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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.05.2006

Ohne Bögen und Schnörkel

Pritzker-Architekturpreis an Brasilianer da Rocha in Istanbul verliehen

Von Klaus Hart

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Der brasilianische Architekt Paulo Mendes da Rocha. (AP)
Der brasilianische Architekt Paulo Mendes da Rocha. (AP)

Der brasilianische Architekt Paulo Mendes da Rocha hat in Istanbul den amerikanischen Pritzker-Prize erhalten, der als Nobelpreis der Architektur gilt. Er wurde dem 78-jährigen für dessen umstrittenes Lebenswerk verliehen. Mit seiner Betonarchitektur gilt er als ein Vertreter des so genannten brasilianischen Brutalismus.

Auf einmal schaut die Welt wieder auf Brasiliens Architektur, interessieren sich auch Europas Stadtgestalter wieder mehr für die Arbeit ihrer brasilianischen Kollegen. Über diesen Nebeneffekt des Pritzker-Preises freut sich Paulo Mendes da Rocha derzeit am meisten. In einem von erschreckenden Sozialkontrasten geprägten Drittweltland haben er und sein Vorbild Oscar Niemeyer indessen mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Entsprechend radikal sind die Positionen, die Vorschläge für eine Humanisierung der urbanen Zentren.

Ansicht von Sao Paulo (AP)Ansicht von Sao Paulo (AP)"Diese Planlosigkeit, diese Zerstörung des Raums in der brasilianischen Stadt ist einfach ein Horror. Dies zeigt die Armseligkeit des Denkens der Reichen. Wie die Geier über Aas sind der Markt, die Immobilienspekulanten, über Sao Paulo hergefallen, haben es in eine Ware verwandelt und jeden Quadratzentimeter verhökert, die Stadt immer mehr verdichtet. Ich leide darunter unglaublich. Sao Paulo wurde bereits dreimal übereinander errichtet, ohne jemals bombardiert worden zu sein. Die Distanz zwischen den urbanistischen, architektonischen Möglichkeiten und der abstoßenden Realität ist einfach enorm. Vergiftete Flüsse und verpestete Luft durch die Autos, überall krasse Fehler."

In Brasilia oder Sao Paulo findet man vor allem gut bewachte Wohngettos der Mittel- und Oberschicht sowie riesige, rasch wachsende Slums. Im Unterschied zu Europa wird Altes, sogar barocke Kolonialarchitektur, gewöhnlich bedenkenlos niedergerissen, durch Billigbeton ersetzt. Oscar Niemeyer von der Copacabana ist entsetzt über die bauliche Verschandelung Rio de Janeiros – und in der Megametropole Sao Paulo, so meint er, ließen sich die Lebensbedingungen nur verbessern, indem man ganze Stadtviertel abreißt, dort Parks und Gärten anlegt.

Trotz der viel zu engen, mit Autos verstopften Straßen wird weiterhin ein Hochhaus neben das andere gestellt, bleibt kaum Platz für Grün. Architekt Rocha plädiert ebenfalls für eine radikale, wenngleich utopische Lösung:

"Ich würde die Privatautos abschaffen, dafür einen effizienten, komfortablen Nahverkehr installieren, das U-Bahn-Netz entsprechend erweitern. Man kann doch nicht eine Stadt für die Menschen und eine nur fürs Unterstellen der Autos errichten. Die Tiefgaragen der Blocks sind nur zu oft größer als die Wohnungen selbst."

Ebenso wie Oscar Niemeyer, der in Sao Paulo zahlreiche Gebäude, sogar einen Wohnblock für 5000 Menschen errichtete, ist auch Paulo Mendes da Rocha in seinem Heimatland durchaus umstritten. Denn Rocha ist ein Vertreter des so genannten brasilianischen Brutalismus. Rocha bevorzugt unverkleideten Stahl und rohen Beton. Zum Beispiel sein nationales Skulpturenmuseum – Blöcke wie aus dem Baukasten zusammengefügt, alles unverputzt, keinerlei Verzierung, keinerlei Kurven, Bögen. Seine Wohnbauten, Verwaltungszentren, ein Kaufhaus wirken ähnlich klobig, spartanisch, erinnern an überdimensionale Schuhkartons aus Beton. Den meisten Leuten ist das offenbar egal, denn Rocha-Bauten funktionieren, sind ungemein praktisch für die Benutzer, in einer weithin chaotischen Stadt daher regelrecht beliebt.

"Etwas ironisch würde ich sagen: Meine Arbeit charakterisiert, dass ich mich um Dinge sorge, die ich nicht tun darf. Dass mir sehr bewusst ist, was ich aus humanistischen Erwägungen auf jeden Fall unterlassen muss."

Auf einen historischen Platz Sao Paulos, eine schöne barocke Kirche erdrückend, hat Rocha ein rohes, eckiges Stahlbetonportal gesetzt, daran die Überdachung einer U-Bahn-Station aufgehängt. Ungemein praktisch sogar für viele Obdachlose. Doch die Präfektur überlegt, das just als "brutal" kritisierte jüngste Werk Rochas wieder abzureißen.

Eine typisch brasilianische Architektur kann der Pritzker-Preisträger nicht entdecken. Und seine Sicht der Weltarchitektur? Die deutsche Hauptstadt, so urteilt Rocha, sei nach der Rekonstruktion jetzt schlechter als vor dem zweiten Weltkrieg.

"Wer als Brasilianer mit dem Zug etwa von Kassel nach Berlin fährt, ist seit zehn Jahren erschrocken über die wohl von Türken und anderen Ausländern errichteten Slums direkt an der Bahnlinie. So etwas hat man in Deutschland nicht erwartet."

Slums direkt an den Schienen? Befragte Einwohner Sao Paulos meinten belustigt, dass Rocha ganz offensichtlich die deutschen Schrebergärten mit ihren Bungalows für Slums hält. Tücken der Wahrnehmung in beiden Richtungen – siehe die zahllosen Brasilienklischees.

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