Olaf Sundermeyer: „Blaues Land. Über Leben mit der AfD“
© Herder Verlag
Vom „gärigen Haufen“ zur Kaderpartei
09:12 Minuten

Olaf Sundermeyer
Blaues Land. Über Leben mit der AfDHerder, Freiburg im Breisgau 2026256 Seiten
22,00 Euro
Journalist Olaf Sundermeyer beobachtet die AfD seit ihrer Gründung vor 13 Jahren. In "Blaues Land. Leben mit der AfD" geht er der Frage nach: Wie verändern sich Land und Gesellschaft, wenn die Partei bereits zum Machtfaktor geworden ist?
"Begleiten Sie, liebe Leserinnen und Leser, mich ins ‚blaue Land‘". Diese Aufforderung spricht Olaf Sundermeyer im Einleitungskapitel aus, und formuliert einige Leitfragen, die er mit auf seine Recherchen nimmt: „Wie konnte die AfD in dieses reale Machtszenario gelangen? Wie verändert sie Politik und Gesellschaft, wo sie bereits die stärkste Partei ist? Welcher Umgang lässt sich mit dem gesellschaftlichen und politischen Zustand finden, der sich daraus ergibt, ohne den Rechtsstaat zu opfern und die Demokratie aufzugeben?“
Auf 275 Seiten (plus Anmerkungen) gliedert Sundermeyer seine Antworten in drei Kapitel, die mit „Botschaften aus dem ‚blauen Land‘", „Der Kampf um die Vorherrschaft“ und „Überleben mit der AfD“ betitelt sind. Das Buch geht dabei deutlich tiefer als der gleichnamige Film „Blaues Land“, der 2025 im rbb ausgestrahlt wurde.
Vorbereitung auf eine Machtübernahme
Olaf Sundermeyer berichtet seit über 20 Jahren über Rechtsextremismus und seit ihrer Gründung 2013 auch über die AfD. Und diese langjährige Erfahrung merkt man dem Buch an vielen Stellen an, wenn er den Weg der AfD von einem „gärigen Haufen“ (Alexander Gauland) hin zu einer Kaderpartei beschreibt, in der sich Mitglieder in Akademien systematisch auf eine Machtausübung vorbereiten. Sundermeyer schildert packend die AfD in ihrem Umfeld aus rechten Streamern, die Vernetzung mit dem rechtsextremen Vorfeld.
Sein Fokus liegt dabei vor allem auf Brandenburg, wo Sundermeyer für den rbb seit vielen Jahren arbeitet, mittlerweile auch lebt. Dort liegt das „blaue Land“, wo die AfD mittlerweile als „Volkspartei“ wahrgenommen wird und sich mit Bürgerdialogen auch abseits der Wahltermine gesellschaftlich festigt. Parteibüros werden zu sozialen Treffpunkten ausgebaut. Diese Strategie des Dauerwahlkampfs, die im Osten entwickelt wurde, wendet die AfD auch in Westdeutschland an. Sundermeyer kommt ursprünglich aus Nordrhein-Westfalen, auch aus seiner Heimat fließen Beobachtungen und Analysen ein.
Kundiges Porträt möglicher künftiger AfD-Führungsköpfe
Wer einen Eindruck davon gewinnen will, welche Personen die AfD in einer Zeit nach Alice Weidel und Tino Chrupalla prägen könnten, wird bei Sundermeyer auf jeden Fall fündig. René Springer und Dennis Hohloch aus Brandenburg zählt er dazu, aus Nordrhein-Westfalen die Landtagsabgeordnete Enxhi Seli-Zacharias.
Sundermeyer ergänzt seine Beobachtungen auch durch persönliche Bewertungen in der Ich-Form, beschreibt auch seine Selbstverortung als Reporter, der im Öffentlich-Rechtlichen über die AfD aufklären will und dafür angefeindet wird. „Für nicht wenige von ihnen sind wir Feinde. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie. Ich bin für niemanden, das ist mein Job. Aber das recht vielen von ihnen schon.“
Hinzu stellt er treffende Zitate von Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger aus deren Buch „Zerstörungslust“, die zum Weiterdenken anregen: „Zu den Kennzeichen der Gegenwart gehört, dass der Verlust der Zukunft einen nostalgischen Blick in die Vergangenheit auslöst, der vorwiegend aus sentimentalen Fantasien besteht. Gerät die Zeit aus den Fugen, fügen die Menschen die Zeit für sich zusammen.“
Lesenswert – trotz einzelner Schwächen
Einen Nachteil allerdings hat das Buch: Sundermeyer schildert zwar minutiös die Entwicklung und Strategien der AfD, es fehlt jedoch der Perspektivwechsel, der Blick auf die gesellschaftlichen Auswirkungen. Was passiert in den Schulen, in den Vereinen, wenn die AfD und ihre Anhängerschaft dominiert? Und wie können erfolgreiche, pragmatische Strategien der Auseinandersetzung im Alltag aussehen?
Die Textpassagen bleiben hier leider etwas knapp. Zum Beispiel, wenn der Autor schildert, wie die CDU-Landrätin Karina Dörk mit einer pragmatischen Art und quasi ohne Wahlkampf gegen den AfD-Herausforderer gewonnen hat – Persönlichkeit zählt, Überzeugungskraft. Bei der AfD gelte das Schulhofprinzip, Hadern und Ängstlichkeit würden bestraft.
Im Interview mit Deutschlandfunk Kultur betont Sundermeyer, dass die Zivilgesellschaft nicht zurückweichen dürfe, in Räumen wie Stadtrat oder Verein müsse der AfD widersprochen werden. Die rote Linie sei die Verteidigung der Menschenwürde. Seine Botschaft: „Bleibt stabil und wendet euch nicht gegen Menschen, sondern gegen Positionen, die menschenfeindlich sind und den Rechtsstaat gefährden.“
„Blaues Land“ ist trotz dieser Schwäche ein überaus lesenswertes Buch, das auch für langjährige Beobachter der AfD überraschende Einsichten bietet.






















