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Studio 9 | Beitrag vom 27.01.2018

Online-Ausstellung in Yad Vashem Briefe als letzte Lebenszeichen

Von Benjamin Hammer

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Yona Knobo, Kuratorin der Ausstellung "Letzte Briefe aus dem Holocaust" (Deutschlandradio/Benjamin Hammer)
Die Kuratorin der Online-Ausstellung der Gedenkstätte Yad Vashem, Yona Kobo (Deutschlandradio/Benjamin Hammer)

Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem zeigt in einer Online-Ausstellung Briefe, die Juden vor ihrer Ermordung durch die Nazis schrieben. Es sind erschütternde letzte Worte an die Familie, die jetzt jeder im Internet lesen kann.

"Letzte Briefe aus dem Holocaust. 1941-1942" heißt die Ausstellung der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, die nun erstmals auf Deutsch im Netz steht. Insgesamt zehn Briefe präsentiert die Gedenkstätte, geschrieben von Menschen, die im Holocaust ermordet wurden. Es sind ihre letzten Zeilen vor dem Tod. Die Briefe stammen aus Polen, Rumänien oder Frankreich und wurden an die Verwandten in England oder in Palästina geschickt. Die Familien übergaben sie später an die Gedenkstätte in Jerusalem. 

"9. Oktober, 1941. Meine liebe Schwester, seit einigen Tagen schwebt eine schreckliche Gefahr über uns. Man schickt uns zu Fuß zur 'Umsiedlung' (so sagt man uns) in die Ukraine."

Brief aus dem Ghetto

Ida Goldiş schreibt ihrer Schwester Clara. Die rumänische Jüdin ahnt bereits, dass es ihre letzten Zeilen werden. Ida ist 23 Jahre alt. Sie schreibt den Brief im Ghetto von Chișinău, der Hauptstadt des heutigen Moldawien.

"Du kannst Dir unsere Situation vorstellen, wenn wir eine so lange Strecke zu Fuß zurücklegen müssen, bei so kaltem Wetter, mit einem kleinen Kind und nur mit den paar Sachen, die wir mitnehmen können."

Der Brief an ihre Schwester, die sich noch in der Heimat befindet, ist das letzte Lebenszeichen.

"Ich bedaure aus tiefster Seele, das ich beim Abschied die Bedeutung des Augenblicks nicht erfasste, dass ich Euch nicht lange, lange betrachtet habe, damit sich Euer Bild tief in meine Seele einprägt, dass ich Dich nicht fest umarmt habe, ohne loszulassen."

Der Brief von Ida Goldiş befindet sich in den Archiven von Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte des Staates Israel. Eine neue Online-Ausstellung zeigt ihren und weitere Briefe. Sie alle wurden von Juden aus ganz Europa verfasst, die ihren Familien schrieben. Und später von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

Briefe von Salman Levinson (Deutschlandradio/Benjamin Hammer)Briefe von Salman Levinson (Deutschlandradio/Benjamin Hammer)

Yona Kobo ist die Kuratorin der Ausstellung. Sie steht im Archiv und hat sich weiße Schutzhandschuhe angezogen. Vorsichtig öffnet sie einen Aktenordner und holt die Briefe heraus. Auch ein Bild ist dabei. Darauf ein Haus, hebräische Buchstaben. Gemalt hat das Bild ein neunjähriger Junge. Auch Salman Levinson wird später ermordet.

"Diese Dokumente bedeuten mir sehr viel", sagt die Kuratorin Kobo. "Sie sind alt, man kann Flecken sehen, manchmal sogar die Tränen, die ihre Verfasser beim Schreiben vergossen haben. Wir wollen mit dieser Ausstellung die Menschen sichtbar machen. Sechs Millionen ermordete Juden – das ist kaum greifbar. Was wir tun können, ist die Geschichte dieses Jungen zu erzählen, die Geschichte einer Familie oder einer Gemeinschaft."

Mehr Besucher dank des Internets

Eine Million Besucher kommen pro Jahr nach Yad Vashem in Jerusalem. Mit Online-Ausstellungen wie den "letzten Briefen aus dem Holocaust" will die Gedenkstätte noch mehr Menschen erreichen. Auch jene die wohl kaum nach Israel reisen werden.

"Die Geschichten der Verstorbenen kommen aus dem Archiv auf die Mobiltelefone. In den Iran. In arabische Länder. Es gibt mit dieser Technologie nun keine Grenzen mehr"

sagt Kobo.

Die Verfasser der Briefe bewerten ihre Lage damals höchst unterschiedlich. Manche sind noch voller Hoffnung, glauben, dass sie ihre Familien bald wiedersehen können. Andere schließen mit dem Leben ab. Und so wird der Brief von Ida Goldiş , der rumänischen Jüdin, die ihrer Schwester Clara schreibt, zu einem Abschiedsbrief. Wenige Wochen, nachdem sie den Brief abgeschickt hat, werden die Bewohner des Ghettos von Chișinău zu einem Marsch gezwungen. Es ist mitten im Winter. Ida Goldiş Sohn ist erst drei Jahre alt, er erfriert. Wenige Tage später stirbt auch Ida. Ihre Schwester Clara überlebt. Von Ida Goldiş ist der Brief geblieben. Er liegt in den Archiven von Yad Vashem und ist über das Internet nun auf der ganzen Welt zu lesen.

"Lebewohl für immer, all meine Gedanken sind bei Dir. Ida"

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