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Lesart | Beitrag vom 25.08.2020

Olivier Tallec: "Das ist mein Baum"Ein egoistisches Eichhörnchen

Von Sylvia Schwab

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Buchcover "Das ist mein Baum" (Gerstenberg Verlag / Deutschlandradio)
Es ist zauberhaft, wie Olivier Tallec die Gefühle, Wünsche, Ängste und Gedanken des spitzbübischen Eichhörnchens in seinen kontrastreichen Bildern in Szene setzt, meint unsere Kritikerin. (Gerstenberg Verlag / Deutschlandradio)

Olivier Tallecs Kinderbücher leben von Witz und Ironie. Mal schreibt er über Tierhaltung aus Sicht des Hundes. Dann aus der eines Königs, der ein Schaf ist. Jetzt kämpft ein Eichhörnchen um (s)einen Baum. Grandios lustig!

Das Titelbild von Olivier Tallecs "Das ist mein Baum" sagt mehr aus als lange Erklärungen: Kerzengerade, mit Stolz erhobenem Kopf und Schwanz, schiebt das Eichhörnchen den Rasenmäher um seinen Baum.

Deutlicher kann das kecke Tier nicht demonstrieren: das ist meiner! Und an ihn ran darf auch keiner! Nicht nur alle anderen Tiere sind ausgeschlossen, auch die Leserinnen und Leser dürfen nur aus der Ferne zuschauen.

Wie schützen, was mir gehört?

Das Eichhörnchen liebt Bäume. Und vor allen Dingen liebt es seinen Baum. Es liebt es, die Zapfen seines Baumes in dessen Schatten zu essen. Und es hält nichts von der Idee, seinen Baum, dessen Schatten und dessen Zapfen mit anderen zu teilen.

Und so kommen prompt Fragen auf: Wie kann das Eichhörnchen seinen Baum am besten vor den anderen schützen? Mit einem Tor? Einem Zaun? Einer Mauer? Und wenn ja, wie müsste etwa diese Mauer gebaut sein? Wie lang, hoch und dick? Und wie sähe es dann hinter dieser riesigen Mauer aus? Wer wäre dort?

Besitz macht unglücklich

Olivier Tallec erzählt eine auf den ersten Blick einfache Geschichte, die aber nicht nur echt komisch ist, sondern auch recht tiefsinnig. Sie funktioniert auf Kinder- wie auf Erwachsenenebene. Kinder werden sich unmittelbar mit dem Wunsch identifizieren können, "meinen Baum" und "meine Zapfen" (mein Zimmer, mein Spielzeug) nicht teilen und gegen jeden Eindringling verteidigen zu wollen. Und wie ärgerlich oder überraschend die Folgen dieses Egoismus sein können.

Erwachsene staunen zusätzlich darüber, wie hier in kurzen Sätzen und leuchtenden Bildern eine ganz wichtige Einsicht deutlich wird: Besitz macht nicht nur glücklich, er ist auch Verpflichtung, Belastung, Ursache von Ängsten und Einsamkeit.

Zauberhafte Bilderwelt

Es ist zauberhaft, wie Olivier Tallec die Gefühle, Wünsche, Ängste und Gedanken des spitzbübischen Eichhörnchens in seinen kontrastreichen Bildern in Szene setzt. Schwarz steht der dicke Baumstamm vor dem strahlend gelben, sommerlichen Hintergrund. Schwarz wie die total unnötigen Sorgen in der freundlichen Wirklichkeit! Hochmütig, erstaunt, neugierig, ablehnend oder drohend gebärdet sich das kleine Tier.

Verunsichert steht es vor dem Tor, das den Baum schützen soll, missmutig schiebt es die Schubkarre mit den Steinen für den Bau der Mauer. Und ziemlich bedeppert steht es am Schluss auf der Mauer, als es sieht, was dahinter los ist. Mehr Schwung, mehr körperlicher Ausdruck, mehr psychologischer Witz ist kaum möglich!

Man wird heiterer

Ganz leicht kommt diese pointierte Geschichte rüber, ohne erhobenen Zeigefinger und oberlehrerhaften Ton. Olivier Tallec erteilt keine Lektion, sondern spielt ein Gedanken- und Bilderspiel, und der Spaß, den er dabei hat, überträgt sich unmittelbar.

Schlauer und ein bisschen heiterer ist man am Schluss außerdem: Egoismus lohnt sich nicht!

Olivier Tallec: "Das ist mein Baum"
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Gerstenberg/ Hildesheim 2020
36 Seiten, 13 Euro
ab 3 Jahren

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