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Lesart | Beitrag vom 30.05.2020

Oliver Bullough: "Land des Geldes" Moneyland wächst nahezu unkontrolliert

Von Ursula Weidenfeld

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Das Cover von "Land des Geldes" auf orangenem Hintergrund. (Deutschlandradio/ Kunstmann)
Der britische Journalist Oliver Bullough deckt auf, wie mancherorts in nur einer Generation riesiger Reichtum angehäuft wird und welche Gesetzeslücken das systematisch begünstigen. (Deutschlandradio/ Kunstmann)

Sie sind mächtig, steinreich und korrupt: Oliver Bullough beschreibt, wie eine Clique von Politikern, Unternehmern und Polizeichefs ganze Länder ausnimmt - und warum sich Steuerbehörden mit der Strafverfolgung so schwer tun.

Die Unternehmen sind meist völlig unbekannt. Man kennt die Eigentümer nicht. Die Adresse befindet sich oft auf entlegenen Inseln in der Karibik. Sie geben sich alle Mühe, nicht beobachtet zu werden. Doch Oliver Bullough hat diesen Menschen, ihren Familien, ihren Villen und Geschäften ein ganzes Buch gewidmet. Denn diese Leute und ihre Firmen wohnen im Land des Geldes: In "Moneyland", wie das Buch im Original heißt.

Über solche Leute und ihre Geschäfte ein Buch zu schreiben, ist mutig. Es ist mutig in vielfacher Hinsicht. Denn erstens sind viele der Unbekannten unermesslich reich. Sie können Buchautoren durch Schadenersatzforderungen oder aufwendige Gerichtsverfahren ruinieren. Einige von ihnen sind kriminell und korrupt. Sie schrecken nicht vor Drohungen, Einschüchterungen und manchmal nicht einmal vor Mord zurück, wenn man ihnen zu nahe kommt. Viele genießen außerdem noch die Unterstützung von Regierungen und Diplomaten, manche sind selbst Ministerpräsidenten, Minister, Polizeichefs oder Botschafter. Oder Söhne und Töchter von Ministerpräsidenten, Ministern, Polizeichefs und Botschaftern. Gemeinsam ist allen, dass sie keinerlei Interesse haben, dass man die Wege ihres Vermögens nachvollzieht.

Milliardenvermögen, an der Steuer vorbei

Das aber hat der britische Journalist Oliver Bullough getan. Sein Buch "Land des Geldes", 2018 in englischer Sprache erschienen und nun ins Deutsche übersetzt, wirkt wie ein Schnappschuss einer Welt, in der Milliarden Dollar verdient und ausgegeben, Diplomatenpässe gehandelt, Hochzeitskleider für 200.000 Dollar geordert, Yachten gechartert und gealterte Ehefrauen umstandslos in die Wüste geschickt werden.

Bullough zeichnet das Bild obszönen Reichtums, der oft in nur einer Generation in der Ukraine oder Russland, in Äquatorialafrika, Nigeria oder Angola auf Kosten der Armen und Kranken, der einfachen Bürger zusammengerafft wird. Er besucht Villen, die oft bizarr geschmacklos, aber immer immens teuer eingerichtet sind. Er schippert zu karibischen Inseln, die gerade einmal 10.000 Einwohner, dafür aber 18.000 Unternehmen beherbergen. Er dringt zu feinen Londoner Adressen wie der Nummer 29 in der ehrwürdigen Harley Street vor, die wie das Gleis 9 ¾ in Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Romanen das Tor zu einer anderen Welt ist. In diesem Fall beginnt hier keine zauberhafte Welt, sondern ein unüberschaubares Geflecht von Firmen, Holdings.

Es kann gute Gründe geben, ehrlich erworbenes Geld anonym im Ausland anzulegen. Das verschweigt Bullough auch nicht. Man streut das Risiko, vermeidet möglicherweise Gefahren durch Neider, von staatlicher Willkür oder Kidnapping im Heimatland. Doch diese Motive machen nur einen kleinen Teil des Offshore-Finanzgeschäfts aus: Immer öfter und immer schneller gehe es darum, Geld aus Korruption und Betrug zu verstecken.

Es sind Billionen Dollar, die inzwischen rund um den Globus in verschwiegene und sichere Häfen gesteuert werden, schreibt Bullough: in Briefkastenunternehmen auf der karibischen Insel Nevis beispielsweise. Von dort wandert das Geld in den Bau von Luxus-Appartements in New York oder London, in Unternehmensbeteiligungen oder in Trusts, deren Erträge allein den Kindern und Enkeln der Milliardäre gewidmet werden. Steuerfrei, versteht sich.

