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Echtzeit | Beitrag vom 22.06.2019

Online-Mietmode Der digitale Kleiderschrank

Von Gesine Kühne

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Ein Kleiderstange behangen mit leeren Bügeln. (unsplash / Andrej Lisakov)
Kann der analoge Kleiderschrank bald leer bleiben? (unsplash / Andrej Lisakov)

Als zweitgrößter Umweltsünder hinter der Ölindustrie gilt die Modeindustrie. Höchste Zeit also, für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen. Zum Beispiel mit einem Abosystem für schicke Mietkleidung. Nachhaltig und stylish zugleich - geht das?

Die Mode, das liegt in ihrer Natur, ändert sich ständig. Wer mit der Mode geht, braucht also öfter was Neues zum Anziehen. Das war zwar schon immer so. Der Rhythmus, in dem die Klamotten gewechselt werden, hat sich aber in Zeiten von Instagram aber enorm beschleunigt.

Und das ist auch ein ökologisches Problem: Die Modeindustrie gilt mittlerweile als zweitgrößter Umweltsünder, gleich hinter der Ölindustrie. Dass das nicht geht, haben mittlerweile viele in der Branche begriffen und basteln an neuen Ansätzen für mehr Nachhaltigkeit. Circular Fashion könnte dabei eine Lösung sein: also ein nachhaltige Kreislaufsystem für Anziehsachen. Die Berliner Firma "RE-NT" versucht genau das mit ihrer digitalen Plattform anzubieten. 

Zum DJ-Gig ein neues Kleid

DJane und Radiomoderatorin Gesine Kühne hat es ausprobiert und erläutert:"Der Anspruch des Berliner Start-Ups ist, rundum nachhaltig zu sein. Wir Konsumentinnen gucken durch die Plattform wie durch einen digitalen Kleiderschrank. Denn am besten besitzt der modeaffine Mensch wie ich nur noch eine Basicgarderobe: Jeans, T-Shirt – der Rest wird eben gemietet. Das habe ich jetzt auch mal getan, um zu meinem DJ-Gig ein neues Kleid zu tragen."

Unsere Autorin Gesine Kühne im blauen Mietkleid. (Gesine Kühne)Unsere Autorin Gesine Kühne im blauen Mietkleid. (Gesine Kühne)

Vorher hat sich Gesine Kühne von Robina von Stein, der Gründerin, "RE-NT" zeigen und erklären lassen: "Mit 'RE-NT' haben wir eine Plattform gegründet, auf der Endkunden sich Kleider mieten anstatt kaufen können, um das Problem, das jeder hat - ich hab total viel und hab keine Lust, mir was Neues zu kaufen – lösen zu können", sagt sie. "Und auf der anderen Seite bieten wir Modefirmen an, auf unserer Plattform Sachen auszustellen, die sie in so einem Modell auch darstellen wollen."

Das heißt, 'RE-NT"möchte eine Kreislaufwirtschaft im Modebereich ankurbeln. In ein paar schnellen Worten erklärt: Ich melde mich an, miete mir Klamotten, die von einem Label oder Shop gestellt werden, und gebe sie dann wieder zurück. Und das Start-up von Robina übernimmt die Vermittlung und Ausführung.

50 Euro im Monat kostet das Abo

Wie funktioniert das genau? "Nach der Anmeldung habe ich ein 15-minütiges Stylingtelefonat mit einer Mitarbeiterin geführt. Da wird abgefragt, was man gern trägt, welche Labels. 'RE-NT' hat Skandinavier wie Stine Goya dabei, auch Sandro, was ja schon High Fashion ist, aber auch Labels wie H&M und Edited. Ich musste angeben, welche Farben ich mag, was gar nicht geht. Die Größe wird auch abgefragt, da darf man schon ehrlich sagen, oben eher 38, unten 36. Also, in dem Telefonat kann man alles loswerden. Danach gab es per E-Mail eine Auswahl von Styles, die haben mir noch nicht ganz zugesagt, also hab ich Feedback dazu geschrieben – sodass man wirklich das Passende bekommt."

Kühne sagt weiter: "50 Euro kostet das Abo im Monat – drei Teile und die kann ich noch mal wechseln, so dass ich sechs neue Teile in 30 Tagen habe. Die Kleidung kommt per Post in einer wiederverwertbaren Box! In Berlin kann man sogar morgens sagen, ich brauche dringend noch eine Sommerbluse für meinen Urlaub morgen - die wird dann mit dem Fahrradkurier geliefert. Per Post funktioniert Rent deutschlandweit! Porto ist im Abopreis mit drin.

Soweit, so gut, um das Prozedere dahinter zu verstehen, bin ich nach Berlin-Kreuzberg direkt zu 'RE-NT' gefahren. Da arbeiten in einer Altbauwohnung sechs Leute. Klassisch am Laptop, es gibt eine Art Meetingraum und dann ein Zimmer, das einem begehbaren Kleiderschrank ähnelt."

"Hier sind unsere Kleider, unser kleines Warenwirtschaftssystem", erklärt Robin von Stein. "Hier haben wir die Kleidung sortiert nach Kategorien. Hier sind Kleider, Röcke, Hosen. Wir haben die Ware hier und in den Shops. Wir arbeiten direkt mit den Modeshops zusammen. Das heißt, der Kunde bestellt, wir kriegen die Ware von den Shops und geben sie an den Kunden weiter. Wir sind letztlich so ein Durchlaufposten.

Das Kleid tragen, bis es nicht mehr geht

Ein Durchlaufposten. Das heißt, die kaufen die Kleidung nicht vorab, sondern die kommt aus dem Laden. 

