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Fazit | Beitrag vom 21.01.2021

Online-Videoprojekt "Eurograph" Kunst gegen die schlechte Laune

Von Gerd Brendel

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Blick auf das französisches Kulturzentrum in Berlin vor dem eine Mini-Ausgabe des Eiffelturm steht (picture alliance / Sören Stache)
Die Idee zum "Eurograph" wurde im Centre Francais de Berlin geboren. "Wir brauchen in dieser Welt schöne Wörter", sagt dessen Leiter Luc Paquier. (picture alliance / Sören Stache)

Ein Kunstprojekt will in Zeiten der Pandemie Stimmungsaufheller sein. Es heißt "Eurograph" und bringt im Internet mit Video-Clips lauter schöne deutsche und französische Wörter zum Klingen und Sehen.

"Wir brauchen in dieser Welt schöne Wörter, gute Laune, gute Luft, das ist ziemlich klar, wo in diesen Corona-Zeiten alles schrecklich ist", sagt Luc Paquier. Corona-Zeiten, in denen wie viele andere auch Paquier, Leiter des Centre Francais de Berlin, in Berlin zuhause im "Homeoffice" sitzt, mit dem Internet als dem einzigen Fenster zur Welt. Paquiers Antwort auf den Mangel lautet: Eurograph.

"V wie Vulva, L comme la langue." Eine Homepage, die Video- für Video-Clip lauter schöne Wörter zum Klingen und Sehen bringt. Und weil Luc Paquier ein gemeinnütziges deutsch-französisches Kulturprojekt leitet, sind es ausschließlich deutsche und französische Begriffe. Zweimal 26, für jeden Buchstaben im Alphabet jeweils ein Video-Clip von einem deutschen und einer französischen Künstlerin.

Ist Wut ein schönes Wort?

Nur was ist ein schönes Wort? "Ich habe ein superinteressantes Gespräch gehabt mit einer Performerin aus Frankreich, Rebecca Chaillon: 'Du Luc, ich finde dein Projekt ganz toll, aber ich würde ganz gern etwas über 'Rage' berichten.' Und da war die Frage mit Rebecca: Ist Wut ein positives Wort oder nicht? In Wut steckt auch ganz viel Energie, Lust, etwas besser zu machen, zu kämpfen für das Recht", erzählt Paquier.

Chaillons Wut-Beitrag zeigt allerdings keine rasenden Kämpfer für eine bessere Welt, sondern eine Frau in der Badewanne, die sich anderthalb Minuten in Rage frisst und säuft, mit Seife, Shampoo, Bier und einem Wurstring, bis der Schaum vor ihrem Mund Blasen schlägt. Ähnlich heiter-absurd übersetzen auch die anderen Autoren und Autorinnen die selbstgewählten Begriffe.

Um Chaillons Filmchen zu sehen, muss der User den Begriff "Rage" eintippen oder ein ganz anderes Wort und hoffen, dass es irgendwann an zweiter, dritter oder vierter Stelle abgespielt wird, denn: "Ich wollte, dass unsere Zuschauer aktiv sind, sie müssen wirklich aktiv sein und nach einem Wort suchen und es dann schreiben", sagt Paquier.

Ganz gleich, welches Wort, ob "hässlich" oder "schön". Wenn sich kein passender Film findet, wird ein Titel mit demselben oder einem ähnlichen Anfangsbuchstaben abgespielt.

Geheimnisvoller Algorithmus

Ich tippe "Krieg" in die Suchmaske und bekomme "Kontakt" von Martin Clausen zu sehen. Hände, die sich einen unsichtbaren Gegenstand weiterreichen. An zweiter Stelle kommt dann der Wut-Film, vielleicht aber auch ein ganz anderer Clip. Wie der Algorithmus meine Playlist generiert, bleibt ein Geheimnis.

Ganz wie beim planlosen Surfen auf Internet-Plattformen, wo auch ein Clip nach dem anderen abgespielt wird. Nur: Hier verliere ich mich nicht in sinnlosen Werbebotschaften, sondern in nachdenklichen, absurden, heiteren Kurzfilmen. Cello-Soli, rauschende Wildbäche, Kurzinterviews, Tanzeinlagen: Alles ist dabei.

Zu "Reisen" lässt Monika Gintersdorfer drei Künstler mit ihren Rollkoffern Hip-Hop tanzen. Der Begleittext erzählt von den schikanösen Visabestimmungen für afrikanische Kunstschaffende. Das Performance-Kollektiv She She Pop hat sich V wie Vulva ausgewählt. "In Europa gab es eine Zeit, wo alte Frauen ihre Röcke gehoben und ihre nackte Vulva den Blicken entgegengestreckt haben", wird da erzählt.

Und Antonia Bähr lässt zu "S wie schön" Blumen sprechen. Nicht nur Blumen – auch das Internet-Projekt "Eurograph" verdient das schöne Adjektiv. Ein Projekt, das selbst schlechte Laune in heitere verwandelt, mit Ausblicken in eine Welt, in der längst nicht alles schön ist, aber vieles schöner sein könnte.

"Die Geste wirkte stärkend und machte froh. Wer seinen Lebenswillen verloren hatte, begann innerlich zu lächeln." So drücken es She She Pop aus.

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