Staatsbürgerschaft gratis dazu

Diese Fallbeispiele aber sind nur die eine Seite des Buchs. Die andere Seite sind die Strukturen, die dieses Moneyland erst ermöglichen. Es sind nicht nur zufällige und ärgerliche Lücken in der Gesetzgebung der großen Finanzplätze London, New York oder Zürich. Schuld sind rein nationale Regelungen, während Geld doch längst international geworden ist.

Regierungen sind sehr großzügig, wenn sie versuchen, Investoren für ihre Länder zu begeistern. Manche verzichten darauf zu prüfen, woher das Geld kommt, mit dem beispielsweise Immobilienentwickler arbeiten. Manche geben zu einer bedeutenden Investition gleich die Staatsbürgerschaft dazu. Das tun nur Bananenstaaten? Mitnichten. Auch Länder der Europäischen Union machen so etwas.

Der Brandbeschleuniger ist die Digitalisierung: Musste man vor ein paar Jahren noch Bargeld, Gold oder Diamanten in einen Koffer packen und mitnehmen, um sie außer Landes zu schaffen, so lässt sich das heute mit Kryptowährungen, Online-Käufen oder anderen Internet-Geschäften erledigen. Moneyland wächst nahezu unkontrolliert, schreibt Bullough.

Korruption, die Leben kostet

Nun könnte man argumentieren, dass es doch egal ist, wer sein Geld wo anlegt, verpulvert oder arbeiten lässt. So ist es aber nicht. Denn Bullough beschreibt, wie aussichtslos der Kampf gegen die Korruption in den Ländern Osteuropas oder Afrikas ist, wenn das Geld erst einmal im Ausland angekommen ist.

In einer erschütternden Geschichte über Krebspatienten in der Ukraine erzählt er, wie Kindern die Behandlung vorenthalten wird, auf die sie eigentlich Anspruch haben – weil der Chefarzt der Klinik ein System von Bestechung und "Behandlungsgebühren" etabliert hatte, von dem zu viele profitierten, als dass man es nach der Revolution hätte problemlos austrocknen können.

Noch schwieriger ist es, im Ausland beschlagnahmtes Geld an die Länder zurückzugeben, denen es gestohlen wurde. Oft wird hier nur ein korruptes Regime durch ein anderes abgelöst, manchmal findet sich nachgerade niemand, dem man zutraut, das Geld anständig zu verwalten und zum Wohl der Bürger des Landes zu verwenden.

Moneyland untergräbt allein durch seine Existenz die Bemühungen der Anständigen, ganze Länder in eine bessere Zukunft zu führen – oder auch nur eine Krebsstation mit den Medikamenten zu versorgen, die die Patienten zum Überleben brauchen. Deshalb kämpft Bullough dafür, es trockenzulegen, seine Zugänge zu versperren und seine dunklen Kanäle zuzuschütten.

Wenig Rezepte gegen das Unwesen

Die Vorschläge dazu fallen allerdings – und das ist der einzige gravierende Vorwurf, den man dem Autor machen kann – ziemlich dürftig aus. Gerade einmal zehn Seiten seines 330 Seiten dicken Buchs widmet er ihnen.

Kapitalverkehrskontrollen fände Bullough gut – und gibt doch im nächsten Atemzug zu, dass sie auch ganz legale, für die Globalisierung notwenige Finanztransfers behindern würden. Dass Unternehmen eine verantwortliche Person nennen sollen, wenn sie beispielsweise in der Harley Street registriert werden, verlangt er – und gesteht, dass es das Gesetz in Großbritannien längst gibt. Nur kontrolliert werden die Angaben der Unternehmen eben nicht.

Bullough fordert mehr politische Energie, um Moneyland auszutrocknen – und erzählt dann vom Antikorruptionstelefon der britischen Regierung, das seit Monaten nicht mehr klingelt. Weil sich die Briten im Augenblick für andere Dinge interessieren, als dafür, den dubiosen Quellen des Reichtums ausländischer Potentaten nachzuspüren. Den Brexit zum Beispiel.

Doch auch, wenn man am Ende nicht erfährt, wie man Korruption effektiv bekämpft – Bullough hat mit "Land des Geldes" ein überzeugendes, interessantes und sehr gutes Buch geschrieben.

Oliver Bullough: "Land des Geldes. Warum Diebe und Betrüger die Welt beherrschen"
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
Verlag Antje Kunstmann, München 2020
332 Seiten, 25 Euro

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