"Durchlaufposten! Das ist wichtig", betont Gesiner Kühne. "'RE-NT' hat keine Kleidung vorab gekauft, um sie dann anzubieten! Trotzdem fragte ich mich, warum da nun Kleidung rumhängt."

"Das ist die Ware, die von uns gereinigt wird, aufgearbeitet wird und wieder rausgeschickt wird", erklärt Robina von Stein. "Man muss sich das so vorstellen. Die Ware kommt zurück vom Kunden, dann wird selektiert: Ist sie wie neu, kann sie zurück in den Shop? Muss sie gereinigt werden? Ist sie ein bisschen kaputt und wir müssen sie reparieren? Und hier sieht man einen Eimer, das ist die Ware, die gewaschen wird."

Kühne: "Je nach Kleidungsstück wird in der Maschine gewaschen, Pailletten kommen in die Reinigung. Als ich da war, wurden gerade Kaffeeflecken aus einer weißen Spitzenbluse gebleicht.

Also, ich bestelle bei 'RE-NT" online, miete mir, sagen wir mal, ein Teil, trage das einen Monat, schicke es zurück. Die waschen das. Und ist auch noch eine Naht aufgegangen, nähen sie die wieder zu und dann kann die nächste Kundin das Teil haben?

Kühne: "Genau so!"

Das heißt aber auch, dass erstmal Neuware in den Umlauf kommt – was ist denn daran das Nachhaltige?

"Das Kreislaufsystem, das etabliert werden soll", erläutert Gesine Kühne. "Dieses eine neue Teil wird so oft vermietet, bis das Material aufgibt, es untragbar wird, keine Reparatur mehr hilft! Dann gibt 'RE-NT' das an die Labels oder Shops zurück zum Upcycling. Upcycling bedeutet das Kleidungsstück wird umgenäht oder Stoff von diesem wird mit anderen Stoffen zu etwas Neuem gemacht. Da es das Unternehmen aber erst seit Ende letzten Jahres gibt, haben sie diesen Teil des Kreislaufs noch nicht erreicht."

Ungewaschen zurück an den Vermieter

Man mietet also und bezahlt, sagen wir mal, dein 50-Euro-Monatsabo – wie verdienen die Labels und 'RE-NT"?

"Die Labels bekommen die Miete, Robina und ihr Team nehmen eine Provision", sagt Kühne.

Du hast es ja nun ausprobiert – zumindest schon mal mit einem Kleid. Wie war das?

"Das war ziemlich cool, muss ich zugeben. Ein kobaltblaues, kurzes Kleid, oben eng, der Rock ausgestellt. Ich habe meinem DJ-Partner nichts verraten, ihn nach dem Umziehen einfach mal ins Zimmer gerufen bei mir zuhause dann. Um zu gucken, ob es wirklich so als meins durchgeht.

Ich habe auch über Social Media Komplimente fürs Outfit bekommen, mich beim Auflegen total wohl gefühlt. Für mich: Test bestanden – nun ist das Kleid ungewaschen zurück bei 'RE-NT'."

Vermisst du es nicht?

"Wenn ich es hätte gar nicht gehen lassen wollen, hätte ich es 'freikaufen' können. Da wird dann der Mietpreis abgezogen und gut. Aber ganz ehrlich, ich brauche es nicht. Ich hatte meinen Spaß damit und nun freue ich mich auf das nächste Kleid."

Muss man Kleidung wirklich besitzen?

50 Euro im Monat für das Abo und du bekommst sechs Kleidungsstücke, aber nichts gehört dir – hat das wirklich Zukunft?

Kühne: "Ganz ehrlich, ich bin so ein Konsummonster bei Kleidung, ich gebe deutlich mehr als 50 Euro im Monat für Klamotten aus. Die deutsche Durchschnittsfrau blättert im Monat 60 Euro für neue Kleidung hin. Damit sie dreimal getragen wird, dann im Schrank verschimmelt. Die Bekleidungsindustrie ist einer der größten Umweltsünder und wir als Kunden haben das mit angefeuert. Wir müssen also umdenken! Damit wir beim Umdenken aber trotzdem stylisch sind, können wir eben mieten."

Klamotten für die Generation Z

Robina von Stein ist ganz ehrlich, was ihre Zielgruppe angeht. Sie sagt: "Die Zielgruppe an sich. Also was wollen wir lösen? Das Konsumentendilemma. Ich habe die Zielgruppe 18 bis – also die Generation Z, die jetzt auf die Straßen geht für Future Friday demonstriert und sagt: ich will Nachhaltigkeit aber gleichzeitig mit der Digitalisierung, mit dem Internet und Social Media aufgewachsen sind, also Instagram, als Nummer Eins-Plattform, um sich darzustellen. Die brauchen neue Klamotten, um Fotos zu haben. Auf der anderen Seite sagen sie aber, ich weiß, dass die Modeindustrie einer der größten Umweltsünder ist, ich will eine Alternative."

Ich sag ganz ehrlich, ich hoffe, dass das so aufgeht, denn ich kann mich erinnern, dass es eben auch mega cool war mit der besten Freundin durch die Shops zu ziehen, alles anzufassen, anzuprobieren und dann eben zu kaufen. Allerdings gab es bei mir auch noch kein Onlineshopping. Ich kann mir aber vorstellen, dass die umweltbewussten Modemenschen der Generation Z bis X kein Problem haben Kleidung zu mieten. Ich liebe Klamotten muss aber tatsächlich nicht mehr alles besitzen – dass stresst nur, also mir gefällt die Idee des digitalen Kleiderschranks.

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