szenisch extremes Erlebnis. Stones starke Bilder auf der Laufsteg-Bühne brennen sich ein, die Wucht der musikalischen Interpretation wirkt erschlagend, doch ein begeistert wirkender Aribert Reimann wird am Ende der Premiere vom Publikum gefeiert.

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur