Online-Glücksspiele ab Juli erlaubt

    "Kaum Raum für Spielerschutz und Suchtprävention"

    10:58 Minuten
    Ein Mann spielt an einem Laptop in einem dunklen Zimmer ein Online-Glücksspiel
    Greifen die Schutzmechanismen, wenn ab Juli 2021 Online-Glücksspiele legalisiert werden sollen? Forscher Tobias Hayer ist skeptisch. © imago/Fotosearch/LBRF/audioundwerbung/agefotostock
    Tobias Hayer im Gespräch mit Vera Linß und Tim Wiese · 20.03.2021
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    24 Stunden am Tag zocken - in der Anonymität der Internets, ohne soziale Kontrolle: „Mit Online-Glücksspielen gehen besondere Suchtgefahren einher“, warnt Tobias Hayer. Die Schutzmaßnahmen des Glücksspielstaatsvertrags beurteilt er kritisch.
    Online zocken ohne Ende: Was bisher offizell nur in Schleswig-Holstein möglich war, wird mit Inkrafttreten des Glücksspielstaatsvertrags zum 1. Juli in ganz Deutschland Realität. Dann werden alle möglichen Formen des Online-Glücksspiels legal verfügbar sein.
    Der Psychologe und Glücksspielforscher Tobias Hayer von der Universität Bremen betrachtet die Entwicklung mit Sorge: "Die Öffnung des Online-Glücksspielmarktes ist eine Art Dammbruch", sagt er.
    Denn dadurch würden nicht nur die Spielanreize und damit die Suchtgefahr erhöht, es werde auch eine Wettbewerbssituation geschaffen: "Es wird zahlreiche Privatanbieter geben, die sich um Kundinnen und Kunden quasi prügeln werden, und dieser Aufschaukelungsprozess nach dem Prinzip 'schneller, höher, weiter' lässt aus meiner Sicht kaum Raum für Spielerschutz und Suchtprävention."
    Gerade bei Online-Glücksspielen sei die Suchtgefahr besonders hoch, warnt Hayer. "24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche können Sie zocken. Keine soziale Kontrolle, Sie zocken im anonymen Raum, von zu Hause aus, am Arbeitsplatz, in der U-Bahn, wo auch immer Sie ein mobilfähiges Endgerät haben."

    Verlustlimit von 1000 Euro im Monat - das ist zu viel

    Zwar sehe der Glücksspielstaatsvertrag Schutzmaßnahmen vor. Der Psychologe ist allerdings skeptisch, ob diese in der Praxis auch funktionierten. Etwa die sogenannte "Limitdatei", die sicherstellen soll, dass jemand maximal 1000 Euro im Monat in Online-Glücksspiele einzahlen kann: "Diesen Betrag halte ich für viel zu hoch", sagt Hayer. "Überlegen Sie mal: Geben Sie 1000 Euro im Monat für Alkohol oder Nikotin aus? Wahrscheinlich nicht."
    Außerdem solle ein Früherkennungssystem implementiert werden. "Das gesamte Spielverhalten wird dokumentiert". Aber da jeder Anbieter ein eigenes Früherkennungssystem einsetzen könne, werde da eben nur ein Ausschnitt des gesamten Spielverhaltens dokumentiert. Hinzu kommt, dass Anbieter dieses Dokumentationssystem auch dazu nutzen können, um beispielsweise gezielt Werbung zu schalten.
    Oder: "Wenn Anbieter A sieht, Sie haben drei Monate kein Geld bei ihm eingesetzt, dann wird er Sie höflich per E-Mail oder SMS daran erinnern, das mal wieder zu tun."

    "Nehmen Sie professionelle Hilfe in Anspruch"

    Menschen, die feststellten, dass ihr Glückspielkonsum problematische Züge annimmt, rät Hayer: "Nehmen Sie professionelle Hilfe in Anspruch." Suchtberatungsstellen etwa oder Suchtfachkliniken. "Aber wir haben auch internetgestützte Hilfen, Onlineberatung, Telefon-Helplines, selbst Angebote für Migrantinnen und Migranten in anderen Sprachen."
    (uko)

    Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet unter der Nummer 0800 1372700 eine telefonische Beratung bei Fragen zu Glücksspielsucht an.

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