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Fazit | Beitrag vom 17.10.2019

Oleg Senzow stellt Autobiografie vorÜber das Schreiben in Haft

Von Inga Lizengevic

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Oleg Senzow lächelt freundlich in Richtung des Betrachters. (Markiian Lyseiko / Ukrinform / imago-images)
Oleg Senzow beschreibt in seinem neuen Buch auch das Leben in russischen Gefängnissen. (Markiian Lyseiko / Ukrinform / imago-images)

Oleg Senzow wurde 2014 von russischen Agenten festgenommen, verschleppt und saß bis vor kurzem in Haft. In Kiew hat er seine Autobiografie vorgestellt und dabei auch angedeutet, unter welchen Druck er in Gefangenschaft gesetzt worden ist.

Der Zuschauerraum ist gut gefüllt im "Haus des Films" in Kiew. Es sei ein aufregender Augenblick, sagt die Hauptredakteurin des Verlags. Als sie das Buch für den Druck vorbereitet habe, noch im Sommer, war nicht daran zu denken, dass Oleg Senzow es selbst präsentieren werde:

"Einen schönen Abend allerseits. Ich werde heute in der Sprache von Puschkin und den russischen Okkupanten sprechen. Ich arbeite an meinem Ukrainisch, aber zurzeit ist es noch nicht so weit."

Unleserlichkeit als Waffe gegen Zensur

Oleg Senzow wurde auf der Krim geboren - Russisch ist seine Muttersprache. Seine Kindheit verarbeitete er in dem Erzählband "Leben". Sein neues Buch schließt daran inhaltlich und stilistisch nahtlos an.

In "Marketer" geht es um seine Studienjahre in Simferopol. Geschrieben hat er es 2018 in russischer Haft und möglichst unleserlich, genauso wie seine anderen Notizen:

"Man wusste, dass ich Regisseur und Schriftsteller bin und immer etwas schreibe. Das hatte keinen interessiert. Höchstens das Tagebuch meines Hungerstreiks. Mindestens 145 Seiten. Aber die Handschrift ist wirklich schlecht, weil mein Zustand schlecht war und weil ich extra unleserlich geschrieben habe, damit keiner es entziffern kann. Darin habe ich viel über das Gefängnis geschrieben. Und das mögen die Wärter nicht. Es war riskant. Sie hätten es wegnehmen können. Auch meine anderen Schriften. Auch Marketer."

"Marketer" ist eine Wortschöpfung. So nannten sich in den 1990er-Jahren Senzow und andere Studenten des Fachs "Marketing". Damit wurde auf der Krim jeder, der mit Marktwirtschaft zu tun hatte, bezeichnet.

Das Buch ist biographisch, aber in der dritten Person geschrieben. Für Senzow sei es so einfacher gewesen, objektiv zu bleiben: "Ich habe versucht, mich von der Seite und ohne jegliche Beschönigung zu sehen. Man muss ehrlich schreiben. Man muss spannend schreiben. Und ob man währenddessen im Gefängnis sitzt oder nicht, das macht keinen Unterschied."

Eine Odyssee durch russische Gefängnisse

Entziffert hat die Handschriften seine Assistentin Anastasiya Chernaya. Sie sitzt neben ihm auf der Bühne und denkt mit Schrecken zurück an den Moment, wo die Zettel aus dem Gefängnis kamen: "Es mag zynisch klingen, aber der erste Gedanke, den ich hatte, war: Oh, hunderte Seiten in der Handschrift von Oleg, das ist echt viel."

Oleg Senzow wurde 2014 auf der Krim festgenommen. Er war damals 38 Jahre alt, hatte seine ersten Erfolge auf Filmfestivals, steckte in den Dreharbeiten seines zweiten Spielfilms. Dann kamen die Maidan-Proteste und die russische Annexion der Krim. Seine Heimat.

Er wollte aktiv werden, möglichst viele ukrainische Militärangehörige retten und von der Halbinsel schmuggeln. Im Mai 2014 wird er vom Geheimdienst FSB nach Russland verschleppt und zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt. Seine Odyssee durch russische Gefängnisse beginnt.

"Ich habe die ganzen fünf Jahre lang geschrieben. Überall. Ich war in verschiedenen Straflagern im Norden. In Labytnangi, in Yakutien, und in den FSB-Gefängnissen Rostow und Lefortowo. Drehbücher, Bücher, Erzählungen, Notizen und das Tagebuch meines Hungerstreiks. Ich hoffe, dass es nächstes Jahr herausgegeben wird. Und meine Gefängnis-Erzählungen. Beides zusammen wird einen Eindruck davon vermitteln, wie so ein Gefängnis ist. Es jetzt hier zu erzählen, hat keinen Sinn."

Hungerstreik während der Fußball-WM

145 Tage dauerte sein Hungerstreik vor und während der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland 2018. Er löste weltweit Proteste und Solidarität aus. Die politischen Gefangenen in Russland und ihr Leben in Lagerhaft war wieder ein Thema.

"Du gehorchst dem Klingelzeichen. Um 6 Uhr stehst du auf, machst deine Liege, ziehst dich an, stellst dich in die Reihe, wäschst dich. In Reih' und Glied gehst du frühstücken. Danach gibt es einen einstündigen Vortrag darüber, wie man im Knast zu leben hat. Man hört Radio. Alles in Reih' und Glied. Du bist ständig im Kollektiv. In Reih' und Glied wird gegessen, geschlafen, zum Klo gegangen, geduscht. Immer im Kollektiv. Es gibt keine Minute der Einsamkeit. Kommt gar nicht vor."

Keine Einsamkeit, aber immer mal eine halbe Stunde zum Schreiben. Die nutzte Senzow überall, trotz der Enge, trotz der Marschiererei. In den fünf Jahren hatte Oleg die ganze Bandbreite der russischen Straflager kennengelernt.

"In Lefortowo ist völlige Isolation. Und Labytnangi ist der verfaulteste Ort, an dem ich je war. Da werden die Menschen psychisch und physisch gebrochen. Auf mich wurde kein körperlicher Druck ausgeübt. Aber psychischer Druck. Diese Geschichte möchte ich jetzt nicht erläutern."

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