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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.09.2015

Oleg ChlewnjukPutin ist nicht Stalin

Von Sabine Adler

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Reproduktion eines Propaganda-Plakates, das den sowjetischen Diktator Josef Stalin (1878-1953) zeigt (Deutschlandradio/ dpa / picture alliance / Jens-Ulrich Koch)
Reproduktion eines Propaganda-Plakates, das den sowjetischen Diktator Josef Stalin (1878-1953) zeigt (Deutschlandradio/ dpa / picture alliance / Jens-Ulrich Koch)

In seinem Buch lotet der Stalin-Biograf, Oleg Chlewnjuk, das Verhältnis des heutigen Russlands zum einstigen "Führer" aus – und beklagt, dass der Stalinismus keinerlei Aufarbeitung erfährt.

Stalin-Poster auf den Straßen Moskaus 2010 zum 65. Jahrestag des Sieges über Nazideutschland. Und eben erst, 2015: ein an sowjetische Schauprozesse der 1930er Jahre erinnerndes Gerichtsverfahren gegen die beiden Ukrainer Oleg Senzow und Alexander Koltschenko.

Ist der Stalinismus ins heutige Russland zurückgekehrt? Der Historiker und Biograf Oleg Chlewnjuk bremst solche Schreckensszenarien. Übersieht aber auch nicht, was Besorgnis erregt.

"Ich glaube nicht, dass es in der modernen Welt noch einmal eine solche Diktatur und diese Repressionen wie in den 30er Jahren gibt.

Aber es besteht die Gefahr, dass der Staat noch einmal Gelüste entwickelt, die Menschen zu unterjochen und der Mensch nichts zählt. Und dass jeder, der sich nicht den Interessen des Staates unterordnet, zum Feind erklärt wird.

Unter Stalin wurden in den 30er Jahren 700 000 Menschen erschossen. Damit ist die heutige Zeit natürlich nicht zu vergleichen. Aber der autoritäre Staat, die Missachtung der Demokratie sind Rückfälle."

Zwanzig beziehungsweise zehn Jahre Arbeitslager bekamen der Regisseur Senzow und der sogenannte Antifaschist Koltschenko für mutmaßlich geplante und in zwei Fällen angeblich bereits ausgeführte Terroranschläge auf der Krim. Zehn und 20 Jahre Haft in einem Verfahren ohne Beweise – das sind Strafen Stalinschen Ausmaßes.

Das Gesetz, nachdem Empfänger westlicher Hilfsgelder sich und ihre Organisationen als ausländische Agenten bezichtigen müssen, knüpft an Stalins Weltsicht an, die Gesellschaft in Freund und Feind einzuteilen. Schuld an fehlenden Erfolgen hat der äußere und innere Gegner, nicht das eigene Unvermögen.

Und doch warnt der Stalin-Biograf Chlewnjuk dringend davor, in Wladimir Putin einen aufkommenden Stalin zu vermuten. Selbst wenn der russische Präsident den Diktator gern als effizienten Manager dargestellt wissen möchte, der die Sowjetunion modernisierte und industrialisierte.

"Stalin ging es vor allem um politische Säuberungen"

(Siedler-Verlag )Oleg Chlewnjuk - Eine Biographie (Siedler-Verlag )"Putin ist ein Politiker und als solcher weiß er sehr gut, dass es in Russland eine ganze Menge Menschen gibt, die vielleicht nicht Stalin-Fans sind, ihn aber doch positiv sehen. Deswegen äußert sich Putin nicht in scharfer Form über Stalin.

Andererseits weiß er, dass es viele gibt, die Stalin verurteilen und deswegen bewegt er sich von Zeit zu Zeit auf sie zu. In Moskau wird ein neues Gulag-Museum eröffnet."

Wie in Nazi-Deutschland Hitler wird im heutigen Russland Stalin mancherorts verklärt. Oleg Chlewnjuk beweist anhand von Quellen, dass Stalin die Massen-Hinrichtungen geplant, überwacht und Erschießungen sowie Folter persönlich angeordnet hat.

Iosseb Dschugaschwili, der sich erst mit Anfang 40 Stalin nannte, strahlt für heutige Anhänger als Saubermann, unter dem es  Beamte angeblich nicht wagten zu stehlen oder Schmiergeld zu nehmen, unter dem es sozial, gerecht zuging. Wie wenig diese Idealisierung mit der Realität zu tun hat, zeigt Oleg Chlewnjuk in seiner neuen Stalin-Biografie.

"Die Beamten haben auch unter Stalin viel besser gelebt als der Durchschnitt, die Nomenklatura war nicht weniger schrecklich, denn sie hatten alle Macht, um über Leben und Tod eines x-beliebigen Bürgers zu entscheiden. Sie dagegen waren juristisch praktisch unantastbar.

Stalin interessierte der Kampf gegen Korruption überhaupt nicht, ihm ging es ausschließlich um politische Säuberungen, alles war politisch motiviert."

Stalin-Diktatur wird nicht aufgearbeitet

Obwohl heute dank des Zugangs zu den Original-Protokollen von Sitzungen der Regierung, des Politbüros endlich nicht mehr auf gefälschte und bereinigte Protokolle zurückgegriffen werden muss, findet in Russland keine Aufarbeitung der Stalin-Diktatur statt. Und das wird sich auch nicht so schnell ändern.

"Das wäre wichtig, aber es kann nicht stattfinden wie in Deutschland, denn die Sowjetunion hat gegen die Nazis gewonnen. Es gab Institutionen wie den Geheimdienst, der Verbrechen begangen hat, aber er gilt dennoch nicht als verbrecherische Organisation insgesamt.

Denn die Mitarbeiter waren zwar an den Repressionen beteiligt, haben aber auch an der Front gekämpft und haben die Nazis besiegt. Somit wurde das System nicht verurteilt, sondern es wurde sogar legitimiert."

Eine Stalin-Aufarbeitung könne nur der Anfang sein, erklärt der Moskauer Geschichtsforscher Oleg Chlewnjuk. Genug Arbeit für Generationen von Historikern.

Oleg Chlewnjuk: Stalin - Eine Biographie
Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm
Siedler-Verlag, München 2015
592 Seiten, 29,99 Euro, auch als ebook

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