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Zeitfragen | Beitrag vom 19.11.2019

Österreichs Schmalspurbahnen Plötzlich wieder zeitgemäß

Von Stefan May

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Ein Zug der Zillertalbahn in Tirol, Österreich in einem Bahnhof. (Deutschlandradio / Stefan May)
Voriges Jahr beförderte die Zillertalbahn in Tirol an die 2,9 Millionen Fahrgäste, 403.000 mehr als im Jahr davor. (Deutschlandradio / Stefan May)

Stau ist Alltag im österreichischen Nahverkehr. Deshalb steigen viele um auf die lokalen Züge, darunter auch sogenannte Schmalspurbahnen. Im Zillertal fahren sie demnächst sogar mit Wasserstoff. Das alte Verkehrsmittel birgt einiges an Potenzial.

Österreichs Schmalspurbahnen und viele in den Nachfolge-Staaten der Habsburgermonarchie von Rumänien bis zur Ukraine fuhren und fahren auf besonders schmaler Spur: 760 Millimeter, das ist fast halb so breit wie die europäische Normalspur. Vielleicht hat man diesem Verkehrsmittel auch deshalb lange Zeit so wenig zugetraut. Zu Unrecht, meint der Eisenbahnexperte Gunter Mackinger.

"Schmalspur hat den Vorteil, dass es auf der einen Seite möglich ist, einen ganz modernen Eisenbahnbetrieb mit hohen Geschwindigkeiten abzuwickeln, der also den heutigen Bedürfnissen an Stadt- und Regionalverkehr gerecht wird. Und auf der anderen Seite gibt ´s natürlich schon so etwas wie die Lieblichkeit des Kleineren. Also, hier wird schon ein gewisser Kindcheneffekt spürbar, wo Menschen sich von einer Schmalspurbahn einfach, grad in Zeiten wie diesen, wo nur Groß und Schnell ein Kriterium ist, eher wahrgenommen fühlen, als dies beispielsweise bei einem Hochgeschwindigkeitszug der Fall ist."

Mackinger war Betriebsleiter der dem Land gehörenden Salzburger Lokalbahn, als sich die Österreichischen Bundesbahnen ÖBB der Pinzgauer Lokalbahn zwischen Zell am See und Krimml entledigen wollten. 2005 hatte ein Hochwasser fast die Hälfte der insgesamt 53 Kilometer langen Strecke weggespült. Laut Gunter Mackinger hatte das zur Folge:

"Dass also niemand daran glaubte, dass hier noch einmal ein Schmalspurzug Krimml erreichen könnte. Die Salzach hat sich durch ihr großes Hochwasser ihr Bett erweitert, und die Bahn führte im Wesentlichen am alten Uferdamm der Salzach. Und den gab´s nicht mehr, und vielfach hat man dann Streckenabschnitte in der Mitte der neuen Salzach vorgefunden."

"Wir wollen und dürfen keine Museumsbahn sein"

Der heutige Landeshauptmann von Salzburg, also der Ministerpräsident des Bundeslandes, und einige Engagierte um Gunter Mackinger nutzten ein Zeitfenster, das Bundesland Salzburg erwarb die Bahn, reparierte sie von Grund auf, und machte sie zum verlässlichen Transportmittel im Pinzgau. Betriebsleiter Walter Stramitzer schwingt sich selbst auf die Lok, um die Veränderungen seit jener Zeit herauszustreichen, als ein halbleerer Zug auf klapprigem Gleiskörper gemächlich durch die Landschaft wackelte.

"Der Zug bewegt sich jetzt mit 80 km/h flott durchs Tal. Und das wird gewünscht von den Kunden, das ist zeitgemäß. Wir wollen und dürfen keine Museumsbahn sein, keine Bummelbahn, sondern müssen hier einen anständigen normalen Nahverkehr bieten. Die Straße, die parallel zur Bahn führt, ist am Limit, Stau ist hier der Alltag."

