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Studio 9 | Beitrag vom 10.10.2019

Olga Tokarczuks literarisches WerkDen Finger in die Wunde legen

Von Sabine Adler

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Bücher der polnischen Autorin Olga Tokarczuk in einem Schaufenster einer Buchhandlung in Warschau (picture alliance/NurPhoto)
Die mit dem Literatur-Nobelpreis für 2018 ausgezeichnete Olga Tokarczuk gilt als wichtige demokratische Stimme Polens. (picture alliance/NurPhoto)

Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk ist eine mahnende Autorin. In ihrem jüngsten Roman plädiert sie für Vielfalt und wehrt sich gegen die beschönigend dargestellte Landesgeschichte durch die polnische Regierung.

Olga Tokarczuks Literatur wird häufig als anarchisch beschrieben, was stimmt, wenn damit unangepasst, unkonventionell, Offenheit für Nichterprobtes gemeint ist. Sieben Jahre schrieb sie an ihrem jüngsten, einem historischen Roman "Die Jakobsbücher", die auf der Seite 1178 beginnen und bei denen sich der Leser nach vorn arbeitet. Die in Breslau lebende Autorin, die sich mit Vorliebe zum Schreiben in die Berge an der tschechischen Grenze zurückzieht, erzählt, wie sich eine Gesellschaft in der Krise entwickelt. Der Leser soll den Roman verstehen als ein Plädoyer für Toleranz und Vielfalt. Mitten in einer Wirtschaftsflaute strömen Fremde, Andersgläubige herbei, die die Gesellschaft nun aufnimmt. Der historische Stoff, den Olga Tokarczuk teilweise fiktiv angereichert hat, besitzt für sie große Aktualität.

"Eine Geschichte, die uns verstehen lässt, woher wir kommen"

"Ich befasse mich mit der Frage, woher das Böse in der Welt kommt, wie man die Welt besser machen kann. Jakob Frank war in gewissem Sinne ein Prä-Zionist. Er hatte als Erster die Idee, dass sich Juden in der Diaspora zusammenschließen und einen kleinen Staat mit einer Selbstverwaltung gründen sollten. Auf der anderen Seite war er ein Psychopath und ein Mensch, der jedem Betrug aufsaß. Psychologisch, soziologisch ein komplizierter Charakter. Das ist eine überaus aufklärerische Geschichte, die uns verstehen lässt, woher wir kommen und was uns zu denen gemacht hat, die wir heute sind."

Jakob Frank ist eine reale Figur aus dem 18. Jahrhundert. Religionen waren ihm wie Schuhe, die man auf dem Weg zum Herrn wechseln kann. Für die einen war er ein Messias, seine Gegner beschimpften ihn als Scharlatan oder gar Ketzer.

Provokation und Religionenwechsel

Jakob wird das Schtetl zu eng, in dem sich die osteuropäischen Juden von der Welt abschotten. Er pfeift auf den Talmud und die Thora, schlägt über die Stränge, provoziert, bis man ihm nach dem Leben trachtet, sucht Schutz in Istanbul und konvertiert dort zum Islam. Wenig später lässt er sich taufen. Seinem Beispiel folgen Tausende Anhänger, alles sogenannte Frankisten.

"Lemberg ist ihm nicht so zugetan wie die armen Dörfer und die Schtetlech. Den Reichen und Zufriedenen pressiert es nicht mit dem Messias. Der Messias ist bekanntlich der, auf den man ewig wartet, also muss jeder, der daherkommt und sagt, dass er es wäre, ein falscher Messias sein, denn der echte kommt schließlich nie. Das ist der Sinn der Sache. Sie überschreien Jakob, als er in der Lemberger Synagoge zu sprechen beginnt. Schlussendlich reißt er das Rednerpult heraus und schleudert es in die Menge, dann muss er flüchten, denn sie rücken auf ihn zu, wütend und aufgebracht."

Auch dunkle Kapitel gehören zur Geschichte

"Die Jakobsbücher" sind Olga Tokarczuks Antwort auf eine simplifizierende und beschönigende Geschichtsschreibung, die die derzeitige polnische Regierung dem Land verordnen möchte. Mit der kann die Schriftstellerin, die Psychologie studiert hat und inzwischen als wichtige demokratische Stimme Polens gilt, nichts anfangen – gerade weil sie aus der multiethnischen Vergangenheit ihres Heimatlandes schöpft, in der jahrhundertelang mehrere Religionen nebeneinander existierten, häufig genug aber auch gegeneinander agierten. Weil die heute gekürte Literaturnobelpreisträgerin in der Vergangenheit forderte, sich auch dunklen Kapiteln zuzuwenden, wie dem polnischen Antisemitismus, wurde sie zuhause teils heftig angefeindet, auch wenn man sie heute feiert.

Tokarczuks jüngster Historienroman ist fulminant erzählt. Die 57-Jährige haucht den Ereignissen, Orten und Personen Leben ein, schwelgt in der Fülle des Materials. Vor dem inneren Auge des Lesers zieht ein üppig ausgestatteter Kostümfilm vorüber. Das Buch ist reich illustriert mit historischen Kupferstichen, Landkarten, technischen Zeichnungen und Gemäldereproduktionen. Gerade rechtzeitig erschienen Anfang Oktober "Die Jakobsbücher" auch auf Deutsch.

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