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Fazit | Beitrag vom 10.11.2019

Open Mike-Wettbewerb in BerlinKonventionen sprengen – ohne Druck

Von Mechthild Lanfermann

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Collage mit Porträts der drei Gewinnerinnen des Open Mike 2019. (Haus für Poesie / Mirko Lux)
Die drei Gewinnerinnen des Open Mike 2019 von links nach rechts: Fiona Sironic (Prosa), Carla Hegerl (Lyrik) und Sina Ahlers (Prosa). (Haus für Poesie / Mirko Lux)

Der Open Mike ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Literaturwettbewerbe für den Nachwuchs − auch Terézia Moras Erfolgsgeschichte startete hier. In diesem Jahr konnten Fiona Sironic, Carla Hegerl und Sina Ahlers die Jury überzeugen.

Die Luft vibriert vor Spannung, als Juror Thomas Meinecke am Sonntagspätnachmittag auf die Bühne kommt und seinen Zettel entfaltet. 22 Autorinnen und Autoren, 16 Frauen und vier Männer haben hier in den vergangenen zwei Tagen ihre Texte präsentiert.

"An mir ist es jetzt, den Hauptpreis zu benennen, weil er uns alle geflasht hat als ein Text, besser gesagt mehrere Texte, die ein ganz neues Genre hervorgebracht haben, anders als die meisten anderen Texte. Deshalb haben wir die unter dem Titel 'Bambi' versammelten Gedichte von Carla Hegerl ausgezeichnet", verkündet Thomas Meinecke.

Carla Hegerl hebelt die herkömmlichen Kategorien aus

Die 29-jährige Berlinerin Carla Hegerl ist die Gewinnerin des Abends, einstimmig gewählt von den Juroren Thomas Meinecke, Clemens Meyer und Uljana Wolf. Carla Hegerl studiert am Leipziger Literaturinstitut. Ihre mit "Bambi. Gedichte" überschriebenen Texte sind wie Sounds in Takes unterteilt, die die herkömmlichen Kategorien von Prosa und Lyrik aushebeln:

"Take 1. 13.09.2018. 2:11 Uhr. Möglich ist, dass die Denkbarkeit sogenannter Junk-DNA unter bestimmten Wetterbedingungen für die Route dieses Geländewagens und die Austrocknung des Salar de Uyuni und anderen Kitsch verantwortlich ist und so weiter."

Die 22 Finalisten werden von Lektoren deutschsprachiger Verlage aus rund 600 Bewerbungen ausgewählt. Wer am Open Mike teilnehmen möchte, darf nicht älter als 35 sein und noch kein Buch veröffentlicht haben. Für das Publikum, die Juroren, die Verlagslektoren, Literaturagenten genauso wie Freunde der Lesenden und Literatur-Interessierte bieten die zwei Lesetage immer wieder viel Überraschendes.

"Ich bin zum ersten Mal hier. Was ich bisher gehört habe, spricht mich sehr an", sagt ein Besucher. Und eine Besucherin sagt: "Ich schreibe selber und habe immer auch neben den alten Klassikern Interesse für zeitgenössische Lyrik. Ich bin großer Fan von Uljana Wolf, aber auch von Prosa, von Kurzgeschichten. Da war jetzt einiges geboten an erfrischend Neuem, Inspirierendem."

Verlage und Agenten auf sich aufmerksam machen

Für die Finalisten ist es häufig das erste Mal, dass sie sich mit einem literarischen Text auf eine Bühne wagen. Hier bietet sich ihnen die Chance, Verlage und Agenten auf sich aufmerksam zu machen. Inger-Maria Mahlke, die auf eine Stippvisite vorbeikommt, gewann den Open Mike 2009. Ein halbes Jahr später erschien ihr Romandebüt "Silberfischchen". Ein Blitzstart:

"Es gibt einfach im Literaturbetrieb eine ganz andere Aufmerksamkeit für einen Text, wenn man damit beim Open Mike gewesen ist. Also für mich war's damals ein Start in die Szene, ganz klar."

Neben Carla Hegerl werden an diesem Wochenende zwei weitere Frauen ausgezeichnet: Sina Ahlers und Fiona Sironic. Sina Ahlers erhielt zudem den taz-Publikumspreis. Auch ihre Texte mit dem Titel "Originale" bewegen sich zwischen Prosa und Lyrik:

"Das letzte Zündholz in einer Schachtel deutet das Scheitern schon voraus. Im schlechtesten Fall bekommt man im Moment der Zündung nicht mal eine Zigarette zum Glühen. Die Schwefelflamme duckt sich bei leichtem Nordostwind unter dem Objekt weg, dann wird es dunkel. Den letzten harten Winter habe ich verpasst. Der Schnee hing wohl so schwer über den Regenrinnen, dass es den Menschen zu gefährlich war, ihre Häuser zu verlassen. Wenn es ein Maximum an Häuslichkeit gibt, war das die letzte Chance. Mir bleibt nur noch das Stromern in der Welt."

"Muss nicht gleich funktionieren, aber interessant soll es sein"

Juror Clemens Meyer wünscht den Finalisten, dass sie noch eine Weile mit ihren unkonventionellen Schreibweisen herumexperimentieren, das sei auch ein Vorteil eines solchen Wettbewerbes, dass nicht alles gleich zum Markt passen muss:

"Das sind ja junge Leute alles, darf ich jetzt mit 42 auch mal sagen (lacht). Hier sind Leute, die sich ausprobieren, die noch ihre Richtung suchen, die ihren Tonfall vielleicht schon gefunden haben, aber noch experimentieren. Also, man soll so einen Wettbewerb als Chance sehen, sich auch ein bisschen auszuprobieren, ohne Druck. Gar nicht so sehr gucken, was die Verlage und die Agenten sagen - vollkommen uninteressant. Als junger Schriftsteller hat man das Privileg, noch herumzuprobieren, und es muss auch nicht immer alles gleich funktionieren, aber interessant soll es sein."

Neben der Aufmerksamkeit der Literaturszene gibt es ein Preisgeld von 7.500 Euro, das zu gleichen Teilen an die drei Gewinnerinnen geht.

Die Wettbewerbstexte erscheinen als Anthologie im Allitera Verlag. Am 27. November lesen die Gewinnerinnen in Frankfurt am Main. Eine ausführliche Reportage über den diesjährigen Open Mike können Sie am 17.11. um 22 Uhr im Deutschlandfunk Kultur hören.

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