Die Bevölkerung hat inzwischen ihre Bahn ins Herz geschlossen. Die Fahrgastzahlen haben sich von 200.000 pro Jahr noch zu ÖBB-Zeiten auf 900.000 nahezu verfünffacht. Spitzenreiter aller österreichischen Schmalspurbahnen bei den Fahrgastzahlen ist aber die Zillertalbahn in Tirol, die den Anrainergemeinden gehört. Voriges Jahr beförderte sie an die 2,9 Millionen Fahrgäste, 403.000 mehr als im Jahr davor.

Zillertalbahn – gut fürs Image?

Derzeit verkehren die roten Züge im Halbstundentakt durch das Tal. Um die Zugbegegnungen reibungsloser abwickeln zu können, mussten deshalb bereits Teilstücke zweigleisig ausgebaut werden, ein absolutes Novum auf österreichischen Schmalspurstrecken. Demnächst werden zudem Fahrzeuge angeschafft, die mit Wasserstoff angetrieben werden, sagt der kaufmännische Vorstand, Wolfgang Stöhr.

"Wir als Zillertalbahn sind nicht nur die erste Schmalspurbahn weltweit, die auf diese Technologie setzen wird, sondern setzen damit auch den ersten Schritt, machen es möglich, das Zillertal auch in Bezug auf das Image für das ganze Tal moderner, attraktiver, mobiler darzustellen. Und ich glaube, wir schaffen da einfach die Basis für eine Wasserstoffregion."

30 Jahre wurde in Gmunden im Salzkammergut darum gerungen, die Straßenbahn der Stadt mit einer nur einen Kilometer entfernt endenden Überlandbahn zu verbinden. Nun fahren moderne, klimatisierte Gelenktriebwagen durch Stadt und Land. Ottfried Knoll, Hauptinitiator für den Lückenschluss und Professor an der Fachhochschule Sankt Pölten, lobt die Anrainergemeinden, neues Bauland nur mehr im Nahbereich von Haltestellen dieser so genannten Traunseetram zu widmen.

"In Gmunden ist Bauland knapp und natürlich Wohnungen teuer, das heißt, junge Familien ziehen eher tendenziell aufs Land. Die fahren aber trotzdem zur Schule, die arbeitenden Menschen pendeln nach Gmunden oder vielleicht auch darüber hinaus mit der Bahn. Und hier ist es notwendig, gute Fahrpläne anzubieten."

Lücken im Nahverkehr

In Niederösterreich steht die Verwirklichung eines Missing Link noch an: Zwischen dem nördlichsten Bahnhof der Waldviertler Schmalspurbahn und dem südlichsten Bahnhof der in Tschechien gelegenen Neuhauser Lokalbahn liegen nur ein paar Kilometer. Beide Strecken haben die Spurweite 760 Millimeter und sollten einst vereinigt werden. Doch dann kam der Erste Weltkrieg dazwischen. Das will nun eine Initiative um den Wiener Ludwig Graf nachholen.

"Das Besondere ist, dass durch diese kurze Verbindung von 13, 14 Kilometer das weltweit größte Netz in der Spurweite von 180 Kilometer entstehen würde. Ein Teil des Projektes ist auch zu versuchen, auch auf der österreichischen Seite wieder einen Planbetrieb aufzubauen, weil der öffentliche Nahverkehr zwischen Litschau und Gmünd am Wochenende nicht vorhanden ist. Da kann man nur mit ´n Auto fahren."

Das wird im Bundesland Niederösterreich, dem Schlusslicht in Sachen Schienenverkehr, nicht einfach sein. Dort hatte die Politik noch vor zehn Jahren Schmalspurbahnen von den ÖBB übernommen, um sie umgehend stillzulegen, als anderswo in Österreich bereits wieder in diese als ernst zu nehmende Verkehrsträger mit Potential investiert wurde.

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